Jetzt aber mal halblang! (von Ronald Gehrt)

18. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Ja, die Lage ist ernst. Ernster noch, als ich es habe kommen sehen. Aber nicht so ernst, wie ich es nun bei manchen Kommentatoren höre. Also bitte mal halblang! Ich habe mir zwei Jahre lang die Finger wund geschrieben, habe mir dafür Pöbeleien und Drohungen von bullishen Fanatikern anhören dürfen, die komischerweise im Frühjahr ausgestorben sind.

Ich habe Banken und Regierungen der Unfähigkeit und der Lüge geziehen und mich damit allseits unbeliebt gemacht. Aber wenn Sie jetzt glauben, ausgerechnet ich gebe hiermit feierlich den Weltuntergang bekannt, haben Sie in all den Jahren an meiner Intention irgendwie vorbei gelesen. Denn:

Das Ziel einer Kolumne muss es sein, hinter den Vorhang zu blicken. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der man wieder mal beginnt, jedem dahergelaufenen Marktschreier hinterher zu laufen haben diejenigen, die anders denken, die Pflicht, sich zu Wort zu melden … und dafür die Konsequenzen zu tragen. Und ich weiß genau, wie viele wütende Mails ich nun wieder erwarten darf wenn ich behaupte: Nein, die Maßnahmen, die nun getroffen werden, sind nicht alle sinnlos, Beruhigungsspritzen und Augenwischerei!

Genau das hören Sie momentan von sogenannten alten Hasen, die doch angeblich schon alles gesehen haben und denen viele, viele Anleger blind vertrauen. Ich will eben diesen „Altmeistern“ nicht unterstellen, dass sie die Situation nicht voll durchschauen. Ich selbst habe lange lesen, recherchieren, überdenken müssen, bis ich mir einbilden konnte, die Grundstruktur der Problematik und die in sich geltenden Wechselwirkungen zumindest mit Masse zu begreifen. Sicher haben diese Helden das alles mit einem Blick erkannt. Und schon immer alles gewusst. Schade eigentlich, dass sie erst jetzt zu schreien beginnen, nachdem die Kurse senkrecht fallen. Aber sei es drum … das kennen wir. Aber das entscheidende ist: Wer ist „wir“?

„Wir“ sind Menschen, die sich schon länger intensiv mit der Börse befassen. Wäre es anders, würden Sie diese Kolumne nicht lesen, nicht einmal finden. Aber es geht jetzt um die anderen. Denen nun durch diese durchweg negativen Kommentare mit ihrer abschätzigen Bewertung der Maßnahmen der Regierungen suggeriert wird: Das hilft eh alles nichts. Was werden diese Menschen nun tun, die bislang ihre Fondsanteile noch behalten haben, die noch vor zwei Monaten, als eben diese Katastrophe bereits in sich vorhanden war, dem Trommeln zum Einstieg in „billige“ Aktien gefolgt sind?

Ja, die Maßnahmen kommen spät. Zu spät meinetwegen. Ja, die Lage ist extrem kritisch. Aber das konnte man vorhersehen. Man möge gerne meine Kolumnen der letzten Monate, ja Jahre, sofern greifbar, durchsehen. Ich habe immer und immer wieder auf die Risiken hingewiesen, die die allseits geleugneten Wechselwirkungen in der Wirtschaft unweigerlich haben werden. Was ich nicht vorhersehen konnte, dass wir nun einen Crash erleben würden. Ausgerechnet jetzt.

Ich habe in der vorherigen Kolumne letzte Woche bereits unterstrichen, wen ich dafür verantwortlich mache. Einerseits die Fanatiker, die den Weltuntergang herbeireden, nach all den Jahren endlich recht bekommen und jetzt die ehemaligen Fanatiker der Gegenseite, die den Dax bei 10.000, das Öl bei 200 und Gold bei 1.500 sahen, niederbrüllen. Jetzt laufen DIE zu Hochform auf. Jetzt, nachdem der Dax binnen einer Woche 23% und damit so viel wie nie zuvor verlor, werden diese Trends nun wie immer stumpf verlängert. Dax 2.000, Gold 300, Öl 40 Dollar. Erstaunlich, wie sich die Zeiten doch ändern sollen … während die Rahmenbedingungen über diese ganze Zeit hinweg relativ stetig und berechenbar schlechter wurden.

Aber es waren vor allem die Medien, die nun, nachdem endlich Maßnahmen ergriffen werden, diese als sinnlos abtun und damit bei vielen erst die angst schürten. Ist die Lage negativ und keiner tut was, ist das schlecht. Ist die Lage negativ, jemand tut was und das funktioniert nicht … bricht Panik aus. Das MUSS jedem, der seine Stimme erhebt, klar sein. Und somit hat er auch die Verantwortung zu tragen, wenn er kategorisch alles, was beschlossen wird, als Augenwischerei abtut.

