Jagdsaison der Beuteltiere

22. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Kolumne von Frank Meyer

Mögen Sie Messen? Nein? Sollten Sie aber! So eine Messe, besonders eine Finanzmesse wie die „Invest“ in Stuttgart, verschafft einem nicht nur einen Überblick in die Welt der Finanzprodukte, sondern auch Erkenntnisse über die menschliche Natur…

Wie in jedem Jahr traf sich die Finanzbranche auch 2011 wieder in Stuttgart zur „Invest“ – Deutschlands größter Finanzmesse. Anlageverkäufer bewerben ihre Produkte und die Leute schauen sich um, wie sie sich elegant von ihrem Anlagenotstand bzw. Geld trennen können. Weit interessanter fand ich aber eine in der Öffentlichkeit noch weniger bekannte Gruppe von Leuten, die in Ausstellerkreisen auch „Beuteltier“ genannt wird. Auch in diesem Jahr sind sachdienliche Hinweise erwünscht…

Schlendert man durch die Gänge der großen Halle nahe des Stuttgarter Flughafens, kann man erstaunliche Beobachtungen machen. Zwischen den Ständen dominiert verständlicherweise die Hoffnung, schnell ein paar Prozente zu machen, am besten bis morgen Mittag 13 Uhr. Wo wird der DAX im August stehen? Ist Gold schon zu teuer? Diese Fragen konnten schon wieder nicht eindeutig geklärt werden, dafür aber ausführlich, mit welchen Instrumenten sich Anleger im Finanzmarkt austoben können. Das schnelle Rein und Raus ist modern – ein Gestocher in den Märkten wie mit einer Gabel auf einem Teller mit Pommes frites. Wie dem auch sei, für den Beobachter der ganzen Angelegenheit bietet sich noch weit mehr Interessantes, etwas aus dem Bereich der Psychologie und des menschlichen Benehmens…

Viele Messebesucher, schätzungsweise ein Drittel, sind vermutlich weniger an den Informationen der Aussteller interessiert, sondern vielmehr an kleinen Geschenken, die auf den Messeständen verteilt werden. Da die Eintrittskarten meist kostenlos sind, könnte sich ein Beutezug mit geräumigen Taschen lohnen, in denen dann allerlei Verwertbares verstaut wird. Kugelschreiber, Notizblöcke, Kekse, Pfefferminz, oder manchmal auch ein etwas größerer Gegenstand. Verwunderlich ist, dass man ausgerechnet auf Finanzmessen die „Beutlinge“ anzieht. Da bietet sich doch die Grüne Woche in Berlin viel eher an.

Die Mitarbeiter an den Ständen ließen sich auch in diesem Jahr wieder etwas Besonderes einfallen. So wurden hier und dort gelbe Rosen von freundlichen Damen verteilt.

Waren die Blumen eine Warnung? Ein geheimes Zeichen? Nun, der Autor dieser Zeilen hätte darauf besser achten sollen, als er in der S-Bahn erst von einem, dann von mehreren Herrn samt Begleitung mit Rosenpracht angesprochen wurde. „DAX und Gold werden crashen!“, sagte einer der Börsianer und erklärte mir unter lautem Widerspruch der anderen Herren auf der 30-minütigen Fahrt zum Hauptbahnhof ausführlich die Gründe. Es stellte sich heraus, dass der Wortführer zu früh verkauft hatte. Letztlich trug ich die Schuld.

Die armen gelben Blumen… Viele von ihnen hängten in der Messehalle nach einem recht anstrengenden Rundgang mit teils in den Gängen noch anstrengenderen Leuten ihre Köpfe. Verständlich. Schnell fanden einige gewelkte Rosen ein recht lausiges Ende in einer noch lausigeren Ecke, wo sich die abgestellten Informationsmaterialtaschen stapeln.

Nicht alle Leute sind so kaltherzig zu Mutter Natur. Staunend beobachtete ich eine ältere Dame, die schätzungsweise 20 Taschen mit sich herum schleppte, und alle zehn Meter ihre Informationsbeute abstellen musste – inklusive einem Strauß verdrießlich umher schauender gelber Rosen, die sich sichtbar auf eine Blumenvase bei der Dame freuten. Ob sie diese aber noch rechtzeitig erreicht haben, ist nicht überliefert.

