Ist die Aktienrallye ein „Fake“?

25. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Januar am Aktienmarkt zwar grundsätzlich positiv, aber ohne Dynamik verläuft. 2011 haben wir das genauso erlebt. Auch eher moderate Umsätze sind nicht untypisch. Trotzdem … die ganze Zeit über habe ich den Eindruck, dass da irgendwas nicht stimmt… Natürlich, der Euro sticht dabei sofort ins Auge. Wie können die Aktienmärkte und viele Rohstoffe steigen, der Euro aber, als Symbol Europas und damit auch der EU-Krise, nicht mitziehen? Was wir in den vergangenen Tagen zu sehen bekamen, war bislang nichts als eine typische Gegenbewegung auf den Abstieg zuvor – aber kein Signal, dass die Investoren jetzt wirklich daran glauben würden, dass die Entwicklung jetzt auch nur im Ansatz unter Kontrolle sei. Trotz der mittlerweile Billionen, die hin- und hergereicht und diskutiert werden, um einem nicht lebensfähigen Konstrukt ein weiches Kissen zu bieten, das nur funktionieren kann, wenn Schulden mit immer mehr Schulden bezahlt werden. Und wie auch …

… denn schließlich ist es ja genau das. Man macht einfach damit weiter, überbordende Schuldendienste durch neue Kredite aufzufangen. Welchen Unterschied macht es da, dass es Institutionen und Notenbanken sind, die das Geld nunmehr erschaffen müssen, weil die bisherigen Investoren dieses Spiel im nötigen Umfang weder weiter tragen können noch wollen? Na ja, einen entscheidenden. Zumindest für den Moment. Denn wer an der Quelle sitzt, sprich das Geld nach Belieben erschaffen kann, dem geht der Nachschub nicht aus. Klappe zu, Affe tot, Thema durch. So machen wir einfach weiter, dann passt das schon. Und Max Mustermann legt wieder entspannt die Füße hoch. Oder?

Oder. Denn die aktuelle Vorgehensweise erinnert an das Ehebett-Problem. Man ist nicht alleine auf weiter Flur. Wenn sich leere Staatskassen und klamme Banken die monetäre Bettdecke krallen, haben sie es zwar wieder schön warm. Aber damit liegt die andere, bessere Hälfte in der Kälte: der Bürger. Der, von dem am Ende doch wieder alles abhängt, der im momentanen Krisenmanagement aber durch den kalkulatorischen Sieb fällt. Und wenn die EU an den Sparanstrengungen Griechenlands und Portugals herummault und noch mehr fordert, obwohl die dortige Konjunktur dadurch bereits in die Rezession geführt wurde, zweifle ich am Sachverstand der Entscheider. Das ich das tue, ist bekannt. Aber es scheint, als würden es auch immer mehr Anleger tun.

Gut, da sind jetzt einzelne Stimmen zu hören, die fordern, dass man neben der Haushaltskonsolidierung zwingend und umgehend Wachstumsprogramme auflegen müsse, um die erdrosselte Wirtschaft in diesen Regionen zu stabilisieren und wieder auf den Wachstumspfad zu führen. Manuel Barroso gehört zu dieser Klientel, die erkannt haben, welch unglaubliche Dummheit hier gerade begangen wird. Nur hört ihm niemand zu. Erstens, weil dergleichen keine unmittelbare Erfolge zeitigen und sich die Politiker somit damit nicht mit Lametta behängen können. Ihre Nachfolger im Amt vielleicht. Aber die sollen selber sehen, wie sie zurecht kommen. Zweitens, weil solche Konjunkturprogramme den Sparanstrengungen ja automatisch zuwider laufen müssen. Denn ohne Kohle geht in dieser Richtung ja nix. Und drittens, weil entgegen der permanenten, vollmundigen Versprechungen, jetzt hinreichend Vorsorge für alle Fälle eines Falles getroffen zu haben, fast nonstop ein paar Milliarden nachgeschoben werden müssen. Mit einem Fass ohne Boden ist man schon genug beschäftigt, da kann man sich nicht auch noch um eine Stabilisierung absaufender Wirtschaftsräume kümmern.