Diese Welt ist nicht einfach nur Schwarz/Weiß. Und sie ist nicht so simpel, wie es viele denken und wünschen, die sich um ihre Angelegenheiten aus Bequemlichkeit nur kümmern, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wie oft höre ich in Gesprächen: ‚Aber X oder Y haben doch im Fernsehen/Radio/Zeitung/Forum gesagt, dass ….’. Hey, aufwachen! Sind das nicht der X und der Y, die Ihnen schon öfter Mist erzählt haben? Reicht es nicht, auf die angebliche Dax-Hausse im Januar, die ewige Gold-Hausse im März und die ewige Öl-Hausse im Juli hereingefallen zu sein? Reicht es nicht, angeblichen „Jahrhundertchancen“ am Aktienmarkt im Juli auf den Leim gegangen zu sein? Nein?

Na, dann nur zu. Glauben Sie blind denen, die nun erklären, wir werden in Kürze wieder in der Höhle wohnen. Bunkern Sie Wasser und Nahrungsmittel, holen Sie ihr Geld von der Bank und vollenden das, was solche Kommentare säen: Das Chaos, das nicht hätte sein müssen. Und bitte vergessen Sie nicht, andere mit ihrer Panik anzustecken, damit sich der Zusammenbruch schön beschleunigt.

Ich glaube nicht, dass sich diese Leute, die sich nun hinstellen und all das, was nun unternommen wird, als sinnlos deklarieren, darüber im klaren sind, was sie tun. Dieses „Trommeln“ läuft schließlich ohne Verantwortung ab. „Wieso, ich habe ja nur meine Meinung gesagt“. Jaja. Aber wer das in der Öffentlichkeit tut, trägt auch eine Verantwortung dafür, verdammt!

Natürlich, ich kann es nicht genug wiederholen: Diese Maßnahmen sind nicht die Ultima Ratio. Aber bitte sehr, wenn kritisiert wird, dann beantworte man mir erst einmal folgende Frage: Haben Sie eine bessere Lösung, die im Rahmen der vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten UND im Rahmen der wenigen, vorhandenen Zeit machbar sind UND zu einem besseren Ergebnis führen? Nein?

Dann sollten diese Leute vielleicht besser ausgerechnet jetzt ein bisschen vorsichtig mit ihren Kommentaren sein und deren Konsequenzen überdenken! Oder wäre man vielleicht der Ansicht, dass GAR nichts tun besser ist? Nein? Dann möge man bitte anerkennen, dass die Regierungen wenigstens versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu tun, was getan werden kann. Und bitte auch einräumen: Wenn man dauernd herumposaunt, dass die da oben eh alle keine Ahnung haben, kann man sich jetzt nicht hinstellen und fordern, dass Lösungen binnen Tagen beschlossen werden, die Unmögliches möglich machen!

Mir ist völlig bewusst, welche Auswirkungen diese Lage auf uns alle in den kommenden Jahren haben wird. Ich habe es schließlich ein ums andere Mal beschrieben. Dabei geht es nicht primär um die Steuergelder, die das nun kostet. Diese „alten Hasen“ hinter ihren Tastaturen und Mikrofonen hören nicht auf zu unterstreichen, dass die Bevölkerungen kein Verständnis dafür haben, dass „ihr“ Geld nun dafür eingesetzt wird, dass Banken gerettet werden sollen. Klar, so klingt das auch skandalös. Aber bitte: Sie alle, die intelligent genug sind, die Faktenlage zu durchschauen, haben die Pflicht, die Fakten objektiv darzulegen statt opportunistisch denen nach dem Munde zu reden, die das Ganze nicht erfassen können. Sie haben zu erklären, was die Alternative wäre! Ein Zusammenbruch der Finanzsysteme hätte weitaus gravierendere Auswirkungen!

Nichts ist ab Montag nun einfach wieder in bester Ordnung. Wir werden viele Jahre brauchen, um diesen Schlamassel zu verarbeiten. Und die Auswirkungen werden JEDEN erreichen. Aber solange an den Finanzmärkten Panik geschürt wird, solange Banken nun Zwangsverkäufe vollziehen müssen, sind die Auswirkungen doch viel gravierender! Hunderte von Milliarden werden aufgewendet werden müssen. Und das nicht insgesamt, sondern in jedem einzelnen der größeren Staaten. Und es kommen noch Summen als Folgekosten hinterher, die ein vielfaches ausmachen können. Aber das, was das Beschönigen, Lügen, Verschleiern, was die Verantwortungslosigkeit der Banken uns allen bislang angetan hat, beträgt ein Vielfaches! Und wenn diese Maßnahmen jetzt einfach nieder geredet werden, wird es noch schlimmer.

