Je schlimmer, desto besser: trügerische Hoffnungen

29. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Dienstag, 16:00 Uhr MESZ: In den USA wird das landesweite Verbrauchervertrauen im August veröffentlicht. Mit 60,6 nach 65,9 gab es hier einen deutlich größer als erwartet ausgefallenen Rücksetzer auf ein Neun-Monats-Tief. Reaktion am Aktienmarkt: Nach wenigen Sekunden fallender Kurse sausen die US-Indizes ins Plus. War da irgendwer zu so früher Stunde schon am Likörschränkchen – oder was geht da vor?

Nun, von den typischen technischen Effekten des Daytradings mal abgesehen, die solche plötzlichen Konter öfter hervorrufen, lag diese Reaktion daran, dass einige Marktteilnehmer in der Tat glauben: ‚Je schlechter die Konjunkturdaten, desto besser’. Denn umso näher rückt dann das angeblich heilbringende „QE III“, sprich der US-Notenbank-Anleihekaufprogramme dritter Teil.

Tickt man da noch richtig? Diese Logik wirkt, als hätte manche Akteure der Esel im Galopp verloren. Man freut sich, dass die Hütte brennt, denn dann kommt die Feuerwehr. Und je höher die Flammen, desto lauter die Sirene. Die kleine Schar der überlebenden, logisch denkenden Akteure beißt da in die Tischkante.

Davon mal abgesehen, dass es doch womöglich weitaus erfreulicher wäre, wenn das Feuer gar nicht erst brennen würde, sollten die Erfahrungen mit den – ob der Nullzinsen alle ziemlich bemüht und konstruiert wirkenden – Notenbank-Aktionen der letzten Jahre eigentlich zeigen, dass deren Wirkung vor allem psychologisch ist. Es ist, als wolle man ein Feuer mit warmer Luft löschen. Oder anders ausgedrückt: Diese Aktionen wirken nur so, als würden sie wirklich helfen. In Wirklichkeit ist ihre Wirkung sehr begrenzt. Es ist kein Löschwasser, aber auch kein Benzin … es ist einfach nur warme Luft, die den Anlegern ins Gesicht bläst und vorgaukelt, die Notenbanken hätten alles unter Kontrolle.

Bundesbankchef Weidmann erwähnte jüngst zum x-ten Male, dass die Notenbanken die dem ganzen Theater zugrunde liegenden Probleme, über die ich ja auch schon seit sechs Jahren andauernd schreibe, weder lösen können, noch überhaupt dafür zuständig wären. Scheint aber niemanden zu interessieren. Ich wähne mich wie Weidmann, Sinn, Biderman, Soros und viele, viele andere im großen „Club der Überhörten“. A propos Biderman, Chef von Trimtabs:

Der schrieb letzte Woche etwas, das sich die eingefleischten Bullen kurz zu Gemüte führen sollten. Es ging um die verblüffend hohe Quote an Insider-Verkäufen am Aktienmarkt und andere Warnsignale. Dazu ergänzte er:

„Ich werde zunehmend aufgrund meiner bearishen Haltung beschimpft. Aber das bestätigt nur die Erfahrung, welche ich in den letzten 40 Jahren am Aktienmarkt gemacht habe: An einem Top sind die meisten Anleger voll investiert, emotional belastet – und haben viel zu verlieren.“

Ich will nur daran erinnern: Es ist logischerweise „ganz oben“, wo die Investitionsquote am höchsten ist, die Stimmung – zumindest scheinbar – am besten und die Ignoranz gegenüber jedweden Warnsignalen am größten. Gerade dann, wenn die Bullen Andersdenkende am lautesten beschimpfen, täten sie besser daran, nachzudenken, statt zu zetern. Warum tun sie es nicht?

Weil sie sich unterbewusst sehr wohl im klaren darüber sind, dass sie die Realität aussperren … und unterschwellig keineswegs von ihrer Haltung überzeugt sind. Es ist die eigene, unterdrückte Angst, die sie wütend macht. Und am schlimmsten sind dabei – wie bei Nichtrauchern – die gerade zu Bullen konvertierten, geschlagenen Ex-Bären.

Warum schweife ich ab? Nicht nur, weil mir das leider im Blut liegt, sondern auch, weil ich darauf hinweisen möchte, dass dieser vermeintlich so solide Aufwärtstrend an den Aktienmärkten keineswegs solide ist. Er ist wie eine Kulisse in einem Filmstudio: Vorne scheinbar massiv, aber hinter der Fassade ist nichts.

Nach diesen beiden blitzschnellen und vor allem überraschenden Aufwärtsimpulsen Ende Juli und Anfang August passierte gar nichts mehr. Der Dax beispielsweise notiert momentan, drei Wochen nach dem letzten Schub, genau dort, wo er vor drei Wochen auch schon stand. Und die Umsätze sind nicht niedrig, sie sind lachhaft. Wir liegen momentan irgendwo im Bereich von 60 -70 % dessen, was normal wäre. Und die Schwankungsbreite der Kurse ist einfach frappierend klein. Der S&P 500 beispielsweise hatte in den letzten zehn Handelstagen nur einmal eine Kursspanne von über einem Prozent und taugliche Umsätze. Und das war an einem Tag, an dem es abwärts ging.

