Jahrmarkt der Eitelkeiten

27. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Sicher sind Ihnen in den vergangenen Tagen, ja Wochen, die vielen widersprüchlichen Prognosen auf den Geist gegangen. Einer meiner Freunde, Volkswirt in gehobener Position, hat mir neulich seinen folgenden Trick verraten…

Kontakte zu verschiedenen Medien pflegen, unterschiedliche Prognosen mal hier, mal da abgeben, und wenn das Jahr 2016 gelaufen ist, mit solchen Prognosen angeben, die der tatsächlichen Entwicklung am nächsten gekommen sind. „Das funktioniert fast immer“, behauptet er, „denn kaum jemand archiviert alle vor einem Jahr abgegebenen Fehlprognosen.“

Dieser Schlingel von Volkswirt hat leider recht. Und wie! Vorausgesagt wird ja so ziemlich alles: Wirtschaftswachstum, Staatsverschuldung, Inflationsrate, Aktienkurse mal als Index, mal bezogen auf einzelne Aktien, Crash, Währungen, speziell Dollar und Schweizer Franken, Zinsen, ob die Amerikaner ihren Leitzins weiter erhöhen oder wieder senken werden, Edelmetall- und Rohstoffpreise, speziell der Ölpreis, ob es den Euro in einem Jahr noch geben wird, und so weiter.

Das Ganze ist in erster Linie ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, jedenfalls wenn es um die vielen in die Welt hinausposaunten, jedermann zugänglichen theoretischen Prognosen der Volkswirte geht. Davon zu unterscheiden sind die für die unternehmerische Praxis wichtigen Erwartungen, denen üblicherweise Bandbreiten an Daten zugrunde liegen. Deren Ergebnisse stehen der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung, sofern es sich um interne Daten handelt. Wohl dagegen müssen sich Unternehmen an Umsatz- und Gewinnprognosen messen lassen, die sie irgendwann mal öffentlich gemacht haben.

So vielfältig und komplex ist das Prognosegeschäft. Es gewinnt noch an Komplexität, wenn man bedenkt, dass jede größere Veränderung wichtiger Daten anderswo Reaktionen auslöst. Ein Beispiel: Beschließt die EZB, auf Teufel komm raus Geld aus dem Nichts zu schöpfen, wirkt sich das negativ auf den Euro und für eine begrenzte Zeit positiv auf exportstarke deutsche Unternehmen aus. Dadurch wird die Kluft zwischen der Konjunktur in Deutschland und in exportschwachen Euroländern immer größter.

Das hat zwangsläufig zur Folge, dass Länder wie Frankreich und Italien, ganz zu schweigen von Griechenland, Deutschland auszutricksen versuchen, indem sie auf den Stabilitäts- und Wachstumspakt pfeifen. Das führt dann mehrseitig zu politischen Zerwürfnissen, die durch die Flüchtlingskrise zusätzlich verschärft werden. Was dabei herauskommt, erleben wir fast täglich: Endlose Debatten ohne zählbares Ergebnis in Brüssel, bis schließlich Deutschland sich wieder mal gezwungen sieht, zum europäischen Zahlmeister zu werden. Daraufhin müssen hier noch mehr Schulden als bisher aufgetürmt und/oder die Steuern erhöht werden. Das ahnen viele deutsche Steuerzahler rechtzeitig und wählen aus lauter Protest die AfD.

Anhand dieses Beispiels wird neben der Komplexität auch die Interdependenz der Aktionen und Reaktionen erkennbar. Am Ende kommt heraus, dass die Geldschöpfung durch die EZB auf Umwegen der AfD hilft, 2016 bei der einen oder anderen Landtagswahl und 2017 bei der Bundestagswahl in die jeweiligen Parlamente zu kommen. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist, dass man besonders im nächsten Jahr die Ereignisse an der Schnittstelle zwischen Geld- und sonstiger Politik penibel verfolgen sollte.

Wie schützt man sich vor unliebsamen finanziellen Überraschungen, etwa vor einem plötzlichen Anstieg der Zinsen, vor der Inflation oder vor einem Crash? Vorab, indem man sie überhaupt in Betracht zieht. Da helfen keine Prognosen, da hilft nur das intensive Verfolgen der Ereignisse und das Räsonieren über denkbare Folgen. Und weil, wie beschrieben, verschiedene Folgen denkbar sind, gilt es, das Vermögen zu streuen: in Tagesgeld und Gold jetzt, in Aktien erst nach einem größeren Kursrückgang und in eine selbst zu bewohnende, leicht liquidierbare Immobilie in guter Lage, falls dadurch kein Klumpenrisiko entsteht. Je intensiver Sie die Ereignisse verfolgen, desto leichter wird Ihnen das Timing beim Geldeinsatz fallen.
Manfred Gburek – Homepage

 

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