Jeder verleiht so viel er kann

7. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die verkrampfte Suche nach Sündenböcken für Kursverluste beginnen in der Regel beim Leerverkäufer. Wer Aktien verkauft, die er sich nur geliehen hat, der kann nur ein Mensch mit finsteren Absichten sein. Warum derartige Kritik nur selten auf Leer-Käufer am Aktienmarkt oder die Leer-Verleiher des Bankwesens übertragen wird bleibt rätselhaft.

Es ist nicht lange her, da beklagte sich ausgerechnet der Chef des Konzerns Glencore über Leerverkäufer am Kupfermarkt. Diese hätten für die Kursverluste gesorgt, die neben anderen schwächelnden Kursen für das ein oder andere Problem im Rohstoffhause sorgten. Abgesehen davon, dass die Kursverluste beim Kupfer bei weitem nicht zu den schlimmsten im Rohstoffsektor zählten ist diese Aussage für einen Konzern, der zu den größten Akteuren im Rohstoffhandel gehört, reichlich absurd. Niemand wird wohl annehmen, dass die Händler des Hauses stets nur Longpositionen eingegangen wären.

Wie Spielschulden so sollten auch Handelsverluste Ehrenschulden sein. Katzenjammer ist nicht angebracht. Aber mit dem Ehrenkodex ist es in der Wirtschaft bekanntlich so eine Sache. Für Erfolge ist man stets selbst verantwortlich, bei Verlusten ist der nächste Sündenbock nicht weit. Jämmerlich.

An potenziellen Sündenböcken herrscht kein Mangel, dennoch ist die eingefahrene Ausrichtung auf Leerverkäufe nicht nur langweilig sondern irreführend. Neben dem Leerverkäufer gibt es mindestens zwei weitere besondere Exemplare, die in der Berichterstattung zu kurz kommen. Es gibt den Leer-Käufer, eine Bezeichnung, die wir uns zugegebenermaßen gerade ausgedacht haben, und den Leer-Verleiher.

Der Leer-Verkäufer borgt sich Aktien, verkauft diese und hofft darauf, sie später günstiger zurückzukaufen und nebst Leihgebühr wieder an den Verleiher abzuliefern. Der Leer-Käufer leiht sich Geld und kauft damit Aktien in der Hoffnung, diese später teurer an jemand anderen zu verkaufen und das Geld nebst Zinsen zurückzuzahlen. Beide Exemplare tummeln sich in großer Zahl an den Finanzmärkten und wir sind uns sicher, dass die größeren Turbulenzen am Finanzmarkt durch die Leer-Käufer ausgelöst werden. Wie heißt es so schön, kaufen kann man, verkaufen muss man. Das gilt umso mehr, wenn der Kauf der Aktien auf Kredit erfolgte.

Das soll nichts beschönigen, natürlich kann man auch Leerverkäufe gehebelt betreiben, dies führt jedoch naturgemäß irgendwann zu einer Kaufpanik. Wer in jeder Aktie, die auf Null fällt, das Werk des Leerverkaufs sieht, vergisst den in der Wirtschaft nicht sonderlich üblichen Fall der Pleite. Diese betrifft auch Personengesellschaften oder GmbHs. Ein Listing an der Aktienbörse ist dafür nicht erforderlich. Von aktiven GmbH-Anteilsschein-Leerverkäufern ist uns nichts bekannt.

An den Problemen, die sich bei finanziell überforderten Kreditnehmern einstellen, die ihre finanzierten Aktien taumeln sehen, ändert das freilich nichts. Wer sich die Zyklizität der Margin-Kredite und der Kurseinbrüche an den US-Börsen anschaut oder sieht, wie der Kauf auf Kredit in so mancher Börseneuphorie aus dem Ruder lief, bevor es dann mit Schwung über die Klippe ging, sollte für die Probleme des Leer-Kaufs sensibilisiert sein.

Es bleibt der Leer-Verleiher. Nun, diese Spezies bewohnt einen ganz anderen Bau. Sie lebt von der guten alten Annahme vieler Menschen, ein Geldverleiher verleihe nur Geld, dass andere ihm geliehen haben. Daher stammt die bekannte 3-6-3 Regel. Für 3% leihen, für 6% ausleihen und ab 3 Uhr Golf spielen. Nun schaffen aber Banken das Geld für die Kreditvergabe bekanntlich selbst. Per Buchungseintrag wird auf der einen Seite die Verbindlichkeit und auf der anderen Seite das Guthaben geschaffen. Des einen Verbindlichkeit ist des anderen Forderung. Mit dem Kredit entsteht die Einlage. So etwas muss nicht generell zum sofortigen Exitus und zur Weltenimplosion führen. Die minimale Bedingung aber, die für eine halbwegs stabile Kreditwelt gegeben sein muss, sind sinnvolle Kapitalanforderungen an die Banken. Diese sind die einzige reale Einschränkung der Kreditvergabemöglichkeiten. Selbst in Ländern, in denen die Banken mehr Eigenkapital vorhalten als beispielsweise in der EU treibt das Kreditwachstum in nicht sonderlich attraktiven Bereichen schon wieder absonderliche Blüten. Das Wachstum der Studienkredite in den Staaten ist bereits legendär, für die Vergabe der Subprime Auto-Kredite im „Land der Freien“ gilt dies ebenfalls.

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Das schöne ist, gegen eine schwache Kreditnachfrage hilft auch die niedrigste Einschränkung nichts. Wenn der Bäcker zehn Hörnchen in der Auslage hat und keines wird verkauft, bringt es nichts, das elfte und zwölfte Hörnchen daneben zu legen.

Dies alles soll nicht als ausführlicher Exkurs ins Banking gedacht sein. Es soll nur an manch andere Spezies erinnern, wenn mal wieder auf den Leerverkäufer eingedroschen wird.

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Ein Kommentar auf "Jeder verleiht so viel er kann"

  1. Sandra sagt:

    Was den Ehrenkodex betrifft, so kannst du mit gutem Gewissen mindestens drei Viertel aller im Handelsregister Eingetragenen streichen. Normal ist eine Eintragung in einem Verzeichnis eben auch mit Pflichten und nicht nur Rechten verbunden.

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