Kaiser ohne Kleider

15. April 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Gibt es so etwas wie mentale Nacktheit? So langsam drängt sich einem dieser Gedanke auf. Dabei fragt man sich, ob es die desinteressierte Mehrheit der Menschen ist oder aber die planlosen Entscheidungsträger, die in dieser Hinsicht besonders „ohne“ dastehen. Mich erinnern die Ereignisse der vergangenen Woche sehr an das Märchen „des Kaisers neue Kleider“…

Die erdrückende Mehrheit registriert einfach nicht, dass sich unsere „Kaiser“ permanent blamieren, weil offensichtlich immer noch ganz tief in den meisten verankert die feste Überzeugung wohnt, dass diejenigen, die dafür zuständig sind, das Ganze schon irgendwie hinbiegen werden. Da fühlt man sich als Zweifler irgendwie einsam … dabei wird einem doch die Planlosigkeit momentan förmlich um die Ohren gehauen. Beispiele? Aber gerne!

Gerade erst warnte der IWF davor, dass diese dauerhafte, ausufernde lockere Geldpolitik in Europa, Japan und den USA das Risiko birgt, dass hieraus Konsequenzen entstehen, die man momentan weder erkennen kann noch sie später unter Kontrolle bekommt. Das ist einfach so. Darüber hinaus betonte man seitens des Internationalen Währungsfonds, dass es keinen Zweck hat, über Jahre hinweg billiges Geld unter die Leute zu streuen (wobei „Leute“ natürlich nicht unsereiner ist, sondern vornehmlich Staatshaushalte und Banken), wenn man nicht mit entsprechenden Reformen die Ursachen der Probleme bekämpft. Mein Reden seit 2006! Gut, der IWF kann eigentlich schön ruhig sein, denn dort hat man schon viel Dummes gesagt und getan. Aber in dieser Hinsicht hat die Chefin dieser Institution, Christine Lagarde, durchaus recht.

Und wenn Bill Gross, Gründer des weltgrößten Anleihehändlers PIMCO, in einem Interview hervorhebt, dass es hanebüchen ist, dass Christine Lagarde vor einer neuen Krise warnt und unmittelbar darauf EU-Währungskommissar Rehn weiter auf massive Sparvorgaben pocht, die dazu angetan sind, die Prophezeiung einer neuen Krise zu erfüllen, kann man ihm nicht widersprechen. Auch nicht hinsichtlich seiner Coclusio: „Sell Euro!“

Aber irgendwie glauben die meisten Menschen weiterhin, dass alles schon irgendwie wieder hingebogen wird. Sicher, das funktionierte in den vergangenen Jahrzehnten auch. Aber denkt man an frühere Beispiele sattgefressener Hochkulturen wie Athen, Rom oder Byzanz, kommt einem der Gedanke, dass die Aussage, dass die Menschheit dazu verurteilt ist, die Geschichte zu wiederholen, wenn sie nicht aus ihr lernt, durchaus ihren Sinn hat. Und es bringt auch nichts, sich ansichtig dieser Sackgasse, in die man sich in den letzten Jahren hineinmanövriert hat, auf neben Kriegsschauplätze zu verlegen und beispielsweise zu fordern, dass der Euro als Währung abgeschafft wird. Das löst das Problem nicht, würde aber einiges noch problematischer machen.

So einfach kommen wir aus diesem Sumpf nicht mehr heraus. Und es mag auch am „Peter-Prinzip“ liegen. Offenbar wurden einige jetzt auf Schlüsselpositionen thronende Personen nach diesem Prinzip dorthin befördert: Man wird so lange auf der Karriereleiter nach oben geschoben, bis der Punkt erreicht ist, an dem man den größtmöglichen Schaden anrichten kann.

Wie anders ist es möglich, dass man nicht imstande war, seitens der Eurogruppe die Konsequenzen des eigenen Handelns zu erkennen? Eigentlich sollte diese Fähigkeit vom Alter von drei Jahren an funktionieren. Mal von der unklugen, anfänglichen Idee abgesehen, zur Deckung des „Selbstbehalts“ Zyperns auch den kleinen Leuten über Nacht in die Tasche zu greifen, stellte man nun in Zypern ebenso wie in Brüssel plötzlich fest, dass durch die zur Bereitstellung der erforderlichen gut sechs Milliarden Euro erforderlichen Maßnahmen ein derartiger Einbruch der zyprischen Wirtschaft zu erwarten ist, dass dadurch neue Kosten entstehen. Entschuldigung … das war doch logisch!

Und selbst wenn man mental zu dünn besiedelt ist, um das vorher zu erkennen, so hätte man das doch am Beispiel Griechenland sehen müssen, wo die Arbeitslosenrate gerade elegant die Hürde von 27 % überwunden hat. Das Groteske dabei ist, dass das wahrscheinliche Loch, das durch die Situation gerissen wird, mit etwa sechs Milliarden genauso groß ist wie die Selbstbeteiligung des Landes. Unter dem Strich hatte diese Verpflichtung zu einem Eigenanteils also überhaupt keinen Sinn. Außer dem, zahllose Menschen in schlimme wirtschaftliche Not zu bringen. Merkt denn niemand, dass die Kaiser der Eurogruppe keine Kleider anhaben? Und auch unser Finanzminister sagt seltsame Dinge… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Kaiser ohne Kleider"

  1. Michael sagt:

    Die FED druckt jetzt 80. Mrd. statt 40 im Monat mit der Begründung, die eine Billion im Jahr fällt bei den ca. 50 Billionen Gesamtschulden gar nicht auf. So ca. Das stimmt auch irgendwie … auffallen tut das nicht mehr.

  2. Gretel sagt:

    Es stimmt nicht, dass die Troika aus Brüssel planlos handelt. Sie handelt eben im Auftrag´, und da geht es nicht darum, den Euro oder die Europäer zu retten.
    Der Dollar und das Pfund, die beide viel tiefer in der Krise stecken, müssen mal wieder rausgehauen werden.
    Wenn das Geld der Euro-Sparer in der EU, in den Offshores und in Gold nicht mehr sicher ist, dann muss es ja heim zum Dollar.

  3. spanien sagt:

    Man wird so lange auf der Karriereleiter nach oben geschoben, bis der Punkt erreicht ist, an dem man den größtmöglichen Schaden anrichten kann.

    Das ist beste Satz den ich heute gelesen habe!
    Im übrigen ist in Spanien der König auch nackt! Das zerbrochene Königshaus-Der nackte König von Spanien (spanienleben blogspot.com).

    Und selbst wenn man mental zu dünn besiedelt ist, um das vorher zu erkennen,darf man keine Elefanten schießen, kein Gold kaufen, kein Euro sparen,es wird einem alles genommen, daran ist aber nur das Wetter schuld!
    Zeitenwende nennt man das! In Zeiten der Wende ist nichts mehr sicher, noch nicht mal die Kleider, aus dem Grund sind wir alle nackt, nur gibt es leider das Kind nicht mehr, das sagt: „Der Kaiser ist ja nackt“.

  4. Avantgarde sagt:

    Da gibt es übrigens ein sehr nettes Filmchen zum Peter-Prinzip.
    Ein wenig Spaß muß sein:
    http://www.youtube.com/watch?v=2r_u1F3IQNU
    🙂

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