Jamaika und die Wiedergeburt der Mumie

28. November 2017 | Kategorie: RottMeyer

Von Bankhaus Rott

Nachdem der Kelch einer Koalition aus CDU, FDP und Grün*X~Innen gescheitert ist, versucht man nun die bereits müffelnde Mumie der großen Koalition wiederzubeleben. Angesichts derartiger Verzweiflung fangen möglicherweise auch die Toten wieder an zu laufen. Bemerkenswert ist, dass man immer noch nicht darüber spricht, worüber man schon im Wahlkampf nicht sprechen wollte...

Der Mainstream in Deutschland ist derzeit in etwa wieder so verwirrt wie nach dem britischen Referendum über den EU-Austritt, der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und dem Aufstieg von Sebastian Kurz in Österreich. Angesichts der eigenen Fehlleistungen der letzten Jahre darf man von soviel Überraschtheit wirklich überrascht sein.

Bevor wir auf die Fehlleistungen zu sprechen kommen sollten wir kurz innehalten und uns mit den Leistungen der Regierungen unter Merkel beschäftigen. Welche Erfolge fallen Ihnen ein? Welche strategischen Entscheidungen, die das Land weiterbringen kommen Ihnen in den Sinn? Dem einen oder anderen mag etwas einfallen, viel Platz um es aufzuschreiben benötigen wohl selbst die großzügigsten Betrachter nicht.

Bei den Fehlleistungen sieht es schon anders aus. An das ständige Herunterleiern meist inhaltsleeren Gestammels, dass nicht einmal rhetorisch ein Niveau erreichte, bei dem man sich ansatzweise unterhalten fühlte, denkt man mit Grausen. Viele Reden waren von einer Dumpfheit geprägt, die offenbar zu einer grotesken Einschätzung vieler Betrachter geführt hat. So blöd wie es klingt kann es ja nicht gemeint gewesen sein, also habe ich etwas übersehen und die Rede war eigentlich ganz toll und inhaltsreich. Nein, war sie nicht.

Bei vielen getroffenen Entscheidungen ist es genauso. Diese Entscheidungen wurden stets dem gleichen Muster folgend getroffen. Erstens: Welcher Wind weht in der Stimmung der Bevölkerung, was sagen die Umfragen. Zweitens: Wie kann man ein Thema entern, dass einer anderen Partei Punkte bringen könnte, auf die Inhalte kommt es schließlich nicht an. Dabei kommt abgesehen von einem bemerkenswert langen Aufenthalt im Kanzlerstuhl ein wirres politisches Gemisch ohne strategische Ausrichtung heraus. Atomstrom ist gut, oh, wir schalten doch alles ab. Multi-Kulti ist gescheitert, oh, ich mache mal die Grenzen auf. Kein Geld mehr für Griechenland! Es sei denn sie wollen noch etwas mehr. Keine Garantien des deutschen Steuerzahlers für die von anderen verursachten Lasten! Aber her mit dem ESM! Diese Entscheidungen wurden ad-hoc und ohne Rücksicht auf die einschneidenden Auswirkungen entschieden. Viel schlauer als im Winter in Baumwollhosen in Richtung Ural zu marschieren ist das nicht. Viel besser werden auch die langfristigen Konsequenzen dieses random walk nicht sein.

Der Beobachter muss sich hinsichtlich derartigen Wahnsinns bei der Beurteilung der Ursache dieser „Politik“ zwischen Blödheit und Absicht entscheiden. Es mag auch eine Schnittmenge geben. Man darf gespannt sein, wie vor allem die irrwitzige Grenzöffnung und dem Hinweis „an alle“, dass wir unsere Grenze ja sowieso nicht schützen können, einst von Historikern beurteilt werden wird. Nicht wenige werden ihr Urteil vermutlich irgendwo zwischen Hochverrat und der finalen Bestätigung einer lange vermuteten Amtsunfähigkeit ansiedeln. In einigen Jahren wird sich vermutlich dann niemand mehr finden, der diese Entscheidungen jemals gut fand.

