Je suis Osterhasi

29. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Endlich ist Ostern vorbei. Der Wahnsinn, Pardon, der Alltag kann weitergehen. Was feiern wir heute? Mal sehen. Hauptsache, er macht schön oder reich…

Um Neues zu erfahren, gingen die Leute früher in die Kirche. Heute schauen sie sich Nachrichten an. Ein Freund schrieb, er verfolge diese, um zu erfahren, was man dort alles weglässt. Auch eine Sichtweise…

Ich habe vier Tage nichts mitbekommen wollen. Hat es geschadet? Im Gegenteil! Vielleicht wäre anzumerken, dass 74 Millionen Osterhasen der Garaus gemacht wurde. Auf Facebook protestierte niemand. Vielleicht, weil wir alle Osterhasen sind. 

Der Wahnsinn feierte Pause. Er saß nutzlos aber amüsiert am Frühstückstisch der Leute rum. Jetzt tobt er wieder in der Öffentlichkeit. Heute feiern wir die großartigen Erfolge am Immobilienmarkt. Schließlich ging 2015 Wohneigentum für 200 Milliarden Euro in andere Hände über. Wir gratulieren heftig den Käufern und Verkäufern, lachen kurz auf und wünschen vor allem viel Glück. Das werden beide Seiten dringend benötigen! 

Der eine kauft, der andere verkauft. Der eine besitzt jetzt Geld, der andere eine Immobilie. Beide dürften Sorge haben. Der eine um sein Geld, der andere um seine Immobilie. Was ist besser? Wir wissen es nicht, während die Zukunft um die Ecke schaut.

Wer plötzlich ein paar hunderttausend Euro durch den Verkauf seiner Immobilie in der Hand hält, wird merken, dass sich die Zeiten geändert haben. Zum einen hat er faktisch sein Betongold in ein paar Kilo Baumwolle getauscht, oder in elektronische Verrechnungseinheiten, also gar nichts. Zum anderen wird der jetzt stolze Immobilienbesitzer merken, dass Betongold im Vergleich zum echten Gold bröckeln kann. Er muss zudem über lange Zeit den Zahlungsdienst sicherstellen. Diese Sicherheiten aus der Vergangenheit gehören jetzt auch dieser an.

Beides ist heute Glücksspiel. Schließlich könnte es ja mehr Leuten als bisher auffallen, dass „Geld“ zum einen nur Illusion ist, und auch, welche Risiken, Lasten und Abhängigkeiten mit Immobilien verbunden sind.

Sicher wie eine Bank

Noch vor wenigen Jahren kam niemand auf die Idee, dass eine Bank unsicher sein könnte. Nach der Finanzkrise kommt die „Einlagensicherung“ bis 100.000 Euro pro Konto auf, aber nicht darüber. Also benötigt man drei, vier, fünf oder mehr Konten, um das Geld zu verteilen, wenn man plötzlich ein paar hunderttausend Euro sein Eigen nennt. Wer aber kann ruhig schlafen in Anbetracht der Frage, ob die 100.000 Euro wirklich sicher sind im Falle einer erneuten Finanzkrise. Wer kommt für den Schaden dann auf? Und wovon? Und in welcher Währung?

Wenn man Geld auf der Bank oder bar hält, sollte man doch bedenken, dass die EZB die Zinsen auf Erspartes ausgerottet hat. Zum anderen hat Dagobert Draghi seinen unbedingten Willen bekundet, dem Geld jährlich zwei Prozent Kaufkraft zu stehlen. Das sind pro Konto lächerliche 2.000 Euro ohne Gegenzins. Toll! Oder? Stehlen Sie mal jemandem 2.000 Euro wie das die EZB plant und als erfolgreich gilt, wenn sie es schafft. Was glauben Sie, was dann passiert? 

Was aber heißt das für die 100.000 Euro, wenn es mal drei oder vier Prozent Inflation pro Jahr werden? Richtig, ein Kaufkraftverlust von 3.000 oder 4.000 Euro im Jahr (und im nächsten dann wieder). Hurra! Das wird den Leuten heute als Geldwertstabilität verkauft. Im Moment gibt es ja keine Inflation, obwohl alles teurer wird – auch die Immobilien. Komisch!

Die meisten glauben ja, die Bank „arbeitet“ mit dem Geld der Sparer, indem sie dieses einem anderen zu einem höheren Zins leiht. Unsinn! Sie verleiht dieses Geld zig-fach! Zudem kommt, dass die Bank das Geld der Sparer besitzt und der Sparer der Bank gegenüber eine Forderung hat. Beruhigend! Nicht wahr? 

Zum anderen muss man sich doch auch fragen, wem gegenüber genau man eine Forderung hat. Einer kleinen Klitsche, nach der im Fall der Fälle kein Hahn kräht? Forderungen muss man notfalls auch eintreiben können. Einer Bank gegenüber? Viel Spaß!

Borgt man sich Geld bei der Bank für eine Immobilie, dann verlangt diese als Erstes nach Sicherheiten und steht deswegen im Grundbuch – für Geld, was sie als Kredit aus dem Nichts gezaubert hat. Aber wen interessiert das schon?