Man wird ja momentan auch noch nicht mit Eiern beworfen, weil viele diesen Kausalzusammenhang zwischen Milliardenspritzen, Sparmaßnahmen und sozialer Not nicht herstellen … bis auf die, die es unmittelbar trifft. Und die haben keine Lobby. Selbst, wenn sie vorher eine hatten – in diesem Moment ist sie weg. Als Zyniker kann man auf diese Weise die steigenden Aktienmärkte leicht begründen: Was kümmert es die Reichen, wenn die Armen noch ärmer werden? Sie kriegen es ja, zumindest hierzulande, nicht einmal mit. Und Athen und Lissabon, Rom und Madrid sind weit. Geld ist da, also wird an der Börse gekauft. Aber ist das wirklich so?

Genau da setzt nämlich mein Unbehagen ein. Irgendwas stimmt mit dieser ziemlich eingängigen, aber doch simplen Argumentation nicht. Was kümmert es die Ratte, wenn die Maus in der Fall schreit? Ist das alles? Nichts als Ignoranz, verbunden mit Gier und Kurzsichtigkeit, die die Kurse steigen lassen? Natürlich angeschoben durch eine halbe Billion Euro (eine halbe Million Millionen), für drei Jahre zu einem Prozent Zins, mit denen die europäischen Banken machen dürfen, was sie wollen?

Natürlich werden dadurch, ebenso wie durch die gezielten Käufe der EZB, die Anleihemärkte zusätzlich gestützt. Dadurch wird vorgegaukelt, dass die Anleger als solche Vertrauen in das Krisenmanagement haben und in diesen immer noch hochverzinsten Bonds der schwachen EU-Staaten hervorragende Investments sehen. Aber da haben wir es schon: Die Kurse machen die Nachrichten, nicht umgekehrt. Die Anleihekurse werden künstlich hochgezogen, das wird in den meisten Medien als „Vertrauen in die EU“ verkauft und soll so Anleger locken, selbst einzusteigen und damit den kaufenden EU-Säckel zu entlasten oder gar Gewinnen zuzuführen. Aber niemand könnte wirklich klar feststellen, ob das wirklich klappt … oder europäische Banken und EZB sich nicht bloß gegenseitig die Papiere zuschieben!

Und da findet sich meiner Ansicht nach auch des Pudels Kern beim Kursanstieg der Aktienmärkte. Das ist es, was in meinen Augen verdächtig ist. Sind die Anleger wirklich so blöd und/oder borniert, wie es die obige Erklärung suggeriert? Oder versuchen nicht im Gegenteil gerade wieder einmal große Banken, im Eigenhandel mit einem Teil des von der EZB überlassenen Spielgelds, die Kurse hoch zu zocken, um die Anleger in die Börsen hineinzulocken und selbst in die Käufe der Gutgläubigen und Gierigen hinein mit Gewinn auszusteigen, so, wie es im Sommer 2009 auch schon gelang? Sprich: Ist diese Januar-Rallye womöglich nur ein „Fake“? Dieser Eindruck drängt sich mir immer mehr auf.

Denn sind nicht die Einlagen der europäischen Banken bei der EZB immer noch mit aktuell 485 Milliarden auf einem Rekordhoch und unterstreichen damit, dass die Ausleihungen der Banken untereinander trotz der halben Billion Zusatz-Kredit immer noch weniger attraktiv sind, als das Geld bei der EZB zu einem halben Prozent Zins zu parken? Man traut sich untereinander nach wie vor nicht!

Und ist es nicht auffällig, dass die Aufwärtsimpulse seit Jahresbeginn fast ausschließlich in Europa … da, wo die Banken auf einmal mehr Geld haben … starten, während die Kurse in den USA, kaum dass die Daytrader den Anstieg der mit den Euro-Börsen nach oben gezogenen Index-Futures nachvollzogen haben, lustlos und umsatzarm seitwärts tickern?

Ist es nicht bemerkenswert, dass diese Impulse immer von den Dax- und EuroStoxx-Futures ausgehen und der Kassamarkt über die Arbitrage hinterher hechelt?

Zwar sind die Umsätze nur ca. 10-15% niedriger als in den Monaten zuvor. Aber wenn man mal den Anteil kurzfristiger Trader abzieht, die auch am Aktienmarkt um die 50% der Umsätze ausmachen, klafft da auf einmal doch schon ein ziemliches Loch. Wer fehlt … wenn nicht die normalen Anleger?

Ist es nicht ein Alarmsignal erster Güte, wenn ausgerechnet der Euro nicht mitzieht? Das Asset, bei denen die Umsätze im kurzfristigen Trading so gigantisch und dominant sind, dass man da auch mit „Spielgeld“ im Milliardenhöhe nichts ausrichten kann?

