Junge Hunde, Börsianer und Gummiknochen

31. Mai 2011 | Kategorie: RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Wenn man mal genauer hinsieht stellt man fest, dass wirklich gewinnbringende Trends an den Börsen nur drei, vier Monate pro Jahr existieren. Den Rest der Zeit ringen Bullen und Bären erfolglos um die Vorherrschaft … so wie dieser Tage auch. Das erinnert immer wieder an das Balgen zweier junger Hunde um einen Gummiknochen. Hier ein paar Gedanken dazu…

Gut, die „Hunde“ an der Börse sind meist nicht mehr jung. Aber die an den Tag gelegte Ausdauer erinnert an dieses Beispiel ebenso wie der sparsame Einsatz des Verstandes bei dieser Aktivität. Und, ebenso eine Parallele: Bei den Hunden ebenso wie an der Börse gilt die Binsenweisheit „der Klügere gibt nach“ nichts. Einerseits, weil derjenige, der nachgibt, damit automatisch Verluste einfahren würde, die umso höher ausfallen, je länger man aktiv durch Käufe oder Leerverkäufe versucht, „seine“ Richtung durchzuboxen. Andererseits, weil der wirklich Klügere in solchen Situationen derjenige ist, der sich von vornherein raushält. Und bei Hunden ebenso wie aktuell an der Börse laufen Fragen wie „warum ausgerechnet jetzt“ und „warum überhaupt“ hinsichtlich dieses Gezerres ins Leere. Am ehesten erschließt sich einem das wie folgt:

Wir wissen, dass die grundsätzliche Wunschrichtung fast aller Marktteilnehmer weltweit steigende Kurse sind. Privatanleger kaufen Aktien, hoffen auf Kursgewinne und nutzen selten Derivate, um in Phasen fallender Kursen zu profitieren. Und Fonds, die die Mehrheit als Investmentvehikel benutzt, dürfen das gemäß ihrer Regularien meist nicht. Außerdem suggerieren steigende Kurse, dass die Welt in Ordnung ist. Kaum jemand mag Krisen (in den Medien zwar schon, je schlimmer, desto lieber – aber nur, solange sie nicht das eigene Leben tangieren) … und verdrängt Probleme nur zu gerne. Dementsprechend reagieren Börsen auch nahezu immer auf eine Verschlechterung der Gesamtlage mit extremer Verzögerung. Man will es nicht wahrhaben, also macht man weiter, als sei alles bestens.

Der Haken dabei ist aber, dass sich dadurch eine Schere zwischen den Börsenkursen und dem Denken der Masse einerseits und der Realität andererseits auftut. Und im Gegensatz zu vielen Sparern (die natürlich auch durch rosa gefärbte Berichterstattung der Medien und der Finanzindustrie geblendet werden, die nur verdient, wenn die Anleger frohgemut immer weiter neues Geld heranschaffen) wissen das die „großen Adressen“, die Manager der Fonds, Hedge Funds, Pensionskassen oder der Eigenhandel-Abteilungen der Banken natürlich sehr wohl. Diese Klientel steht immer mit einem Bein im Notausgang und beobachtet genau, ob das Gummiband, das sich zwischen Kursen und Rahmenbedingungen spannt, zu reißen droht. Was bedeutet:

Da sich außer den flexibleren unter den privaten Tradern eigentlich nur die Banken im Eigenhandel leisten können und/oder wollen, ihre Positionierung von „forever up“ langsam in Richtung Abwärts zu verschieben, geht es runter immer schneller als rauf. Damit muss man also in Phasen wie dieser jederzeit rechnen. Denn reißt das Band, pflegen die Kurse alleine deswegen so schnell wieder auf ein der Realität entsprechendes Niveau zu fallen, weil alle kleinen und großen Akteure außerhalb der „flexiblen Fraktion“ gleichzeitig versuchen, so schnell wie möglich „draußen“ zu sein. Aber:

Es ist im Endeffekt eine Zuspitzung der Gesamtlage, die zum Reißen des Bandes führt, keine Frage. Nur ist eben aufgrund der verblüffenden Fähigkeit zur Negierung der Realität nie vorher bestimmbar, welcher der zahllosen Tropfen derjenige ist, der das Fass zum überlaufen bringt. Also orientieren sich die Marktteilnehmer in solchen Phasen immer mehr an kurzfristig entscheidenden, charttechnischen Marken oder gleitenden Durchschnitten.

Was wir im Moment sehen ist das Stadium der Entscheidung. Wir stehen, nicht zuletzt aufgrund der in den vergangenen zwei Monaten markant schlechter werdenden Konjunkturdaten in den USA und der wieder im Fokus stehenden EU-Krise (von der Lage in Nordafrika, Arabien und Japan mal ganz zu schweigen), kurz davor, dass das Gummiband reißt. Bzw. der bearishe junge Hund mit dem Gummiknochen abhaut. Ein wachsender Teil der Anlegerschaft sieht das erreichte Niveau in dieser Lage als hoch oder zu hoch an und verkauft Positionen. Andere wiederum gehen aktiv Short, was man an der Vehemenz der Verkaufswellen in den vergangenen zwei Wochen erahnen kann. Aber der Rest … der klammert sich an die Tatsache, dass es bisher ja auch immer wieder gut gegangen ist – und versucht permanent, bei Verkaufswellen dagegen zu halten und selber kurzfristige Kaufsignale zu generieren. Dahinter steckt folgende Überlegung… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Junge Hunde, Börsianer und Gummiknochen"

  1. […] Ronald Gehrt: Junge Hunde, Börsianer und Gummiknochen […]

  2. Takuto sagt:

    Man darf nicht vergessen, dass die Liquidität, die in den Umlauf gepumpt wird, ja irgendwo hin muss, und der Aktienmarkt ist ein gutes Ventil. Das wurde ja schon unter den Begriffen Katastrophenhausse (altdeutsch) bzw. neudeutsch Crack-up-Boom besprochen.

    • tizian sagt:

      Hai!
      Wenn wir den laufenden CuB im Hinterkopf behalten, kann es für Rohstoffe, Edelmetalle und Aktien langfristig nur eine Richtung geben: Norden.
      Aktuelle Nachrichten/Daten sind erst mal nur zweitrangig; und nur für die Sparerschafe gedacht, damit die bei der Stange bleiben, ihr dummes Geld den Kapitalvernichtern zur Verfügung stellen, ohne lästiges Fragen beziehungsweise ansatzweises Verstehen was aktuell sich abspielt in der großen weiten Finanzwelt.
      Bären versus Bullen erzeugen ihr sägezahnartiges Muster, jenseits jeglicher Realität, Tendenz: Norden.
      Auf lange Sicht werden die Bullen gewinnen.
      Und die Edelmetalle.
      T. aus Bln.
      wakarimashta!

  3. Gewinnen, wenn man nicht verliert…

    An der Börse geht es immer ums Gewinnen. Die Aktienkurse gewinnen, das Depot gewinnt, die Indizes gewinnen. Die Trader wollen auch Gewinner sein, denn gewinnen ist die Maxime.   Das Streben nach Gewinnen ist eine positive Eigenschaft und grun…

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