Sie sind jetzt Eigentümer einer Immobilie? Glückwunsch! Viele Leute erzählen neuerdings, dass sie jetzt „ Eigentum“ besitzen. Witzig, mit der Bank im Grundbuch und der Fessel am Fuß, die nächsten Jahrzehnte brav abzuzahlen und zu tilgen. Was man dafür alles tun muss… von welchen Sorgen der „ Besitzer“ geplagt wird… Ist der Zahlungsdienst für die vielen kommenden Jahre wirklich gewährleistet. Wir wissen es nicht, aber viel Glück zu wünschen, kostet ja nichts!

So tauschen die einen vermeintlich Wahres in Bares und die anderen binden sich über Jahrzehnte im Glauben, sie tun das Richtige. Vielleicht steigen die Preise weiter? Vielleicht aber entpuppt sich eine Immobilie aber auch als das, was sie wirklich ist: Ein Verbrauchsgegenstand, der seinen Wert nur dann erhält, wenn man wiederum Geld hineinsteckt.

Die letzten Jahren stehen im Zeichen gekürzter Planungssicherheit. Dieser Mangel kann nur durch Glück ausgeglichen werden. Viele werden dieses benötigen und darauf bauen. Wendet es demjenigen, der darauf baut, den Rücken, kann das den Lebenslauf zerstören. Wir werden künftig mit weniger davon auskommen müssen – im Job, im Sozial – und im Finanzsystem. Aber lasst uns das feiern, solange es noch nicht aufgefallen ist.

 

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3 Kommentare auf "Je suis Osterhasi"

  1. Dis Pater sagt:

    Ein wirklich volltrefflicher Artikel.
    Wenn ich mir die Frage stellen müßte, mit wem ich garantiert nicht tauschen möchte, dann ist es der Immobilienkäufer.
    Wohneigentum halte ich aktuell, wo sich die Immobilienpreise mit teils affenartiger Geschwindigkeit nach oben entwickeln für total überteuert. Ob ich diesen Preis in vielen Jahren bei einem Weiterverkauf noch steigern kann oder er sich zumindest nicht nach unten entwickelt, kann natürlich niemand sagen. Aber fest steht, dass ich mit „Betongold“ für den Staat registriert bin und dieser keine Mühe scheuen wird, mir bei nächster passender Gelegenheit weitere meiner sauer verdienten Euros aus dem Kreuz zu leiern.
    Als Immoverkäufer hat man jetzt jede Menge bunter Fetzen oder ein paar Nullen mehr auf dem Konto.
    Beruhigend ist das aber nicht, da die Zettelchen nur auf Vertrauen aufgebaut sind und bereits morgen wertlos sein könnten. Die Bits und Bytes, die meinen Kontostand entsprechend aufblähen, faktisch keine Zinsen bringen und auch nur eine Forderung gegen meine Bank sind, würden mich keine Nacht mehr ruhig schlafen lassen.

    Wenn ich als Immoverkäufer nicht irgendwann mit runtergelassenen Hosen dastehen will, würde ich einen größeren Teil des Verkaufserlöses in „echte“ Sachwerte umschichten und das kann in diesen Zeiten nur Gold und Silber sein.

    „Je suis vorbereitet“, denn wenn sich die Zeichen verdichten, die schon jetzt auf einen wirklich großen Sturm schließen lassen, dann packe ich mein Köfferchen, kündige meine Mietwohnung und werde diesem Irrenhaus „EU“ den Rücken kehren.

  2. PetraM sagt:

    „Viele Leute erzählen neuerdings, dass sie jetzt „ Eigentum“ besitzen.“ Gut, ich auch. Und ich bin heilfroh, dass ich diese Entscheidung rechtzeitig (vor 25 Jahren) getroffen habe. Der Wiederverkauf stand und steht nicht an 1. Stelle, sonder es ging um die Mietersparnis im Rentenalter. Mit einer recht geringen Rente würde mir die Mietzahlung sehr schwer fallen. Noch arbeite ich, aber ich partizipiere schon seit 10 Jahren von einem abgezahlten Haus, in ein paar Jahren hoffe ich, die Rente zu erleben und dann macht es sich auf der Haben- Seite noch mehr bemerkbar. Nebenkosten fallen wie auch in einer Mietwohnung an, große Reparaturen waren noch nie fällig, da ich darauf geachtet habe, gute Handwerker und gutes Material (z. B. beim Dach) in guten Zeiten „einzukaufen“. Nur ein kompletter Fensterwechsel schlug schon mal etwas heftiger zu Buche, aber es hat sich gelohnt.
    Was nach meinem Ableben mit dem Haus passiert, ist mir völlig egal. Die Kinder werden es vielleicht irgendwann verkaufen und da sie sowieso nicht hierherziehen werden, brauchen sie auch keinen break-even point zu beachten.

    • PetraM sagt:

      Den letzten Satz möchte ich noch ergänzen:…“nicht beachten- vor allem weil beide selbst schon an ihrem Heimatort gebaut haben.“ hab ich unter den Tisch fallen lassen:-).

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