Japanische Zinsverhältnisse in Sichtweite

24. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Der EZB-Rat will die Eurozinsen noch weiter absenken. Euro-Sparern drohen japanische Zinsverhältnisse. Es ist Zeit, Gold zu kaufen…

Die Europäische Zentralbank (EZB) bereitet die Finanzmärkte auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik vor. Wie das geschehen kann, und welche Folgen das für Sparen und Investieren hat, das soll nachstehend besprochen werden.

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Auf dem EZB-Ratstreffen am 5. Juni 214 könnte der Euro-Leitzins gesenkt werden – von derzeit 0,25 Prozent auf möglicherweise 0,15 Prozent oder auf eine „Bandbreite“ von null bis 0,25 Prozent.

Viele Ökonomen würden das begrüßen. Sie meinen, dass niedrige Zinsen die Wirtschaft beleben und Produktion und Beschäftigung erhöhen. Auch würden niedrige Zinsen die Aufwertung des Euro-Wechselkurses stoppen.

Dadurch würde die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Güter, die Euro-Unternehmen international anbieten, erhöht, und folglich wird Wachstum und Beschäftigung im Euroraum gefördert.

Doch die negativen Wirkungen, für die ein Absenken der Leitzinsen sorgt, sollten an dieser Stelle keineswegs ausgeblendet werden. Einige davon sollen kurz genannt werden.

Tiefe Zinsen reißen Lücken in die Altersvorsorge. Lebensversicherungsunternehmen geraten in eine zusehends schwierige Lage, wenn der Zins herabgedrückt wird: Sie können keine angemessene Rendite mehr verdienen.

Die barwertigen Pensionsverpflichtungen der Unternehmen steigen an, und das schmälert das Eigenkapital der Firmen. Und weil die Inflation bereits vielfach höher ist als der Zins, werden Ersparnisse noch stärker entwertet.

Niedrige Zinsen provozieren zudem wirtschaftliche Fehlentwicklungen. Sie verleiten Unternehmen zu „Flop“-Investitionen. Spekulationsblasen entstehen auf den Finanzmärkten, die platzen und für schwere Schäden sorgen.

Negativer Einlagenzins

Dessen ungeachtet denkt der EZB-Rat über einen negativen Einlagenzins für „Überschussguthaben“ der Banken nach; von -0,1 Prozent war bereits zu lesen.

Ein Strafzins, so hofft man, würde die Banken veranlassen, neue Kredite zu vergeben und/oder Wertpapiere zu kaufen und so neues Geld zu schaffen. Doch ein negativer Einlagenzins bringt eine Reihe von heiklen Problemen.

Erstens: Ein negativer Einlagenzins reduziert die Gewinne der Banken, aus denen sie Eigenkapital bilden können. Da die Eigenkapitaldecke der Banken dünn ist, müssen die Steuerzahler verstärkt zur Kasse gebeten werden und/oder muss die EZB mehr Geld „aus dem Nichts“ in Umlauf bringen, sollten strauchelnde Banken mit neuem Eigenkapital aufzupolstern sein.

Zweitens: Ein negativer Einlagenzins erhöht den Anreiz für Banken, in relativ „risikoarme“ Wertpapiere zu investieren. Banken werden so ermutigt, Staatsschulden zu monetisieren – etwas, das mit Fug und Recht als Inflationspolitik bezeichnet werden darf.

Drittens: Die Euro-Banken reichen den negativen Einlagenzins an ihre Privatkundschaft weiter. In einem Nullzinsumfeld steigt die negative Verzinsung der Bankeinlagen. Den Banken könnte zudem ein Abzug von Depositen drohen, wenn die Kunden erkennen, dass sie mit Bargeld (im Tresor) besser gestellt sind als mit dem Halten von Bankguthaben. Entstehen den Banken durch Depositenabzug Finanzierungslücken, müsste die elektronische Notenpresse ebenfalls angeworfen werden.

Viertens: Auslandsinvestoren fragen weniger Euro nach, wenn die Euro-Banken, bei denen sie ihre Guthaben halten, ihnen einen negativen Einlagenzins berechnen. Eine nachlassende Euro-Nachfrage lässt den Euro-Wechselkurs abwerten. Die Euro-Bürger werden dadurch ärmer…

„QE“

Die EZB liebäugelt zudem mit dem Aufkauf von Bankkrediten und/oder Wertpapieren, eine Politik, die als „Quantitative Easing“ (kurz: „QE“) bezeichnet wird, und die sich als Geldvermehrungspolitik übersetzen lässt.

Das QE hat mehrere Folgen. Zum einen senkt die Wertpapiernachfrage der Zentralbank die Renditen der Schuldpapiere. Zum anderen wird durch QE die Geldmenge ausgeweitet.

Kauft die EZB Wertpapiere, die Banken bisher besessen haben, so steigt „nur“ die Basisgeldmenge. Kauft die EZB dabei Wertpapiere von Nichtbanken, steigt neben der Basisgeldmenge auch die Geldmenge M1.

