Ist der Tank halbvoll oder halbleer?

15. April 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die nahezu vollen Öl-Tanks in den Tankfeldern der USA können in den kommenden Monaten für drastische Kurskapriolen bei den Öl-Futures sorgen. Wie sooft kommt vor der Erholung wohl doch noch der größte Schmerz. Dazu gehören rasche Kurseinbrüche bei den Terminkontrakten und der unvermeidliche Anstieg der Kreditausfälle.

Für die Ölförderer in den Vereinigten Staaten gibt es derzeit keine Alternative. Die Förderung muss sinken. Auch die OPEC und die nicht der OPEC zugehörigen aber dennoch relevanten ölfördernden Staaten haben langfristig kein Interesse, Gas nur noch zum Abfackeln und Öl zum dauerhaften Einlagern zu produzieren, das man zu Schleuderpreisen verkaufen muss.

Ölförderer wollen Geld verdienen, Ölförderstaaten wollen Einnahmen erzielen. Beide brauchen Cash. Das aktuell größte Problem sind die sinkenden Cash Flows bedingt durch den anhaltenden Preisverfall und das erreichte Preisniveau. Wie im klassischen Gefangenendilemma wäre nun allen geholfen, wenn sie die Förderung gemeinsam senken.

Ein einzelner Produzent hingegen profitiert am stärksten, wenn alle anderen die Fördermengen reduzieren, er aber seine Menge konstant halten kann um von den dann steigenden Preisen zu profitieren. Der Schmerz muss aber wohl noch zunehmen und weitere marginale Produzenten müssen pleite gehen, bevor man sich einigt.

Derzeit sind es die fehlende Bereitschaft (aus welchen strategischen Gründen auch immer) der staatsnahen Firmen, die Förderung zu reduzieren und die große Zahl privater Unternehmen, die panisch fördern müssen, die den Druck auf die Preise aufrecht erhalten. Die privaten Firmen müssen fördern, auch wenn sie Verluste erzielen. Es geht nur noch ums Überleben, um das Einfahren der nötigen Cash Flows zur Bedienung der enormen Schulden. Mehr als den laufenden Schuldendienst sollte man von den Firmen im Mittel jedoch nicht erwarten.

Die genannten Firmen werden in großer Zahl pleite gehen, wenn die Anleihen fällig werden. Es ist wohl eine eher optimistische Annahmen, wenn man davon ausgeht, dass lediglich 25% dieser Firmen ihre Schulden nicht refinanzieren können. Entsprechend hohe Ausfallraten sollten niemanden mehr überraschen, werden das aber wieder tun. Die positive Seite ist klar. Mit jeder Pleite sinkt die Förderung. Dieser Prozess sorgt für eine Stabilisierung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Nichts hilft bekanntlich so gut gegen tiefe Preise wie tiefe Preise.

Langfristig, nach die nicht überlebensfähigen Firmen aus dem Markt verschwunden sind, werden die Kosten der Förderung wieder eine größere Rolle bei der Preisfindung spielen. Dann wird auch vielen klar werden, dass man auf hochspezialisierte Fördertechnik nicht verzichten kann, sondern vielmehr immer stärker vom technologischen Fortschritt abhängt.

Die kurzfristig angespannte Situation der Lagerkapazitäten hat jedoch das Potential, die Preise temporär massiv nach unten zu drücken. Das ist keine Prognose, dass es nur noch billiges Öl gibt (wenn das in der Zeitung steht, sollte man sich die Öltechnikfirman in Ruhe anschaun). Es ist ein rein technisches Phänomen, das aus der angespannten Situation bei den Lagerkapazitäten resultiert. Da die Fed keine Öltanks drucken kann, kann nur ein massiver Einbruch der Förderung dieses Problem lösen. Eine Stabilisierung der Überproduktion hilft nicht. Die Tanks sind derzeit relativ voll.

Der Schock, der den finalen Preisschock auslösen könnte, ist die Erkenntnis, dass die Lager voll sind und einige Anleger Longpositionen am Terminmarkt halten. Diese haben eine feste Fälligkeit und verpflichten den Halter zur Abnahme des Öls an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Normalerweise kann der Anleger dieser Kontrake glattstellen, ein Unternehmen mit freien Tanks übernimmt die Position, lagert das Öl ein und verkauft es auf den nächsten oder einen weiter in der Zukunft liegenden Fälligkeitstermin. Wenn es keine Lagerkapazitäten gibt kann der Terminkontrakt auch auf Null oder darunter fallen. Sie können das Öl nicht einfach auskippen, sie müssen dafür sorgen, dass es irgendwo gelagert wird. Damit sind Kosten verbunden.

Damit sind aber auch Fähigkeiten verbunden. Nicht jeder kann mal eben ein paar Tanktransporte organisieren. All das ist keine Prognose, es ist lediglich die Beschreibung eines rein technisch bedingten Vorgangs, der möglicherweise nicht jedem Marktteilnehmer bewusst ist. Gerade Rohstoffanleger ais der Finanzbranche, die davon ausgehen, jeden Kontrakt immer rollen zu können, laufen Gefahr, in so eine gefährliche Situation zu kommen. Auch ein Blick auf die Rolltermine und Systematik von Rohstofffonds und ETCs ist interessant.

Um unbedarften Anlegern die unnötigen Fehler einer nicht gut strukturierten Ölspekulation (gilt auch für Gas) zu ersparen, zeigt der folgende Chart den Unterschied der Entwicklung einer Investition in Öl (Spotpreis) im Vergleich zu einer Investion am Terminmarkt via Futures oder entsprechende ETFs, Zertfikate und ähnliche Produkte. Der Großteil der Verluste, den auch Privatanleger eingefahren haben resultiert aus dem Eingehen einer Long-Position am Terminmarkt ohne vorher und während der Anlage die Terminkurve im Blick zu haben.

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Der kurze Blick auf die Terminkurve hat sich in diesem Fall gelohnt.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Ölpreise auf sehr lange Zeit auf einem so tiefen Niveau bleiben, dass nahezu die gesamte globale Branche kein Geld verdient. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass vorher, wie es an Märkten üblich ist, der große Schmerz der nachhaltigen Bereinigung eintritt.

Viele Ölförderer sollten den Schock mit der Insolvenz bezahlen. Die resultierende Angebotsminderung durch nicht mehr fördernde, weil nicht mehr aktive Unternehmen und die Bereitschaft, sowie die Einschränkung der Förderung in einem nennenswerten Ausmaß sind die Bedindungen für eine Preiserholung, die dann (!) schneller und deutlich sein sollte, als dies der Konsens erwarten dürfte. Dann darf man sich auch fragen, was bei negativen Zinsen und steigene Rohstoffpreisen schönes herauskommen wird.

 

 

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