Und wer ist es, der da fehlt? Die Privatanleger? Selbst wenn es so wäre, diese Gruppe macht doch nur noch 10 – 15 % der Umsätze am Aktienmarkt aus. Der Rest sind zum einen Daytrader und computergesteuerte Handelsprogramme, zum anderen die institutionellen Investoren. Und erstere Gruppe tickert immer mit. Aber warum ziehen die großen Adressen nicht mit? Worauf warten sie? Wer will denn nicht voll investiert sein, wenn die große Hausse beginnt, weil die neuen Anleihe-Kaufprogramme alles wieder ins Lot bringen? Tja, genau da liegt der Hase im Pfeffer. Denn…

Erstens wissen die Entscheider dort, die allesamt nicht eben erst vom Rübenlaster gefallen sind, dass diese Käufe letztlich nichts verändern. Und es ist ihnen sehr wohl klar, dass danach nichts mehr bleibt. Das wäre der letzte Schuss. Denn mal ehrlich: Glaubt irgendwer da draußen, dass die Anleger dann bei der Avisierung eines möglichen „QE IV“ erneut aus den Schuhen springen würden? Es ist ja schon verblüffend genug, dass es – basierend auf dem innigen, inneren Wunsch eines „alles wird gut“, in Wahrheit geboren aus blanker Angst – dass die Akteure diesem dritten Versuch noch etwas zutrauen.

Zweitens merken diese Akteure natürlich, dass die Notenbanken zögern. Warum wird die ganze Zeit avisiert, angedeutet, herumgedruckst, aber nichts getan? Weil die Notenbanken erstens wissen, dass sie dann mit leeren Händen dastehen und hoffen, dass die psychologische Wirkung hinreichend lange anhält – im Moment wirkt die Psychologie ja – um diese letzte Patrone so lange wie möglich zu behalten. Zudem würden sie, ob in Europa oder den USA, dergleichen Aktionen am liebsten ganz bleiben lassen, weil sie eigentlich nicht in grundsätzlich in der Politik verankerte Probleme hineingezogen werden wollen.

Und drittens wissen die großen Adressen ganz genau, was diejenigen, die momentan noch in jeden winzigen Rücksetzer hinein zukaufen, nicht sehen wollen – oder können: Durch dieses permanente andeuten unmittelbar bevorstehender Aktionen haben diejenigen, die an eine Wirkung der Anleihe-Stütze glauben, doch längst gekauft. Die Reaktion auf diese noch gar nicht existenten Maßnahmen fand bereits Ende Juli/Anfang August statt! Wie sollen die Kurse noch nennenswert höher laufen können, wenn alle, die wollten, bereits „drin“ sind?

Was jetzt noch realistisch wäre, wäre ein kurzer, kräftiger Hüpfer der Kurse, wenn die Programme starten. Und dann … würde man auf Wirkungen warten, die nicht eintreten – oder sofort aussteigen, wissend, dass man dann nichts mehr bekommt, worauf man hoffen darf. Und ohne Hoffnungen, nackt der Realität außerhalb der Börse ausgesetzt, wären die Aufwärtstrends erledigt.

Oder aber es bleibt vorerst bei diesem Seitwärts-Geschiebe, wenn die Notenbanken weiterhin nur so tun, als ob sie jeden Moment tätig würden. Aber währenddessen sackt die Weltwirtschaft immer weiter ab. Und seitens der Politik tut man so, als wäre alles bestens (USA im Vorwahlkampf) oder man hätte irgendwas im Griff (EU). Natürlich, das kann man so lange glauben, wie man sich wünscht, dass der Murks der vergangenen zehn Jahre nicht zu Konsequenzen im eigenen Geldbeutel führt. Aber das wird er – bald … und spätestens dann sind die Aufwärtstrends der Aktienmärkte ebenfalls hinüber.

Zumal wir momentan erleben, dass die Anleihen der USA und Deutschlands, zuletzt schon abgeschrieben, auf einmal wieder gesucht sind und sogar Gold wieder den Kopf aus dem Aschehaufen steckt. Solange die sicheren Häfen noch anlaufbar sind, werden zu wenige in dem seltsamen Gedanken, dort ihr Erspartes in Sicherheit zu wissen, in die Aktienmärkte strömen, um das momentane Niveau halten zu können. Und noch eines:

Das Gerücht … denn wie vieles, das momentan zu steigenden Kursen führt, ist es eben nur ein Gerücht … dass die EZB ein Zinsband für die Anleihemärkte der schwächeren Eurozone-Länder einführen will, führte zwar zunächst ebenfalls zu steigenden Aktienmärkten … aber wieso eigentlich? Wenn es wirklich dazu käme (und Europa dann fröhlich in die Planwirtschaft abdriftet), würde man als Anleger dann nicht lieber sicher wirkende sechs Prozent in Spanien-Bonds mitnehmen, als sich dem Kursrisiko der Aktien von Unternehmen aussetzen, deren Umsätze und Gewinne trotzdem sukzessive schwinden, weil auch eine solche Maßnahme letztlich die Rezession nicht stoppen, sondern sie nur (vielleicht) verlangsamen würde? An der Problematik an sich ändert sich ja fast nichts, nur dass die Refinanzierungskosten der schwächeren Länder nicht überborden. Aber will man das für immer so halten? Oder auf ein Wunder warten?

Fazit: Die Aktienmärkte befinden sich meiner festen Überzeugung nach in einer Sackgasse. Und deren Ende ist so ziemlich erreicht. Niemand kann in einer solchen Phase einer „Psycho-Blase“ mit genauem Timing daherkommen. Sprich es ist völlig unvorhersehbar, wann diese scheinbar stabilen Aufwärtstrends brechen. Aber wenn es passiert, dürften die momentan noch auffällig passiven großen Adressen wieder aktiv werden – und angesichts ihres momentanen Verhaltens wohl kaum auf der Kaufseite. Ich denke weiterhin, dass wir bis Ende September immensen Risiken auf der Unterseite gegenüberstehen. Und wer anderer Ansicht ist, möge das gerne bleiben .. aber die hier dargelegten Gedanken vorher zumindest einmal zulassen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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