Jenseits von Gut und Böse: Wetten auf den nuklearen Ernstfall

21. März 2011 | Kategorie: Aufgelesen

von Blognition

Das nukleare Desaster von Fukushima wurde am Freitag heraufgestuft – auf Level 5, einen nuklearen Unfall mit großflächigen Konsequenzen. Die Nachricht erinnerte mich an eine E-Mail, die ich wenige Tage zuvor erhalten hatte – von der Wett-Plattform InTrade…

Diese hatte gerade die Wetten auf die japanische Atom-Krise eröffnet und stellte bereits Preise für die Wahrscheinlichkeit weiterer Explosionen im Kraftwerk Fukushima. Überdies konnte man darauf setzen, dass die Störung auf der internationalen Bewertungsskala heraufgestuft wird auf 5, 6 oder 7, den schlimmsten anzunehmenden Unfall. Der Kontrakt „Aufwertung auf Level 5 bis zum 31. März 2011“ hatte bei 44 Prozent eröffnet, so diese E-Mail vom letzten Montag.

Damals hatte ich keinen großen Gedanken mehr an dieses Schreiben verschwendet, ich hatte es schlichtweg als geschmacklos abgehakt. Das ist natürlich keine Kritik an InTrade, die Verantwortlichen der Plattform haben einfach nur ihren Job gemacht. Nebenbei bemerkt: Am Montagmorgen sahen sich diverse Analysten offensichtlich nicht in der Lage, ihren Job zu tun. Ein japanischer Volkswirt einer großen Bank sah seine Aufgabe, den ökonomischen Schaden der Katastrophe zu bewerten, als moralisch verwerflich an angesichts des Leids so vieler Landsleute. Und so empfahl er solchen Interessenten, die auf der Suche nach detaillierten Prognosen waren, nicht weiterzulesen (Dennoch war seine mehrseitige Ausarbeitung voll von Zahlen, Tabellen und Vorhersagen, die den Schaden der Naturkatastrophe – natürlich unter bestimmten Annahmen – auf zwei Stellen hinter dem Komma bezifferten).

Am Freitag wurde der oben genannte Kontrakt vorzeitig geschlossen – bei 100 Prozent. Das wäre ein lohnendes Geschäft gewesen, dachte ich im Nachhinein. Gleichwohl wäre es aber auch nur dann ein lohnendes Investment gewesen, hätte ich am Montag zugegriffen – damals jedoch hatte ich die Wette auf eine noch größere Tragödie als unmoralisch verworfen. Aber was ist in den letzten sieben Tagen aus meiner Moral geworden? Habe ich sämtlichen Anstand verloren, wenn ich es bedaure, diesen Handel nicht eingegangen zu sein? Sicher nicht. Ich, genau wie viele andere, habe mich nur an die fürchterlichen Neuigkeiten aus Japan halbwegs gewöhnt.

Gnädigerweise hat der innere Selbstverteidigungsmechanismus, den man Adaption nennt, eingesetzt. Er bewahrt mich und mein Wohlbefinden davor, an dem nicht enden wollenden grauenvollen Nachrichtenfluss zu zerbrechen. Adaption bewahrt unser aller Wohlbefinden – ständig, immer wieder. Allerdings neigen wir dazu, die Geschwindigkeit dieses Prozesses ständig zu unterschätzen. Es wird uns daher immer wieder so gehen: Wir sind verdammt, solche und ähnliche Investment-Angebote als moralisch verwerflich abzutun, nur um wenige Tage später der verpassten Chance nachzutrauern.

via Jenseits von Gut und Böse: Wetten auf den nuklearen Ernstfall | blognition.de.

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