Frau Merkel gilt manchem nicht erst seit gestern als Symbol des inkarnierten opportunistischen Nichtstuns. Fähigkeiten wurden jahrelang überschätzt. Unterschätzt wurde wohl die unbedingte Bereitschaft, möglichst lange im Kanzleramt zu sitzen. Ob die eigene Partei dabei von der Erdscheibe zu fallen droht spielt keine Rolle, beim Land ist das ähnlich. Das alles ist nicht die Schuld der Person Merkel. Genügend Leute haben sie gewählt, die Mainstream Medien haben von gelegentlichen Seitenhieben ehrerbietig zum „System Merkel“ aufgeschaut und auch die eigene Partei ist selbst schuld an der eigenen Demontage, dessen Opfer fähige Politiker und dessen Profiteure die Mitläufer waren.

Von der Republik ist nach all den Jahren ohnehin nicht mehr als das kleine, vermeintlich von Freunden umzingelte Puzzlestück Europas mit dem dicken Scheckbuch übrig geblieben, das vermutlich nicht einmal mehr einen Einmarsch der Luxemburger Infanterie militärisch abwehren könnte. Geist und Macht, so schrieb schon Golo Mann, gehen leider selten gemeinsam. Wenn nun dummerweise nicht gerade mal wieder die örtliche Kirche von sicherlich in keinster Weise religiös motivierten Randaliereren vollgepinkelt und in Teilen zerstört worden wäre, könnte man dort in stillem Gedenken ein Teelicht für die Zukunft anzünden. Aber was soll’s, wir schaffen das.

Die Phase der Merkelschen Regierungen wird vermutlich ähnlich wie weite Teile der Regierungszeit Helmut Kohls als „zweite Periode der Dumpfheit und des Verharrens“ in die Geschichtsbücher eingehen. Sämtliche Züge des Fortschritts fuhren am am Land vorbei und die urbanistisch-verpeilte Infantilisierung der Politik schritt unbeirrt voran. Schade um die verpassten Jahre. Auch in der Hauptstadt läuft es bekanntlich prima: Modell Berlin: Verwahrlosung tötet.

Das Thema, über das man schon im Wahlkampf nicht sprechen wollte, weil man dachte, der Bürger kriegt von den Dingen über die man im ZDF nicht spricht nichts mit, ist die unorganisierte Zuwanderungswelle seit 2015. Dummerweise hat man vergessen, dass nicht alle Bürger dort wohnen, wo man von den Auswirkungen nichts mitbekommt. Während bekanntlich in den besser gestellten Wohnvierteln, in denen die Zahl der ZEIT- und Süddeutsche-Abonennten noch hoch ist und man bei einigen Gläschen Medoc im Jazzkeller den Kopf über die Schlichtheit der Restbevölkerung schüttelt, verändern sich andernorts ganze Lebenswelten rasant. Es ist ein dramatischer Unterschied, ob  3% einer Einreisewelle über ihren Stadtteil schwappen oder 20%. Es ist ein Unterschied, ob ihr Stadtteil vorher gut organisiert war und funktionierte oder ob er schon vorher in weiten Teilen dysfunktional war. Innerhalb einer Generation haben sich ganze Stadtviertel von dem was man einst gut bürgerlich nannte zu kaum noch funktionierenden Konstrukten gewandelt.

Was die Theoretiker, die sonst gerne bei einem Gläschen Milchkaffee über Gentrifizierung in Hamburger Szenevierteln schwadronieren über die Entwicklungen in weiten Teilen des Ruhrgebiets denken, ist nicht überliefert. Wir empfehlen allzu theoretischen Naturen ein Wochenende in Dortmund, Essen und Duisburg mit dreistündiger abendlicher Shoppingtour durch Altenessen oder Marxloh. Viel Vergnügen und ziehen Sie sich bitte nicht zu aufreizend an, liebe Damen, oder wollen Sie friedliche, tolerante Menschen gegen sich aufbringen? 

