Irre – statt nur verrückt

13. November 2009 | Kategorie: Kommentare

von Frank Meyer

Zugegebenermaßen, die letzten Wochen waren für den Blogbetreiber etwas ermüdend. „Eigentlich ist alles gesagt“ schrieb ich im Mai dieses Jahres. Und das sollte auch der Abschied sein. Doch die Dinge entwickeln sich weiter wie die Größe der Lachmuskeln. Die meisten scheinen sich daran gewöhnt zu haben, dass die Welt nicht nur ver-rückt geworden ist, sondern auch noch irre dazu, mit der Aussicht, das Potential längst noch nicht ausgeschöpft zu haben. Die spannenden Wochen stehen uns erst noch bevor…

Rezessionen haben auch ihre guten Seite. Sie beenden Fehlentwicklungen, von denen es inzwischen um uns herum wimmelt. Ist das passiert, endet eine Rezession. Sind Überkapazitäten aus dem Markt, ist er sauber. Heute aber fördert man Fehlentwicklungen und verstärkt sie. Es ist normal geworden, dass der Staat eingreift. Er ist das einzige verschuldungsfähige und offenbar auch -willige Wirtschaftssubjekt, das dazu in der Lage ist, indem er seine Bilanz verlängert, während andere Bilanzen gestutzt werden. Verhinderte Anpassungen binnen zweier Generationen hat die Welt inzwischen so ver-rückt gemacht, dass man heute nicht nur immer mehr neue Schulden braucht, sondern auch noch den verbalen Betrug.

Sprachlos

„Die Leute wären besonnen und gingen shoppen“ sagte sinngemäß der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels HDE in einem Interview am Montag. Mich hat es fast vom Stuhl gehauen, als ich das hörte. Dabei dachte ich doch, dass Besonnenheit etwas mit Sparen und nicht mit Ausgeben zu tun hat. Wie man sich irren kann. Nicht aber für den HDE, wo man wohl auch toten Kühen ein Dutzend Ersatzeuter verkaufen kann. Nachdem ich ordentlich Luft geschnappt hatte und meine Co-Moderatorin mir ein Glas Wasser reichte, merkte ich, dass ich alt werde. Ich kann mich an diesen Irrsinn nicht gewöhnen. Gott schütze mich davor. Es scheint heute normal zu sein, das die Dinge auf dem Kopf stehen und sich keiner groß daran stört. Wird Unsinn permanent wiederholt (Wir haben die Kraft) glaubt man das später auch.

Nebenbei sind diese „Kaufen-gegen-die-Krise“- Rufe purer Mumpitz. Zum vierten Male in Folge wanderte weniger Geld über die Tische der Einzelhändler, obwohl der GfK-Konsumklimaindex steigt und steigt und steigt, was vielleicht hoffen lässt, dass die Leute unter Besonnenheit doch noch anders verstehen als gewünscht.

Vollbremsung

Was wurde nicht alles über die Abwrackprämie und deren Folgen geschrieben. Heute stehen die Schwierigkeiten nach Auslauf dieser sogenannten Umweltprämie in den Zeitungen. Freier Fall der Verkäufe in den USA und auch hierzulande. Ja, womit hat man denn gerechnet? Vor der Bundestagswahl wurde das als Stabilität und Sicherheit verkauft. Jetzt sitzen Hunderttausende auf neuen kreditfinanzierten Autos, die sich zwar nett fahren, aber vielleicht bald schwer abzahlen lassen, wenn der Job weg ist bzw. nicht mehr davon leben kann? Zwar ist die „Entsparung der meisten im vollen gange, gleichzeitig gehen aber Wünsche und Dummheit miteinander miteinander spazieren. Fünf Milliarden Euro war der alten Bundesregierung der Spaß wert. Und einige, die das verbockt haben, genießen bald ihre Pension oder ihre neue, gut bezahlte Tätigkeit im Auftrag der Autoindustrie. Selbst Joschka Fischer arbeitet jetzt für BMW, aus deren Autos sicherlich nur gesunde Luft kommt…

