Ist diese Rallye ein Fake?

19. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Man neigt ja als Börsianer dazu, die Kursbewegungen an den Börsen wider besseres Wissen zu anonymisieren. „Es“ steigt, sagt man, statt: „man“ kauft. Das ist auch hilfreich, wenn man sich nicht mit den Ursachen der Kursbewegungen befassen möchte. Läuft es in die für einen persönlich richtige Richtung, passt alles. Wenn nicht, sind die an der Börse doch eh alles Ganoven…

Höchst praktisch … kann aber in bestimmten Situationen fatal sein. Und ich denke, eine solche liegt uns im Augenblick vor…

Die Aktienmärkte steigen seit gut einer Woche, als wäre die Welt in bester Ordnung. Diejenigen, die sich nicht mit einem Blick hinter den Vorhang belasten wollen, greifen in ihr Phasenköfferchen und holen den Begriff „Sommerrallye“ hervor. Als ob das etwas erklären würde. Diejenigen indes, die genauer hinsehen, suchen wohl bereits nach einer Gelegenheit, um Short zu gehen. Wobei ich gleich voranstellen möchte:

Diese Rallye kann weitergehen, vielleicht sogar wochenlang. Denn immerhin ersäuft die Welt in fast zinsfreien Krediten … und die Anleihemärkte sind entweder unattraktiv oder brandgefährlich. Wenn insbesondere die großen Adressen den Willen haben sollten, die Kurse nachhaltig hoch zu peitschen … das Geld dazu wäre da. Aber wollen sie wirklich? Ist diese Rallye vielleicht doch am Ende nur ein Fake? Ob sie nun am Montag endet oder erst Ende August, meine Antwort lautet klar „Ja“. Denn:

1. Es gibt keine fundamentale Basis für die Rallye. Die Lage in Europa ebenso wie in den USA und Asien bleibt kritisch. Und nennenswerte, neue Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken finden nicht statt. Das Pulver ist verschossen, denn noch mehr billiges Geld wird kaum helfen, wenn die unfassbaren, bislang aus dem Helikopter abgeworfenen Summen nichts gebracht haben. Man sitzt an den entscheidenden Stellen momentan nur da und betet für eine Stabilisierung. Die bisher nicht eingetreten ist.

2. Die Käufe begannen zwar mit Beginn der US-Quartalsbilanz-Saison. Aber diese Ergebnisse waren keineswegs ermutigend. Die der Banken sind nie wirklich transparent, die können letztlich melden, was sie wollen. Und in den anderen Branchen werden die Umsatzprognosen viel zu oft verfehlt. Sicher, die Gewinnprognosen werden meist grandios übertroffen. Aber auf die Prognosen kommt es nicht an. Seit Jahr und Tag werden diese Vorhersagen rechtzeitig durch die Analysten ausreichend weit nach unten korrigiert, um ja überboten zu werden. Denn gute Stimmung unter den Anlegern ist der Analysten Arbeitgeber Brot. Wichtiger ist der Vergleich zu den entsprechenden Vorquartalen … und da geht sehr oft nicht nur nichts voran, sondern die Reise rückwärts. Und immer mehr Anlegern ist dieser Aspekt bewusst … den großen, die Trends dominierenden Adressen ohnehin.

3. Dennoch scheinen die Aktien mit einem Blick auf die Kurs/Gewinn-Verhältnisse (KGV) momentan billig wie selten. Technologiekonzerne mit KGVs um die 10 … das wirkt wie ein Schnäppchen. Und immer dann, wenn die Aktienmärkte mal wieder zulegen, bekommen wir das permanent und allerorten zu hören. Aber Aktienkauf ist eine Frage des Vertrauens in eine florierende Wirtschaft, nicht in irgendwelche Messgrößen.

1999/2000 war man nur zu gerne bereit, sogar dreistellige KGVs zu akzeptieren, weil man dachte, die Welt sei in ein neues Zeitalter permanenten, schnellen Wachstums eingetreten. Heute jedoch ist man sich über die limitierten Wachstumschancen der meisten Branchen vollkommen im klaren. Und um ein Beispiel zu wählen: Würden Sie sich in eine Kneipe einkaufen, die nie voll ist und keine gute Lage hat, während sich die Konjunktur (die echte vor der Tür, nicht die der Regierungen) müde dahinschleppt und eher nach unten wie nach oben zu drehen droht?

Natürlich nicht – und wenn, dann nur zu einem wirklich günstigen Preis. Und genau so läuft es am Aktienmarkt momentan. Es gibt keinen Grund, unbedingt in Aktien investieren zu müssen, weil das Risiko, dabei Verluste zu machen, momentan die Gewinnchancen überwiegt. Wobei diese Überlegung auch das Argument aushebelt, man könne in Aktien den Wert seines Geldes retten, indem man in „Sachwerte“ investiert. Wenn die Rezession wütet, macht die Kneipe natürlich weniger Umsatz und Gewinn … und so fällt auch der Wert ihres Anteils. Bei Unternehmensanteilen ist das nicht anders… (Seite 2)

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6 Kommentare auf "Ist diese Rallye ein Fake?"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Vielen Dank für die höchst plausible Analyse.

  2. crunchy sagt:

    Ist nicht mittlerweile vielleicht alles, was wir sehen ein Fake? Klar, der Crunchy …., na ja!
    An Gewöhntem hält man gerne solange fest, bis einem der Markt keine andere Wahl mehr lässt.
    So geschehen heute im Bundestag: Durchge(tr?)wunken!
    Warum reden wir überhaupt noch über Aktien und Bonds?
    Gerade auf diesem Blog müsste doch klar sein, dass das Pendel zu Gold und Silber ausgeschlagen hat. Und schaut Euch dochmal den SilberChart an:
    http://www.teletrader.com/de/silber/index/chart/tts-3230120
    Wer will da noch verkaufen?
    Bitte nie vergessen: Die billigsten Aktien kauft man,
    wenn jeder Geldmetall haben muss. Momentan ist der Ballon noch nicht mal angeblasen.

  3. wolfswurt sagt:

    Selbstverständlich ist die „Sommerrally“ eine gemachte Aktion.

    Hat sich irgend etwas fundamental geändert?

    Es ist der 23. Luftballon auf einem Kindergeburtstag der da aufgeblasen wird in der Hoffnung, die großen Kulleraugen glauben nun endlich doch an das Wunder.

    Eine Maßnahme für leicht bis schwer Hirngeschädigte…

    Mehr nicht aber auch nicht weniger.

  4. Nun, wenn wir das immer wüssten.

    Die Bewertungen sind günstig. Sehr günstig. Wenn ich mir die KGVs im S&P 500 anschaue, dann liegen die ein gutes Stückchen unterhalb des langjährigen Schnitts. Momentan liegt das KGV bei 12,5.

    Der Schnitt (1960 bis 2010) lag bei 15.

    Hinzu kommt: Die Konzerne sitzen auf Cashbeständen in Rekordhöhe. Die Schulden sind niedrig. Die Kosten ebenso.

    Im DAX sind die Bewertung ebenfalls sehr billig.

    Viele Grüße und Gratulation zu dem guten Blog
    TS

  5. MARKT sagt:

    Die Wissen weshalb Sie auf soviel Cash sitzen.
    Und deshalb nützt auch ein verbilligen des Geldes wenig.

    Kreditnehmer mit Bonität benötigen keinen Kredit. Die die welchen benötigen bringen zumindest eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit mit.

    Dies gilt auch für den privaten Konsumenten. Bis auf den deutschen Häuslesbauer, der gehört aber überwiegend zur Zweiten Kategorie.

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