Jetzt brechen alle Dämme…

30. November 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Die Kryptowährungen geben Vollgas. Doch ein Ereignis im Dezember könnte völlig andere Folgen haben, als die Bitcoin-Jünger heute vermuten…

Das Schwierigste an der antizyklischen Vorgehensweise ist die Tatsache, dass man dabei immer wieder wie ein Depp aussieht. Wer heute etwa die darbenden Goldwerte zum Kauf empfiehlt, oder, noch schlimmer, wer in der letzten November-Woche 2017 die Prognose wagt, dass der Bitcoin vor einer massiven Korrektur steht, womöglich gar vor dem Ende des Hypes, der dürfte von den „Kryptogläubigen“, die in diesen Tagen aus allen Löchern kriechen, nur ungläubiges Gelächter ernten. Sehen wir uns das einmal etwas genauer an:

Aktuell soll es weltweit 1.332 Kryptowährungen geben. Börsenwert: Rund 400 Milliarden US-Dollar, mithin ein „halber“ Apple-Konzern. So genau weiß das allerdings niemand, denn dieser „Wert“ schwillt ja sozusagen minütlich um ein paar Milliarden Dollar an. Allein in den beiden vergangenen Wochen sollen 124 neue Kryptowährungen hinzugekommen sein. Dies zum Thema, der Bitcoin sei nicht inflationär. Er selber nicht, das stimmt wohl, seine Brüder und Schwestern sind es dafür umso mehr…

Das allein wäre natürlich noch keine Begründung, warum der Bitcoin-Kurs kurzfristig nicht trotzdem auf 15.000 US-Dollar steigen könnte, wie mein Kollege René Berteit im folgenden Artikel mutmaßt. Dazu folgende Anmerkung:

Stellen Sie sich vor, der Bitcoin-Kurs klettert in den beiden kommenden Wochen tatsächlich von 10.000 auf 15.000 US-Dollar. Eine Kursexplosion um 50 Prozent also. Medien und Anleger wären völlig aus dem Häuschen. Als ich diese Zeilen schreibe, notiert die „Währung“ bei 11.500 US-Dollar, es könnte also schneller gehen als gedacht…

Und nun stellen Sie sich vor, ein kleiner kanadischer Goldexplorationswert klettert in der gleichen Zeit ebenfalls um 50 Prozent, sagen wir von 10 auf 15 US-Cent. Von „Explosion“ würde da niemand sprechen, dabei ist der Kursanstieg identisch. Doch kaum jemand würde Notiz davon nehmen.

Das Beispiel beschreibt in aller Kürze ziemlich genau den mentalen Unterschied zwischen antizyklischem Vorgehen in einem unbeliebten Marktsegment und dem geistlosen Trendfolgeverhalten der Masse bei einer angesagten Hyperspekulation. Jeder muss selbst entscheiden, womit er sich wohl fühlt. Das aber nur am Rande…

Was die Bitcoins angeht, hat die Spekulationswut jetzt offensichtlich den Siedepunkt erreicht. Dass der Verstand in solchen Situationen nicht mehr allzuviel zu melden hat, zeigen einige Stilblüten:

Weil das Bitcoin-Mining recht mühsam und vor allem energieintensiv ist, sind einige Kryptojünger jüngst auf die grandiose Idee gekommen, ihre Elektrofahrzeuge an Stromladestationen anzuschließen, um so ein paar Extra-Dollars zu verdienen: Die Server für das Bitcoin-Mining befinden sich „stromsparend“ hinten im Kofferraum. Kleiner Tipp am Rande: Wer solche Entwicklungen nicht als typische Blasenmerkmale wahrnimmt, der wird seine Ignoranz teuer bezahlen.

Ein geschultes Auge dürfte sich auch beim Blick auf den Kursverlauf und insbesondere das Umsatzverhalten der marktführenden Internetwährung auszahlen. Dort zeigt sich nämlich, dass der Bitcoin in US-Dollar im November 2017 bei nachgebenden Kursen ein hübsches Umsatzhoch fabriziert hat. Achten Sie auf die blaue Markierung in der folgenden Abbildung.