In Kfz-Werkstätten werden jetzt Leute entlassen (zurück gebaut), weil den Schraubern (Autofachmechanikern) die Rostlauben (Autos mit überhöhter Lebenszeit) fehlen. Ohne Stimuli (Konjunkturpakete) bricht der ganze Laden (effiziente Ökonomie) zusammen. Oder man verspritzt ein paar mehr Flaschen Optimismus, um den Mief der ganzen Sache zu parfümieren. Offiziell ist die Krise ja vorbei. Die schlechten Nachrichten muss man einfach positiv sehen. Und sollte ein Chart nicht gefallen, kann man den ja auch auf den Kopf stellen. Yes we can! Das, was jetzt Aufschwung genannt wird, ist ein Verhindern von Bereinigung, ein Verschleppen von Problemen und ein Verschleppen von Konkursen. Fein.

Die „Umweltprämie“ kann als Musterbeispiel dienen, wie staatliche Eingriffe Märkte verzerren und dabei schöngeredet werden. Wie wäre es in den USA mit einer von der FED finanzierten Abwrackprämie für US-Immobilien?

..und noch mehr Staat

Zu vermuten ist, dass der Staat künftig noch mehr Dinge ins Laufen bringt, die eine künstliche Nachfrage noch künstlicher macht. Etwas Zwang wirkt sicherlich Wirtschaftswunder. Solardächer für alle! Energiesparlampen statt Glühbirnen! Kampf dem Kaminstaub. Kauft Öko! Mehr Sicherheit durch Pkw-Maut! Auf der anderen Seite versucht man zusätzlich die Einnahmen durch Abgaben aufzubessern. Das einzige Problem ist, dass man es den Leuten verkaufen muss. Wozu gibt es aber Lobbygruppen und Marketingexperten, die Regierungen längst gekidnapt haben derer sich Regierungen bedienen.

Um Pfeile nach oben drehen zu lassen, muss man heute schon Milliarden, die inzwischen kleinste Verrechnungseinheit, in die Hand nehmen – Geld aus dem Nichts. Nicht dass man sich daran stört, die meisten erwarten es sogar. Ein Schneller, Höher und Größer funktioniert heute nur noch mit schnelleren, höheren und größeren Schulden, ohne zahlen zu müssen, meint man. Es scheint, als ginge die Sonne bis dahin weniger oft auf aus gewünscht.

Neulich bin ich in einen Pulk von Investmentbankern geraten. Bei Goldman Sachs arbeitet einer, und das 16 Stunden am Tag. Der Ärmste hat nicht mal Zeit, sein Geld auszugeben. Im alten Rom konnten Sklaven länger schlafen. Erstaunt hat mich dabei, dass viele Renditejäger wissen, dass die Dinge, so wie sie laufen, nicht ewig weiterlaufen können, richten sich auf noch größere Schwierigkeiten ein und sorgen entsprechen vor. Bis dahin aber versuchen sie die letzte Pfütze Champagner aus der Flasche zu saugen. Verständlich. Oder? Nein, Investmentbanker sind nicht die Schuldigen dieser Krise. Man hat sie aus einer Neiddiskussion heraus dazu gemacht, nachdem man ihnen zuvor den Teppich ausgelegt und dabei weggeschaut hat. Zudem trägt diese diese innovative Industrie maßgeblich zu den BIP-Wachstumsraten bei, wenn man weiß, wie man sie einbezieht. Zugegeben, Investmentbanker benehmen sich zuweil etwas anders als jemand, der mit weniger Lohn durchs Leben kommen muss. Aber eigentlich sind viele von ihnen eher bedauernswerte Kreaturen.

Die Kluft zwischen Schein und Sein ist in den letzten Jahren massiv größer geworden, wie auch die Kluft zwischen arm und reich. In der Zwischenzeit wuchs ein Berg an Enttäuschungen, was am Wahlausgang und der Partei der Nichtwähler erneut ablesbar war. Enttäuschungen bedeuten nicht, dass die Welt untergeht. Enttäuschungen sind nur das End einer Täuschung. Und dann wird man die Dinge anders machen – nicht weil man es möchte – sondern weil man es muss.

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