Irrsinn ist völlig normal

23. November 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Warum sind die Börsen so oft so unlogisch? Warum steigen sie weiter, wenn es dafür objektiv keine vernünftigen Gründe mehr gibt? Warum fallen sie weiter, obgleich sich die Gesamtlage längst wieder aufhellt? Warum ernten die dümmsten Bauern hier so oft die dicksten Kartoffeln, während erfahrene, kluge, umfassend informierte Investoren, die mit dem Verstand an das Thema herangehen, nicht selten Schiffbruch erleiden?

Nachdem ich zur aktuellen Entwicklung immer wieder meinen Senf dazu gegeben habe und meine Erwartung mittelfristig nicht gelöster Krisen und entsprechend fallender Kurse allgemein bekannt ist …. und es zudem scheint, als käme es gerade dazu … ist es eine gute Gelegenheit, auch mal über diese Fragen nachzudenken. Denn immerhin waren die dunklen Wolken über der Weltwirtschaft bereits seit Frühjahr 2010 in Ansätzen erkennbar, seit Anfang dieses Jahres sogar nicht mehr zu übersehen.

Dennoch stieg der Dax bis zum Mai fröhlich weiter und näherte sich seinen Allzeithochs. Und selbst, als der Hammer der Erkenntnis auf die Anleger niederging, war es dennoch möglich, den Index von unter 5.000 auf über 6.400 Punkte nach oben zu zerren, bevor jetzt allmählich die kalten Füße wieder die Oberhand gewinnen. Und man muss sich fragen: Warum drehen die Kurse genau jetzt wieder abwärts und nicht vor vier Wochen oder erst im Dezember? Was steckt hinter diesen seltsamen Bewegungen, die so oft so losgelöst von der Faktenlage scheinen?

Eigentlich ist mit einem Satz des Schriftstellers Anatole France alles gesagt, zumal dieses Zitat mich auf den Gedanken brachte, genau dieses Thema mal wieder anzugehen: „Es gibt Kräfte, die unendlich viel stärker sind als Vernunft und Wissenschaft: Unvernunft und Unwissen“. Das bringt es auf den Punkt.

Die Basis dieser so unlogisch wirkenden Börse ist, dass die Fakten nie die Kurse machen. Es gibt keine unmittelbare, automatisierte Reaktion im Stil von „gute Nachrichten = steigende Kurse“. Alle Veränderungen der (grundsätzlich zweifellos entscheidenden) Gemengelage müssen zuerst durch den Filter „Mensch“ hindurch. Der nimmt neue Informationen auf, verarbeitet sie und setzt das Ergebnis in Aktivitäten an der Börse um: Verkauf, Kauf … oder Neutralität, was an der Börse durchaus auch eine aktive Haltung ist. Und es ist genau dieser Filter in unser aller Köpfen, der die für Unbedarfte doch eigentlich notwendigerweise logische Börse nicht selten zu einem emotionalen Hexenkessel macht.

Wahrnehmungen sind immer subjektiv, das ist mal Fakt. „Warm“ und „kalt“ sind ebenso relative Empfindungen wie „schön“ und „hässlich“. Bestimmte Eindrücke werden reglementiert, um das Zusammenleben zu ermöglichen, so sind z.B. „richtig“ und „falsch“ in vielen Fällen festgelegt und zu beherzigen, auch, wenn einige eigentlich anders denken und empfinden. Für die Börsen gilt das jedoch nur bedingt. Denn neben den Mechanismen, die hier gelten und oft völlig gegensätzlich zu denen des täglichen Lebens sind, kommt zum tragen, dass beispielweise fallende Zinsen positiv oder negativ interpretiert werden können; das gilt ebenso für Konjunkturdaten etc. Ein Beispiel… (Seite 2)


 

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4 Kommentare auf "Irrsinn ist völlig normal"

  1. EuroTanic sagt:

    Warum stellt niemand die einfachsten Fragen? Wie kommt ein Chart technisch zustande? Wer ist dafür verantwortlich? Wer kontrolliert die Anzeigen? Warum weiss das niemand? Ich jedenfalls nicht.
    Wenn ich ein böser Mensch wäre, und die (Finanz)Welt in den Abgrund führen wollte, dann hätte ich dem Programmierer der Chartanzeigen reichlich bestochen. Der hätte mir dann auf meinem Schreibtisch ein einfaches Rad installiert, mit dem ich jeden Tag, jeden x-beliebigen Chart rauf und runtermanipulieren kann. Einem kleines Videospiel gleich, mit dem ich die Anleger, ja ganze Wirtschaftsregionen und Staaten hin- und herscheuche 😀

  2. holger sagt:

    „Irrsinn ist völlig normal“

    Bravissimo. Chapeau. Yep… Ronald Gehrt, toller Artikel.

    LG wiadG

  3. DCWorld sagt:

    Hallo Herr Gehrt,

    ein wirklich gelungener Artikel. Danke.

    Die Vermögensverwalter sahen in ihrer Glaskugel einen DAX Stand für dieses Jahr bei 7700 Punkten voraus.

    http://www.start-trading.de/blog/2011/01/11/aktien-umfrage-sieht-dax-bei-7700-punkten/

  4. auroria sagt:

    Guter Artikel, aber 2 Anmerkungen:

    [„Das ist ein mit entscheidender Grund, weshalb z.B. die Euro-Krise bislang nur milde Auswirkungen auf die Börsen hatte und viele es darüber hinaus fertig bringen, die Probleme in den USA dabei einfach zu übersehen“]

    Auch die Inflation ist ein Grund dafür, dass die Auswirkungen an den Börsen milde scheinen (nicht sind)!
    Inflationsbereinigt (und zwar echte Inflationsraten), schauen Charts der letzten 10 Jahre schon etwas anders aus.

    Und was die „Fakten“ betrifft, wieviel ist davon wirklich Fakt?
    Von der offiziellen Inflationsrate bis zu der Arbeitlosenstatistik (Dirk Müller: „Märchenstunde / heute wieder Pinocciotag“).
    Oder so manche Umfragen / Indikatoren (Dirk Müller: „Glaube und Hoffnung“).
    Und bei offiziellen chinesischen Daten sollte man genauso vorsichtig sein, wie bei griechischen …

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