Japan hofft auf die brennende Karotte

24. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Japan ist immer für eine skurrile Geschichte gut. Nun gibt es Neuwahlen auf den Inseln. Am großen Experiment der „Abenomics“ dürfte sich aber wenig ändern. Auch die Erfolglosigkeit der Maßnahmen und die Folgeschäden werden den Japanern noch lange erhalten bleiben.

In vielen westlichen Medien wird die Wahl in Japan zu einer „Abstimmung über die Abenomics“ hochstilisiert. Ob die Japaner eine Alternative haben, die auch auf den Wahlzetteln auftaucht, ist fraglich. Vordergründig aber sollen die Japaner sowieso nur über die Verschiebung einer Mehrwertsteuererhöhung abstimmen, dies schreibt zumindest die NZZ. Eine bemerkenswerte Frage. Wieviele Japaner sich wohl eine möglichst rasche Erhöhung wünschen mögen.

(nzzz) Zwei Jahre vor dem regulären Termin setzt Japans Ministerpräsident Shinzo Abe Neuwahlen an. An einer live am Fernsehen übertragenen Pressekonferenz teilte er am Dienstagabend Lokalzeit mit, dass das Unterhaus am 21. November aufgelöst werde. Als Begründung nannte Abe, dass er eine vorgesehene Erhöhung der Konsumsteuer von 8 Prozent auf 10 Prozent um 18 Monate verschieben wolle. Darum, so der Regierungschef, wolle er ein neues Mandat der Wählerinnen und Wähler suchen.

Klar, wenn man die Steuern erst später erhöhen will, da sollte man das Volk lieber vorher fragen, sonst macht sich noch Unmut breit. Als Anregung für den Westen könnte man bei der nächsten Steuererhöhung darüber abstimmen, ob sie überhaupt kommen soll. Dummerweise haben Aussagen, die vor der Wahl gemacht werden, in der Regel keinen Einfluss auf die nach der Wahl stattfindende Gesetzgebung. Die Frage kann man sich daher wohl sparen. Wie das mit der so genannten Politikverdrossenheit zusammenhängt bedarf sicherlich komplexer wissenschaftlicher Analysen.

Die in Ost und West medial verbreitete Hoffnung auf die segensreichen Kräfte der Inflation können einen schon ängstigen. Die Geldentwertung soll es also richten und den ausgemergelten Wirtschaftskörper stärken. Eine famose Idee. Wie wäre es mit schnellfaulenden Holzhäusern, Salami mit einem Maximalhaltbarkeitsdatum (ein halber Tag) oder mit dem guten alten nicht-vollverzinkten Automobil? Die geplante Obsoleszenz, das werkseitig eingerichtete vorzeitige Ableben von Elektronik könnte als Vorreiter dienen. Dummerweise sinken in diesem Sektor dank der findigen Asiaten seit Jahren ständig die Preise. Dem Fortschritt hat das offensichtlich nicht geschadet. Vielleicht sollte man mal über „Premium“-Computer aus Stuttgart nachdenken, mit Stern drauf, dann klappt es auch bei der Elektronik mit dem Preisanstieg.

Wo auch immer der Preisanstieg herkommen soll und ob man sich das wünscht oder nicht, in Japan sucht man den herbeigesehnten positiven Zusammenhang zwischen Inflationsrate und BIP-Wachstum in den Daten der Vergangenheit vergebens.

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Für den geneigten Supermarkteinkäufer, der sich nicht an den steigenden Preisen eigener Kapitalanlagen ergötzen kann, erschließt sich der in den letzten Jahren salonfähig gemachte Segen der Inflation nicht. Steigende Preise sollen nun das Schlamassel beenden und endlich für eine „bessere Konjunktur“ sorgen. Wer sich nicht dem Nominalwertfetisch hingibt, der mag über diese seltsame Hoffnung lange nachdenken. Alternativ schlagen wir unser altbekanntes Inflationsexperiment vor. Statt auf die quälend langsame Inflation durch Herrn Draghi zu warten, kann man einfach von zehn gekauften Karotten nach dem Einkauf eine noch vor dem Supermarkt verbrennen. Nach diesem Brandopfer sollte sich alsbald eine spürbare konjunkturelle Triebkraft bemerkbar machen. Es tut sich nichts? Dann verbrennen Sie gefälligst mehr Karotten, elender Inflationsskeptiker.