Sollten hier die gleichen Gesetze gelten, wie bei einer Aktie oder einem Index, könnte man aus dem Umsatzverhalten der Bitcoins auf eine in Kürze beginnende scharfe Korrektur schließen.

Tut man das, dann landet man unmittelbar bei der Frage, wie weit eine solche Korrektur tragen könnte. Auch dazu findet sich ein hübsches Bildchen, das den außer Rand und Band geratenen Bitcoinfans wenig gefallen dürfte:

In der folgenden Abbildung sehen Sie eine grün eingezeichnete steile Aufwärtstrendlinie. Diese befindet sich aktuell in der Nähe von 2.000 US-Dollar. Mit anderen Worten: Setzt sich das Warnsignal von der Umsatzseite durch, könnte der Kurs des Bitcoins mittelfristig rund 80 Prozent (!) an Wert verlieren, ohne den jüngsten Aufwärtstrend zu gefährden.

Interessant ist an dieser Stelle eine Bemerkung der Deutschen Bundesbank. Zur aktuellen Bitcoin-Blüte sagte Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele kürzlich, der Bitcoin sei kein Geld, sondern ein reines Spekulationsobjekt.

Bisher erfülle die Kryptowährung keine einzige der drei zentralen Geldfunktionen: Der Bitcoin sei weder ein Zahlungsmittel, noch ein Instrument zur Wertaufbewahrung und auch keine Recheneinheit. Und je höher der Kurs steige, desto unwahrscheinlicher werde es, dass sich das Internetgeld auf breiter Front als Geldalternative durchsetze.

Diesen Punkt kann man sich besonders genau hinter die Ohren schreiben, denn tatsächlich disqualifiziert sich der Kryptomarkt umso mehr als alternativer Geldersatz, je dramatischer die Kurse ansteigen.

Da kann man einmal innehalten und gedanklich bei der Frage verweilen, wie sehr Bitcoins die Finanzwelt in den beiden vergangenen Jahren ihres rasanten Kursanstiegs eigentlich verändert haben. Und wie sehr hat das Internetgeld die Finanzwelt in den beiden vergangenen Monaten verändert? Und in den beiden vergangenen Wochen?

Haben Sie das Ergebnis? Dann werden Sie vermutlich erkennen, dass von diesen „Veränderungen“, die allesamt noch in der Zukunft liegen, ein Großteil bereits eingepreist wurde. 400 Milliarden US-Dollar sind schließlich kein Trinkgeld. Tatsächlich könnten Kryptowährungen und insbesondere die dahinterstehende Blockchain-Technologie irgendwann einmal die Welt verändern – doch das Wesen der Börse ist es nun einmal, solche Entwicklungen vorwegzunehmen. Und genau das erleben wir gerade…

Womöglich könnte also aus der in Kürze anstehenden Korrektur bei den Bitcoins auch sehr viel mehr werden als „nur“ eine Konsolidierung im Aufwärtstrend. Dazu ein paar weiterführende Gedanken:

Seit der Aufkündigung des Bretton Woods Abkommens durch US-Präsident Richard Nixon und dem Ende des Goldstandards im Jahr 1971 ist an den weltweiten Kapitalmärkten im Durchschnitt etwa alle acht bis zehn Jahre eine spekulative Blase geplatzt.

Den Anfang machte der Einbruch des S&P 500 um rund 50 Prozent in den Jahren 1973-1974. Kurz zuvor war die Investmentgemeinde der Illusion erlegen, die Aktien der 50 größten US-Unternehmen könnten wegen ihrer enormen Wachstumsaussichten niemals fallen. Man sprach von den Nifty Fifty.

Die Party hatte etwa acht Jahre zuvor begonnen. Im folgenden Beitrag heißt es dazu:

„In den acht Jahren von 1964 bis 1972 schneiden die Nifty Fifty jedes Jahr um 15 Prozent besser ab als der Gesamtmarkt. Über die gesamte Zeitspanne verachtfacht sich deren Börsenkurs, den S&P 500 überflügeln sie um 200 Prozent.“

Doch natürlich folgte der Kater auf dem Fuße: Wenig später verloren Aktien wie McDonalds, Wal-Mart, Polaroid oder Walt Disney bis zu 90 Prozent (!) an Wert. Dennoch sind einige dieser Titel auch heute noch ein sinnvolles Investment. Als hiervon alle überzeugt waren, hätte man sie jedoch besser nicht gekauft.