Aber Schluss mit dem depressiven Gejammer und raus mit dem NLP-Buch! Ist das nicht alles eine Frage der Einstellung und sind die Entwicklungen nicht eher Grund zu berauschendem Optimismus? Denn nach Lesart der Teddybären schwenkenden Fans der kontrollfreien Einreise müssten in den kommenden Jahren gerade die derzeit besonders belasteten Stadtteile auf Grund der demographischen Verjüngung mit hochmotivierten Berufseinsteigern und Firmengründern einen kometenhaften Aufschwung erleben. Warum dies in den letzten Dekaden trotz bereits vorhandener personeller Grundausstattung genau andersherum lief? Wer weiß das schon.

So langsam nehmen die Damen und Herren in einigen Parteien offenbar war, dass diese und andere Sorgen schon lange in der Mitte der Bevölkerung angekommen sind. Das sollte nicht verwundern, denn eben diese Mitte der Bevölkerung sieht die Effekte der Bereicherung jeden Tag. Diese Mitte als Dummköpfe, Pack oder auch – uralt, aber immer noch stets beliebt – Nazis zu beschimpfen ist unangemessen, ekelhaft und  kommt, wie die Wahlen erstmalig gezeigt haben, nicht mehr sonderlich gut an. Auch die derzeitigen Umfragen zeigen bei der AfD eher Zugewinne. Die plötzliche Betonung, welche Dinge mit „der FDP nicht zu machen“ sind und das prä-revolutionäre Gewurstel in Bayern deuten auf einen Richtungswechsel in der Politik hin. Das „linksliberale“ wird wohl noch einige Jahren brauchen, bis es aus den Medien heraus gewachsen ist. In der Gesellschaft ist es bereits nicht mehr mehrheitsfähig. Linksliberal klingt immer so lieb und nett. In Wahrheit sind viele, die sich so bezeichnen würden, offenbar näher am Stalinismus als sie das wahrhaben wollen. Das zeigen auch die Verweigerung eines offenen Austauschs von Argumenten (siehe Frankfurter Buchmesse) sowie seltsame Äußerung von vorgeblich neutralen Instanzen, wie dem öffentlich rechtlichen Rundfunk. Wenn  im Rahmen der Berichterstattung des MDR ein dort beschäftigter gebührenfinanzierter Angestellter den Wahlerfolg der AfD in Sachsen als „schwarzen Tag für das Bundesland“ bezeichnet, dann sagt das einiges über die demokratischen Defizite dieser Institution aus.

Aber Landesverteidigung, innerer Friede und Rechtssicherheit sowie freie Meinungsäußerungen sind nur althergebrachte Kleinigkeiten. Die wahren Probleme, die wirklich für alle von Interesse sind, finden sich im Kopf und in der Unterhose. Folgerichtig beschäftigen sich Abgeordnete derzeit ausführlich damit, sich möglichst gut zu blamieren. Besonders gut gelungen ist dies einer Frau von der SPD, als sie zur Anzahl der Geschlechter befragt wurde.

Die SPD zählt die Geschlechter und kommt zu keinem Ergebnis.

Angesichts dessen darf man nur hoffen, dass wir noch lange von Freunden umzingelt sind, dass die gefüllten Klingelbeutel zur Reparatur der zerstörten Kirchen und geschändeten Friedhöfe in Deutschland ausreichen und uns die derzeit als Problemviertel bezeichneten Stadtteile bald in den Orbit chinesischer Wachstumsraten katapultieren. Denn man möchte sich nicht ausmalen, was los ist, wenn dieses Parlament sich einmal mit einer ernst zu nehmenden außenpolitische Bedrohung des Landes beschäftigen muss. Spätestens dann müssen wir wohl selber die Koffer packen.

Es gibt den bekannten Satz „wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Man sollte für hochrangige Politiker ergänzen „wer keine Visionen hat, sollte sich einen anderen Job suchen“.

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