Wie wenig steigende Inflation und steigende Realöhne miteinander zu tun haben, zeigt die folgenden Grafik aus Japan.

wages japan


Leider werden die Reallöhne auf den Gehaltszetteln nicht ausgewiesen.

Natürlich ist die Angst vor der Deflation – die natürlich nichts mit der vorherigen Kreditexpansion zu tun hat sondern aus dem Nichts kam – real. Menschen werden bei sinkenden Preisen nichts mehr essen, nicht mehr wohnen, kein Bierchen mehr in der Kneipe trinken. Der Urlaub fällt ebenfalls aus, den holen wir in fünf Jahren nach, wenn die Preise endlich wieder steigen! Im Grunde müsste man ja nicht viel tun, um zumindest die psychologische Komponente der Geldentwertung wieder zu aktivieren. In den USA könnte man sich bei den Regeln, nach denen sich die Berechnung der Lebenshaltungskosten richten, wieder auf die alten Formeln zurückgreifen. So fiele etwa die Substitution weg. Denn heute gilt ja die sonderbare Annahme, dass (a) wenn die Steaks zu teuer werden, der Bürger (b) zur Frikadelle greift was (c) bedeutet, dass das Leben nicht teurer geworden ist. Schon praktisch.

Auf uns wirkt an der Diskussion vieles befremdlich. Außerordentlich putzig ist die generelle Annahme, man habe es in den letzten Jahren mit generell sinkenden Preisen zu tun. Keine Ahnung auf welchem Planeten die Deflationspaniker leben, er muss aber sehr weit weg sein. Was soll’s, wir gehen jetzt schnell noch auf ein Bierchen raus. Nullkommadrei Liter für drei Euro fünfzig. Klingt konjunkturfreundlich und bevor’s noch billiger wird wollen wir uns lieber beeilen …




 

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3 Kommentare auf "Japan hofft auf die brennende Karotte"

  1. bluestar sagt:

    Ausgezeichnet ! Beide Daumen hoch !
    Vielen Dank und einen schönen Montag.

  2. Erich sagt:

    Preise regeln sich immer noch über Angebot und Nachfrage. Wenn die Zentralbank Bonds kauft, dann erhöht sich die Nachfrage nach Bonds, dh. die Preise dafür steigen. Das gleiche gilt für irgendwelche ABS Papiere und anderes. Dass dabei indirekt vielleicht auch noch andere Preise steigen (etwa für Immobilien) ist sekundär. Alle diese Preiserhöhungen gehen aber nur zu einem äußerst geringen Teil in unsere Inflationsrate ein. Wollte man die Inflation tatsächlich erhöhen, dann müsste man die Nachfrage nach den Gütern des täglichen Gebrauchs erhöhen. Am besten erreicht man so etwas mit Helikoptergeld.

    Dass dies nicht einmal in Erwägung gezogen wird, beweist, dass es überhaupt nicht um Deflation oder Inflation geht, Es geht ausschlieslich um Umverteilung. Man druckt neues Geld, um die Besitzer von Anlagen, welcher Art auch immer, deren Wert sich verflüchtigt hat, zu begünstigen. Würde man jedem Bewohner der Eurozone neues Geld schuldfrei in die Hände drücken, käme die Inflation ganz von alleine. Die Schulden wären real weniger, es gäbe weniger Insolvenzen, aber die Besitzer der Anlagen hätten eben reale Verluste, und das geht natürlich nicht. Da nimmt man lieber hohe Arbeitslosigkeit in Kauf, indem man viel Geld aus der Realwirtschaft in die Finanzwirtschaft transferiert.

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