Die Geldmenge M1 ist die für Käufe relevante Geldmenge. Die EZB kann folglich durch QE die Geldmenge in den Händen der Privaten direkt und ohne Umschweife über die Bankkreditgewährung ausweiten.

Die EZB kann somit durch QE die Geldmenge M1 beliebig ausweiten und damit einer Deflation entgegenwirken. Sie kann auch, wenn das politisch erwünscht ist, durch QE für eine höhere Inflation sorgen…


Abwärtsdruck auf die Zinsen

Hat die EZB erst einmal begonnen, Anleihen aufzukaufen, ergibt sich ein Handlungszwang: nämlich dauerhaft weiter Anleihen kaufen zu müssen. Sozusagen: „Einmal QE, immer QE“. Wie erklärt sich das?

Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, wird sie zum Gläubiger der Staaten. Die Staaten müssen ihre Zins- und Tilgungszahlungen an die EZB überweisen. Das verringert die Basisgeldmenge und die Geldmenge M1.

Wenn das verhindert werden soll, muss die EZB die erhaltenen Zins- und Tilgungszahlungen verwenden, um neue Anleihen zu kaufen. Durch die fortgesetzte Nachfrage nach Anleihen wird sie folglich einen dauerhaften, zinssenkenden Abwärtsdruck auf die Renditen ausüben.

Sollte die EZB Anleihen kaufen, würde auch die letzte große Zentralbank der Welt zum bedeutenden Nachfrager auf den Märkten für Schuldtitel aufsteigen – mit nachhaltiger zinssenkender Wirkung.

Man bedenke: Der Euro-Bankenapparat ist der weltweit größte mit einer Bilanzsumme von etwa 30.500 Mrd. Euro (zum Vergleich: Die Bilanzsumme des US-Bankenapparates beläuft sich umgerechnet auf 19.500 Mrd. Euro).

Sinkende Zinsen haben das Potenzial, die Zinsen in anderen Währungsräumen nach unten zu ziehen. In jedem Fall wäre es nicht verwunderlich, wenn die EZB-Politik zu japanischen Zinsverhältnissen im Euroraum führt.

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Goldnachfrage

Wenn alle bedeutenden Zentralbanken der Welt eine extreme Tiefzinspolitik verfolgen, wäre es da nicht verwunderlich, wenn bald japanische Zinsverhältnisse vorherrschten?

Was wären die Konsequenzen für den Goldpreis? In unseren Beiträgen haben wir verschiedentlich darauf hingewiesen, dass sinkende Zinsen tendenziell den Goldpreis positiv beeinflussen.

Die weltweit eingeleiteten Geldpolitiken, die auf eine fortgesetzte Geldmengenvermehrung weisen, sollten sich früher oder später in einem steigenden Goldpreis niederschlagen. Es ist Zeit, Gold zu kaufen.


Anhang

Ein Beispiel soll das Gesagte illustrieren. Ausgangspunkt sei eine Situation, in der die Geschäftsbanken Wertpapiere (Staatsanleihen) in Höhe von 100 und Basisgeld in Höhe von 100 auf der Aktivseite sowie gleichzeitig auf der Passivseite Giroguthaben der Kunden (Geldmenge M1) in Höhe von 200 ausweisen (siehe Beispiel 1).

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Nehmen wir an, die Zentralbank kauft den Banken Staatsanleihen in Höhe von 100 ab und bezahlt mit neuem Basisgeld. Die Bilanz der Zentralbank verlängert sich dadurch um 100. In der Bilanz der Banken gibt es einen Aktivtausch: Wertpapiere nehmen um 100 ab, das Basisgeld steigt in Höhe von 100. Die umlaufende Geldmenge M1 ändert sich dadurch nicht.
Der Staat muss Zins- und Tilgungszahlungen auf seine Anleihen leisten (siehe Beispiel 2). Nachdem die Zentralbank die Papiere gekauft hat, erhält sie die Zins- und Tilgungszahlungen. Nehmen wir an, die Laufzeit der Anleihe beträgt ein Jahr und die Zinsen betragen 5 Prozent p.a., so dass sich die Überweisung für Zins und Tilgung auf 105 beläuft.

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Überweist der Staat 105 an die Zentralbank, sinkt die Basisgeldmenge um 105 (auf 95), gleiches gilt für die Geldmenge M1. Die Zentralbankbilanz verkürzt sich entsprechend um 105 (auf 95). Mit anderen Worten: Die Zins- und Tilgungszahlungen, die der Schuldner (hier der Staat) leistet, sind deflationär: Sie verringern die umlaufende Geldmenge M1.

Die Zentralbank muss also, wenn sie ein Schrumpfen der Geldmenge M1 verhindern will, mit den erhaltenen Zins- und Tilgungszahlen neue Wertpapiere kaufen. Dabei reicht es jedoch nicht aus, wenn sie von Banken die Papiere kauft! Die Zentralbank muss vielmehr Wertpapiere von Nichtbanken (Versicherungen, Pensionskassen etc.) kaufen. Nur wenn die Zentralbank von Nichtbanken kauft, kann sie die Geldmenge M1 direkt erhöhen.