Ist den hier jedermann klar, was dieser Aktiencrash, der Einbruch der Rohstoffe – vor allem der Edelmetalle – anrichtet? Scheinbar nicht. Hier gehen Ersparnisse, Altersvorsorgen von Jahrzehnten für ungezählte Familien den Bach hinunter. Und das in den USA, Europa, Asien. Und zugleich geraten Versicherungen in Gefahr, werden Häuser weniger wert, die Arbeitslosenzahlen steigen rapide. Die Rezession ist nicht durch diese Maßnahmen aufzuhalten. Und sie wird so kräftig ausfallen, wie ich befürchtet habe. Aber bitte, liebe Kommentatoren des Geschehens:

Wenn Sie sich jetzt hinstellen und alle Versuche, die Lage zumindest etwas zu stabilisieren, als sinnlose Beruhigungsspritze verteufeln, dann erklären Sie den Menschen bitte auch, was sie nun mit ihren Aktienfonds tun sollen. Vergessen Sie bitte alle nicht, dass ihre Kommentare von Menschen gehört, gesehen und gelesen werden, die nicht den Sachverstand haben wie Sie (ihn haben sollten). Wer so etwas hört … und ich kann das aus dem Bekanntenkreis belegen … hört die Aussage: Jetzt wird es erst richtig schlimm, jetzt muss ich meine Fonds verkaufen, mein Gold verkaufen, muss mein Geld von der Bank holen. Kommentatoren haben die Pflicht, sich über die Wirkung ihrer Worte im klaren zu sein. Wer jetzt, nachdem wenigstens versucht wird, etwas zu Unternehmen, Panik schürt und damit Sparer zu unüberlegten Handlungen verleitet, verschärft die Lage und bringt die Menschen um ihr Geld. Ja, die Lage ist ernst. Aber das war sie vor einer Woche auch schon. Jetzt aber steht der Dax 23% tiefer und zahllose Milliarden an Erspartem wären verschwunden … WENN man jetzt aussteigt.

Ich erwarte keineswegs, dass wir nun die Tiefs der Baisse gesehen haben, auch keine Trendwende. Aber es geht keine Baisse ohne Gegenbewegung ab. Vergessen Sie nicht die Baisse 2000-2003. 80% verlor der Dax – aber nicht in einem Strich. Es gab immer wieder große Gegenreaktionen. Und auch damals war die Lage kein Picknick. Ich bin der Ansicht, dass es nichts fataleres gibt, als in eine Verkaufspanik wie diese hinein noch zu verkaufen. Es wird bessere Gelegenheiten geben. Niemand kann sich damit herausreden, dass man doch nun sowieso keine Aktien mehr haben sollte. Denn viele der Menschen, zu denen sie sprechen, haben sie halt noch. Es geht nicht an, dann mit den Schultern zu zucken und „selber schuld“ zu sagen, wenn die Konsequenz noch mehr Vermögensverluste und noch mehr unsichere Versicherungen und noch mehr Probleme bei großen Unternehmen bedeuten … und somit Konsequenzen für jedermann.

Diejenigen, die jetzt verkaufen, verlieren die Früchte von vielen Jahren des Sparens. Und gerade diejenigen, die sich wenig mit dem Geschehen beschäftigen, immer der Bank vertrauten und nun in Panik geraten, werden NICHT wieder einsteigen, falls der Dax bei 3.000 ankäme. Sie werden nicht billiger wieder einsteigen. Sie werden nicht besonnen eine Erholung abwarten, um zu besseren Kursen auszusteigen. Sie werden den Börsen nun erneut, wie schon nach der Baisse 2000-2003, über Jahre oder für immer fern bleiben und bei einer Trendwende, wann immer sie auch kommt, NICHT wieder dabei sein. Es ist jedermanns Pflicht, der öffentlich schreibt oder spricht, diesen Menschen zu helfen, nicht schon wieder unnötig Geld zu verlieren, indem sie nach einem solchen Crash kopflos verkaufen.

Ich bitte doch sehr darum, daher mit opportunistischem Geschrei halblang zu machen und objektiv zu erklären, dass immerhin das getan wird, was man tun kann … das das alles zwar nicht bedeutet, dass nächstes Jahr wieder alles in Ordnung ist … aber so der völlige Zusammenbruch zumindest aufgehalten werden kann um die Zeit zu bekommen, die grundlegenden Probleme anzugehen. Und dass es eben nach allem, was man rational annehmen darf, NICHT klug wäre, nun nach einem historisch einmaligen Minus von 23% in fünf Tagen am Montag die Bank anzurufen, um alles zu verkaufen und sich dafür mit der Schrotflinte im Keller zu verbarrikadieren. Vielmehr wäre es vernünftig, den Sparern klar zu machen, dass es vielleicht doch nicht schaden kann, sich ein wenig selbst damit zu beschäftigen, wie die Börsen funktionieren. Denn im Prinzip ist es ja schon richtig: Wer seine Ersparnisse von Jahrzehnten irgendwem mit Krawatte vor die Tür karrt und den blind mal machen lässt, dafür aber im Supermarkt jeden Cent dreimal umdreht, ist schon selber Schuld. Keine Frage. Aber denen nun Hilfestellung zu geben statt Panik zu schüren ist in unser ALLER Interesse.

Ihr
Ronald Gehrt ——> www.system22.de

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.