Karl Marx und die EZB

2. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit Um die Kreditvergabe in den Krisenländern anzukurbeln, erwägt die EZB den Kauf von Unternehmenskrediten. Das hätte Verzerrungen der Kreditmärkte, staatliche Investitionslenkung und vermutlich auch höhere Inflation zur Folge. Die Euro-Zone droht in immer mehr Planwirtschaft abzugleiten...

Um den Kommunismus zu errichten, forderte Karl Marx in Punkt fünf seines „Kommunistischen Manifests“ die „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ Er wusste warum: Totale Kontrolle des Geld- und Kreditwesens bedeutet totale Kontrolle über das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben.

Die Marxsche Vision mag ihre Begeisterungswirkung verloren haben, gleichwohl bewegen sich die Euro-Volkswirtschaften – vielfach unbemerkt und mehrheitlich wohl auch ungewollt – dennoch diesem Unfreiheitsideal entgegen. Denn das Geldangebotsmonopol ist längst in der zentralistischen Staatshand – der Hand der Europäischen Zentralbank (EZB).
Allerdings gibt es bislang noch einen mehr oder weniger funktionierenden Banken- und Kapitalmarkt, in dem die Kreditkonditionen nach betriebswirtschaftlichem Kalkül zustande kommen. Doch das könnte sich bald ändern, wenn es nach dem EZB-Rat geht.

Viele Banken sind im Zuge der Euro-Krise ins Wanken geraten, sie sind nicht mehr in der Lage oder willens, neue Kredite zu vergeben. Doch die Politik (und vor allem auch die Banken- und Finanzindustrie) drängt darauf, dass sich das Verschuldungskarussell weiterdreht. Ansonsten droht eine schwere Bereinigungsrezession oder gar –depression. Mit noch mehr Kredit und Geld, bereitgestellt zu Tiefst-Zinsen, will man der Misere entkommen, die nach Jahrzehnten der Schuldenwirtschaft unabwendbar geworden ist. Der EZB-Rat sinnt deshalb darüber nach, wie er Banken dazu bewegen kann, den Fuß von der Kreditbremse zu nehmen.

Eine Idee ist nun der Aufkauf von Krediten, die Banken an kleine und mittlere Unternehmen vergeben haben. Indem sie diese Kreditrisiken aus den Bilanzen der Banken entfernt, will der EZB-Rat die Kreditvergabe wieder in Gang bringen. Dazu soll ein Markt für Anleihen entstehen, die mit Unternehmenskrediten unterlegt sind. Auf diesem Markt für „Asset Backed Securities“ (oder abgekürzt: „ABS“) sollen sich dann Preise bilden, zu denen die EZB – oder andere, von der EZB finanzierte Institutionen wie zum Beispiel die Europäische Investitionsbank – die Papiere kaufen könnte.

Tatsächlich entstünde aber allenfalls ein Scheinmarkt. Denn mit ihren Käufen würde die EZB die Kurse der ABS direkt nach politischem Kalkül beeinflussen können. Das würde die Kreditinstitute natürlich zu leichtfertigerer Kreditvergabe verleiten, denn sie können dann damit rechnen, dass sie ihre Kreditforderungen bei der EZB im Tausch gegen frisches Zentralbankgeld abladen können.

Ein solcher EZB-Eingriff in die Kreditzinsbildung würde auch unweigerlich die Kreditkosten der Kreditnehmer beeinflussen beziehungsweise direkt steuern. Denn in dem Maße, in dem die EZB die Rendite der ABS bestimmt, wird sie auch die Kreditzinsen bestimmen, die Banken ihrerseits ihren Kunden in Rechnung stellen. Welche volkswirtschaftlichen Schäden eine derartige politisch motivierte Zinsdrückerei verursacht, hat die Subprime-Krise in den USA unlängst gezeigt: Fehlinvestitionen und krisenhafte Entwicklungen wären vorprogrammiert… (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

Schreibe einen Kommentar