Nicht nur an den Finanzmärkten herrscht die Gier. Auch an einem Stand passierte eine harmlose Rangelei, als der Keksvorrat fast zur Neige ging. Ein älterer Herr steckte sich vier der letzten Kekse in den Mund und das restliche Gebäck selbstbewusst in seine Tasche. Manchem Beobachter schien das etwas unhöflich. Doch der Mann hatte ja keine verbalen Argumente mehr und machte sich auf den Rückzug zum Nachbarstand, wo Äpfel gereicht wurden. Drei Kilo bitte! Sind die auch ungespritzt?

Und dann erzählte man sich, dass der Stand von Nomura überfallen wurde. Die bunten T-Shirts waren auf einmal verschwunden. Sollte Ihr Nachbar seit dem Wochenende mit täglich wechselnden Farben seines T-Shirts und dem Aufdruck „Nomura“ herum laufen, rufen Sie die Polizei…—>

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6 Kommentare auf "Jagdsaison der Beuteltiere"

  1. Gernot sagt:

    Ich war auch da und kann das Ganze nur bestätigen.
    Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, möchte ich aus einem Bericht der Stuttgarter Zeitung über die Messe vom Mo., 21.03. zitieren, der den Titel trägt: „Lernen Sie zu verzichten“ (ein Schelm, wer Böses dabei denkt…).
    Der Redakteur hat den Grünen-Finanzexperten Dr. Gerhard Schick (MdB), der auch mit einem Stand vor Ort war, zu seiner Meinung zu dieser Messe gefragt. Für diesen sieht das alles ein wenig zu sehr nach Rummelplatz aus. „Die sinnvolle Information hat kaum eine Chance in dieser Halle“.
    Dem kann man nicht viel hinzufügen. Man möchte auf dieser Messe die Menschen nur dazu bringen, viel zu handeln, damit möglichst hohe Provisionsgewinne für die Banken und Fondsanbieter dabei herausspringen.

  2. Messebesucher sagt:

    Das Highlight für uns sind die verschiedenen Edelmetallhändler auf der Messe, da es in Stuttgart keine günstigen gibt und man das Schwarzgeld nicht gern im Onlinehandel anlegt. An den Prospekten hat man eh kein Interesse mehr, da da seit 10 Jahren das selbe drinsteht. Die Qualität der Pfefferminzbonbons, Gummibärchen und Kulis ist unter aller Sau – auch da lohnt das raustragen nicht mehr.
    Wir waren nach 30 Minuten durch und hatten nicht den Eindruck etwas verpasst zu haben – die Redner und Themen waren auf den ersten Blick auch wieder die selben. Wo man sich fragt warum der „Experte“ es immer noch nötig hat zu arbeiten…

    • helibenB. sagt:

      Den „sophisticated investor“ sollte jenseits aller Gummibärchen, Kulis und Pfeffis nichts erschüttern: Immerhin waren die vorhandenen Messehostessen doch den einen oder anderen Blick Wert; jenseits allem Finanz-„Produkte“-Verkäufer-Gelaber, ausserdem hat ein (convinced) Edelmetallivestor auf dieser Messe eh nicht allzu viel verloren…
      – Kolumnen wie diese äusserst gelungene hier,
      sind der Grund, warum ich immer wieder gerne hier vorbeischaue!
      Fazit: Lesenswert.
      Gruss aus Bln.
      PS: die ‚Plauderei mit Hellmeyer( Podcast)‘ = genial!

      …Gruß aus Bln. Süd-West (Doppelt hält besser)

  3. rolandus sagt:

    Muß ja wirklich furchtbar gewesen sein.

  4. B. Z. sagt:

    Hallo Herr Meyer!
    Letztes Jahr habe ich mehr Beuteltiere wahrgenommen. Kurz vor 12 Uhr fragte mich eine Dame, ob sie mir ihre gelbe Rose schenken dürfe.
    Bereits im Eingangsbereich hat man ihr die Rose und 6 Infotaschen aufgedrängt! Ich empfahl ihr,Infomaterial erst kurz vor Verlassen der Messe einzusammeln.
    Bei manchen Vorträgen hatte ich den Eindruck, mehr Zocker sitzen im Publikum als auf der Bühne!
    Mein bestes Gespräch hatte ich am Stand der Kriminalpolizei, Abt. Wirtschaftskriminalität, geschlossene Fonds, stille Beteiligungen etc.
    Ein netter Gedankenaustausch fand am Stand von Goldman Sachs statt; enttäuschend waren die Informationen am Stand der Bundesbank!
    MfG
    B.Z.

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