„Japanische Verhältnisse“ Oder: Wie sich die Bedeutung eines Ausdrucks wandelt

14. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor Unter „japanischen Verhältnissen“ verstand man seit dem Platzen der großen Blase zum Jahresende 1989 eine Wirtschaft, die nicht mehr recht Tritt fassen konnte. Zwar lief der Export weitestgehend ungestört weiter, in der Binnenwirtschaft knirschte es aber aufgrund der negativen Vermögenseffekte sinkender Aktien- und Grundstückspreise gewaltig…

Nur durch eine unübersehbare Anzahl sogenannter Konjunkturprogramme konnte der Anschein eines „Business as usual“ auf niedrigem Niveau gewahrt werden – zumindest oberflächlich. Tatsächlich dürften auch diese Staatseingriffe kontraproduktiv gewesen sein.

Nicht nur wurde eine ansonsten eher kurze, dafür aber umso heftigere Bereinigung der vorangegangenen Exzesse auf Jahrzehnte(!) hinausgezögert, diese Politik des „Zeitkaufens“ führte im Ergebnis auch zu einer exorbitanten Staatsverschuldung von aktuell mehr als 235% des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Eigentlich ein schönes Lehrbeispiel auch für die aktuelle EU-„Rettungspolitik“ – wenn man denn lernen wollte.

Gewiss, bei uns ist alles anders und natürlich besser. Aber selbst zwischen der beschleunigten Vergreisung Japans und der desolaten Wirtschaftslage dürfte es Rückkoppelungen geben. Ohne Zuversicht in die Zukunft sinkt ganz einfach die Bereitschaft, Kinder in die Welt zu setzen – es sei denn, der Staat bezahlt dafür. Zwar erfolgt das Jammern in den großen Industrieländern derzeit noch(!) immer auf einem relativ hohen Niveau, das wird jedoch – nicht nur in Japan – durch ständige Staatseingriffe kontinuierlich abgesenkt.

Für die Bürger ist ohnehin die eigene Wahrnehmung der Lage und die eigene Einschätzung der Zukunft entscheidender als die „objektiven“ Verhältnisse, wobei die Ahnungen von heute oft genug zur Gewissheit von morgen werden.

Akte der Verzweiflung

Betrachtet man den Nikkei 225, Leitindex der großen japanischen Unternehmen, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die Sorgen um die Volkswirtschaft des Landes der Vergangenheit angehören. Dem ist nicht so. Was nach Aufbruchsstimmung aussieht, hat nur im übertragenen Sinn etwas mit „Aufbruch“, besser mit „Aufbrechen“ zu tun – und zwar im Sinne von „Crack-up“… (Seite 2)

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