Ist irren nur menschlich? Oder Menschen irre?

13. Januar 2014 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Eigentlich müsste man die in der Überschrift gestellte Frage anders formulieren. Manchmal bekommt man an den Börsen den Eindruck, dass dort alle Menschen irre sind. Aber sollte man sich nicht besser fragen, ob dort alle Irren wirklich Menschen sind?

Denn das Statement „wir sind doch alle nur Menschen“, wenn irgendwer irgendwas überaus Dämliches getan hat, trifft an der Börse nicht mehr zu. „Wir“ sind dort heutzutage zu einem zügig wachsenden Teil Computer. Und die sind, wenn man die gute alte Ratio als Maßstab bemüht, wirklich „irre“.

Dieser Prozess ist das Ergebnis eines stetigen Wettrüstens der großen Adressen. Je schneller und brachialer man agieren kann, desto eher hängt man die Konkurrenz ab. Reaktionszeiten im Nanosekundenbereich sind die Folge, denn die Börsen halten mit, indem sie ihre Technik so hochzüchten, dass die Computer freie Bahn haben. Wer wie unsereiner noch einen Finger auf eine Taste senken muss, um eine Order abzugeben, kommt daher fast immer zu spät, wenn es darum geht, bei einem Ausbruch über einen Widerstand, dem Bruch einer Unterstützung oder bei der Reaktion nach US-Arbeitsmarktdaten oder Notenbank-Statements dabei zu sein. Ist das tragisch?

Es wirkt so, ist es aber nicht.

Es ist schon richtig, dass „Mensch“ da erst reagiert, wenn der „Move“ schon über die Bühne ist. Wenn unsereiner auf den Knopf drückt, geht es oft schon wieder in die Gegenrichtung. Aber wenn man sich mal vor Augen führt, wie es in den vergangenen Tagen beim DAX zuging (siehe folgender Chart des DAX Future auf 15-Minute-Basis, Quelle Tradesignalonline), kommt man leicht zum Schluss, dass diejenigen Irre sind, die ihren Computern das Denken ebenso wie das Handeln überlassen. Solche Entscheidungen können wirklich nur Leute treffen, die mit einer lässigen Handbewegung Geld verbraten (pardon: investieren), das eigentlich anderen gehört.

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Doch muss man da denn unbedingt immer wie ein treuer Hund hinterher dackeln? Solche Phasen eines hektischen Auf und Ab, das völlig losgelöst von jedweder Vernunft abläuft, dauern nicht ewig. Warum muss man sich denn ausgerechnet an solchen Tagen, an denen absehbar ist, dass die irren Computer wieder von der Leine gelassen werden, ins Getümmel stürzen?

80 Prozent der Handelszeit geht es deutlich normaler zu. Und in ruhigeren Phasen schalten die meisten computergesteuerten Handelsprogramme von Tick- oder eine Minute-Zeitrastern auf 15- oder 60-Minuten-Raster um, denen man als einigermaßen präsenter Trader durchaus zu folgen vermag.

Wer dennoch meint, immer dabei sein zu müssen, getreu dem durch die Emotionen ins Trader-Hirn eingeflüsterten Motto „ein Verlusttrade ist immer noch besser als nicht dabei zu sein“, scheint in der Tat ein wenig irre zu sein. Aber es ist nur menschlich – warum, dazu unten gleich mehr. Nein, die wirklichen Verrückten sind die, die im Zuge dieses technologischen Wettrüstens auf den Faktor Intelligenz verzichten und ihre Maschinen machen lassen. Klar, dahinter stehen der Zwang zu Performance und die Angst, dass die Konkurrenz die Punkte macht, wenn man selbst vernünftigerweise bei den Computern den Stecker zieht. Zumal die Zahl derer, die auch nur ansatzweise echte Trading-Erfahrung haben und so auf manuelle Steuerung übergehen könnten, bei den großen Adressen abnimmt, je länger die kleinen schwarzen Kästchen die Aktivitäten steuern. Den Autopiloten abzuschalten, wenn keiner da ist, der die Kiste fliegen kann, war schon immer eine schlechte Idee.

Dadurch ist der Einsatz der „irren Maschinen“ ein extremes Risiko. Dass man es ignoriert, liegt an drei Aspekten. Zum einen, weil man eben, wie beschrieben, oft nicht mehr anders kann und Angst hat, dass man ohne diese Systeme ins Hintertreffen gerät. Zum anderen, weil viele sich der Gefahr gar nicht bewusst sind. Und zuletzt, weil man die Schuld so den Handelsprogrammen in die Schuhe schieben kann, wenn es in die Hose geht… (Seite 2)

 

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