Und sollte es nicht zu denken geben, wenn nach (verdächtig) weit über den Prognosen liegenden Quartalsergebnissen von Apple und einem über den Erwartungen ausgefallenen ifo-Index sofort kräftige Verkäufe auftreten … als ob viele Akteure nur darauf warten, dass besonders bullishe Nachrichten eine Chance zum Ausstieg in zuletzt deutlich gestiegene Kurse hinein bietet?

Oh, wie immer kann ich mich fürchterlich irren. Aber für mich stellt sich das Bild so dar, als würden die Institutionellen, ob Fonds, Hedge Funds, Pensionskassen oder Versicherungen, zu Jahresbeginn keineswegs einen nennenswerten Segen frisch zufließenden Kapitals erfahren haben und viele normale Anleger, die tatsächliche Lage sehr wohl erkennend, sich heraushalten. Dafür zerren diejenigen, die beim Sterntaler-Regen der EZB die Hand aufgehalten haben, die Kurse über die Futures und mit der immer vorhandenen Unterstützung der Daytrader nach oben, in der Hoffnung, so die störrischen „Nicht-Investierer“ in Form der Privatanleger in die Märkte locken zu können.

Wenn das klappt, kassieren die Banken erneut ab – und das auf Kosten der Privaten, denen sie auf hohem Niveau das in die Hände drücken, was sie mit geliehenem Geld selbst billiger eingesammelt haben. Aber im Gegensatz zu 2009/2010 habe ich den Eindruck, dass es bislang eben nicht klappt. Bei einer Umfrage wurde kürzlich festgestellt, dass zwei Drittel der deutschen den Arbeitsmarktdaten der Bundesagentur für Arbeit nicht trauen. Sieh an. Nein, ich habe den Eindruck, als würden die Anleger diesmal in weit geringerer Zahl den hochgereckten Daumen der Politiker und Bankanalysten Glauben schenken als damals. Und ich meine, dass diese Gewinnmitnahmen heute, wo die meisten vorher eine Rallye wegen Apple erwarteten, zeigt:

Viele warten nur auf solche Situationen, um auf diesem Niveau aussteigen zu können. Und mich beschleicht der Verdacht, dass da auch die eine oder andere Bank im Eigenhandel dabei ist, die ihre Pläne nicht aufgehen sieht. Falls ich mich mit dieser Einschätzung nicht irren sollte, kann das schon sehr, sehr bald in eine Verkaufslawine münden. Denn wenn eine große Adresse nervös wird, kriegen die anderen das mit. Wenn die Kurse dann nicht ruckzuck wieder anziehen, wird eine Lawine draus … die der tatsächlichen Lage auch durchaus angemessener wäre als ein Dax über 6.500.

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt (www.system22.de)


 

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2 Kommentare auf "Ist die Aktienrallye ein „Fake“?"

  1. Wollen sagt:

    Quartalsberichte werden auch nicht mehr ernst genommen oder?,wird heute vollends ignoriert,ein nichts aussagender Glücksindex wieder um 2,5 Punkte gestiegen ist wird mit nie untergehender Euphorie begründet,sektenähnliche Zustandsformen Hauptsache es geht gegen Norden egal mit was für Nachrichten,es müssen immer gute sein!
    Fake Rallye.
    Der krampfhafte Versuch die heile Welt noch den Menschen vorzuspielen.

  2. Reiner Vogels sagt:

    Das Wort „fake“ unterstellt eine bewusste Täuschungshandlung. Ich glaube angesichts der riesigen Volumina, die täglich an den Börsen umgeschlagen werden, nicht daran, dass irgendein Marktteilnehmer die Macht hat, bewusst und gezielt große Trends zu manipulieren, also „fake“ zu betreiben. Ich vermute eher, dass auch die Großen mit Sichtsteuerung arbeiten. Sie beobachten in Echtzeit, wie der Wind weht, und setzen dann ihre Segel.

    Die Tatsache, dass sie in ihren Büros Schichtdienste einrichten und daher praktisch rund um die Uhr den Markt beobachten können, ermöglicht es ihnen dann auch, kurzfristig zu reagieren, also die Segel zu reffen oder ein Wendemanöver einzuleiten. Dennoch werden auch die Großen, wie die Erfahrung lehrt, manchmal auf dem falschen Fuß erwischt. Das wiederum ist m.E. so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit.

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