Etwa acht Jahre später verliebten sich die Anleger wegen ausufernder Inflationsraten in den Goldpreis. Die Blase dort platzte im Jahr 1981: Vom Rekordhoch bei 850 US-Dollar im Januar 1981 rauschte der Goldpreis bis zu seinem Tief im Jahr 2001 stolze 70 Prozent in den Keller. Wer das Gold allerdings ganz entspannt zum damaligen Tiefstkurs einsammelte, zu einer Zeit, da alle Welt wie von Sinnen den Internetaktien hinterherjagte, der hat diese Entscheidung bis heute nicht bereut.

Anfang der 1980er Jahre waren „Bitcoins“ aus purem Gold…

Wiederum acht Jahre später, 1989, suchte die Investmentgemeinde ihr Heil in japanischen Aktien. Ähnlich wie während der Nifty-Fifty-Traumtänzerei in den 1970ern vernebelte auch diesmal ein starker Wirtschaftsaufschwung den Verstand der Anleger.

Die Investoren glaubten tatsächlich, Aktien von Firmen wie Toyota oder Sony könnten dauerhaft astronomische Bewertungen verkraften. Bis auf fast 40.000 Punkte wurde der Nikkei225 in der Folge nach oben katapultiert. Vom darauffolgenden Einbruch hat sich der japanische Aktienmarkt bis heute nicht erholt – trotz einer Geldflut der japanischen Notenbank, die beispiellos ist in der Finanzgeschichte.

Vor 28 Jahren spielten die Anleger an der japanischen Börse „Bitcoin“…

Zehn Jahre dauerte es anschließend, bis sich der Neue Markt nach der Jahrtausendwende in Luft auflöste und die Blase bei den Internet-Aktien platzte. Auch mit einer Amazon-Aktie konnte man in der Anfangszeit prächtig Achterbahn fahren, denn es war keineswegs von Beginn an klar, wer am Ende das Rennen im Internethandel machen würde – so wie heute bei den Bitcoins.

Zehn Jahre nach dem Japan-Desaster hieß der „Bitcoin“ Amazon…

Wiederum acht Jahre später brach der US-amerikanische Immobilienmarkt zusammen und als Lehman Brothers kollabierte konnte das weltweite Finanzsystem nur noch mit einer gigantischen Geldflut der Notenbanken „gerettet“ werden. Das war im Jahr 2008.

Seither sind nun neun Jahre vergangen, und der seit den 1970er Jahren gültige „Blasenrhythmus“ eilt bei den Kryptowährungen seinem nächsten Höhepunkt entgegen. Wie immer in diesen Fällen, sind sich Anleger auch diesmal einig, dass man da jetzt unbedingt dabei sein muss. Und übersehen dabei, dass die Preise regelmäßig „etwas“ aus den Fugen geraten, wenn das alle gleichzeitig glauben.

Sozusagen wie die Faust aufs Auge passt hierzu eine Nachricht, der Bitcoinfans sehnsüchtig entgegenfiebern: In Kürze soll ihr Liebling nämlich „erwachsen“ werden. Doch fatalerweise könnte sich genau jenes Ereignis, das Krypto-Anleger bis zuletzt überschwänglich gefeiert haben, als Damoklesschwert erweisen:

Voraussichtlich ab Dezember 2017 werden Futures auf den Bitcoin gehandelt. Der Ausgleich an der weltweit führenden Börse für Optionen und Futures (CME), erfolgt jedoch nicht in Krypto-, sondern in Papiergeld. Damit ist auch klar, dass die Internetwährung in naher Zukunft unter die Kontrolle der ganz großen Spieler geraten wird.

Es wäre nicht das erste Mal in der Finanzgeschichte, dass eine Nachricht in der Börsenrealität zu ganz anderen Ergebnissen führt, als ursprünglich angenommen. Sell on news – das Phänomen dürfte bekannt sein…

Gut möglich also, dass diejenigen, die gerade besonders ausgelassen feiern, dem Partynovember 2017 bei den Bitcoins schon bald hinterhertrauern werden…

©Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.