Eine QE-Politik liefe wohl letztlich darauf hinaus, dass die EZB auch die Neuemissionen der Staaten kauft: Den Staaten würde der Kaufpreis auf deren Konten überwiesen – und wenn die Staaten das neu geschaffene Geld ausgeben (für Lohn- und Auftragszahlungen), erreicht es auch die Konten der Nichtbanken. Die QE-Politik würde in die monetäre Staatsfinanzierung abgleiten. In der Währungshistorie ging das stets zu Lasten des Geldwertes.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


 

Ein Kommentar auf "Japanische Zinsverhältnisse in Sichtweite"

  1. 4fairconomy sagt:

    Grundsätzlich sollten sich die Zinsen der Konjunktur anpassen können. D.h. bei 0% Wachstum sollten sich die risikolosen Zinsen mittlerer Laufzeit um 0% einpendeln können. Wird dann aber mehr gespart als zu 0% investiert werden kann, müssten die Zinsen unter 0% sinken können – völlig mühelos und natürlich (wenn der Staat sich nicht verschuldet, was er nicht sollte) . Dann soll nämlich weniger gespart werden. Heute wird mehr gespart, als zum konjunkturell passenden Zinssatz investiert werden kann. Dies, weil Sparen zu mindestens 0% garantiert ist (nominell – aber nominell sind auch alle anderen Preise/Renditen/Zinserträge). Wächst die Wirtschaft nicht genügend, können im Schnitt gar nicht so hohe Zinsen bezahlt werden, wie als Anreiz nötig wären, damit auf Liquiditätshortung verzichtet werden würde. Wenn Prof. Polleit höhere Zinsen verlangt, verlangt er auch ein entsprechend höheres Wirtschftswachstum, damit diese bezahlt werden können. Nun müsste er erklären, wie dieses Wachstum zustande kommen soll. Ansonsten ist die Forderung nach höheren Zinsen wie die Forderung nach höheren Löhnen, wenn dies Unternehmen gar nicht finanzieren können.

    Wenn mehr gespart wird, als die Wirtschaft an Krediten benötigen kann, muss es zur Entwertung von Ersparnissen kommen, anders geht es nicht.

    Tiefe Zinsen reissen keine Löcher in der Altersvorsorge, ganz im Gegenteil. Dies entlastet die Unternehmen, welche somit mehr Lohn zahlen können und/ oder die Produkte günstiger anbieten können. Die Zinseinkünfte fallen nicht vom Himmel, sondern werden letztlich von den Erwerbstätigen und Konsumenten finanziert. Niedrigere Zinsen erhöhen auf Dauer die Kaufkraft der Erwerbstätigen und Konsumenten, welche dann auch mehr sparen können. Letztlich profitiert nur etwa 10% der Bevölkerung von den Zins- und Kapitaleinkünften und 90% zahlt mehr, als sie davon erhalten – inkl. über die Altersvorsorge.

    Niedrige Zinsen sind ein Problem, wenn sie von einer Geldmengenausweitung begleitet sind. Dann steigt die Gefahr von Blasen auf den Finanzmärkten (Inflation begrenzt auf einem Wirtschaftsgebiet) oder einer generellen Inflation. Deshalb ist es nicht egal, wie niedrige Zinsen erreicht werden – ob über eine übermässige Geldmengenausweitung oder eines negativen Zinses auf Liquidität. Ein negativer Zins auf Überschussreserven der Banken ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch Bargeld muss mit einem negativen Zins behaftet werden, damit es richtig funktionieren kann.

    Ausländische Investoren, welche realwirtschaftliche Investitionen tätigen wollen, werden an den niedrigen Zinsen Freude haben und vermehrt im Euroraum investieren. Aussen vor werden diejenigen bleiben, welche Euro horten wollen. Der Euro Wechselkurs wird somit nicht künstlich hochgehalten werden durch eine Nachfrage, welche nur Euro als sicheren Hafen will. Die EU-Bürger werden profitieren: durch mehr realwirtschaftliche Investitionen, tiefere Wechselkurse, günstigere Produkte usw. Je höher die Zinsen, desto höher die Erwerbslosigkeit und Umverteilung von den Fleissigen zu den Kapitalerträgen.

    Sobald die Wirtschaft wächst und die Erwerbslosigkeit zurückgeht, müssen die Zinsen die Marktverhältnisse wiederspiegeln und mühelos wieder steigen können. Deshalb sind Massnahmen nötig, welche keine Erstarrung des Zinses als Preis zwischen Angebot und Nachfrage verursachen, was die heutigen Vorschläge z.T. tun. Die Zinsen müssen möglichst flexibel auf Veränderungen reagieren können. Aber eben, sie müssen im Gegensatz zu heute auch rasch unter Null fallen können, wenn zuviel gespart wird.

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