Irre Bären: Sehenden Auges in die Short Squeeze!

8. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

ein schreibender Börsianer hat es gar nicht so leicht. Immer, wenn eine Aufwärtsbewegung über ihr Verfallsdatum hinaus läuft und die Schere zwischen Schein und Sein zu groß wird, bezeichnet man mich allenthalben als Perma-Bären und notorischen Miesmacher….

Kaum knallt es dann, erwarten natürlich alle ausgerechnet von mir, dass ich denen, die auf einmal allesamt (meist zu spät) von Superbullen zu den Weltuntergang erwartenden Bären wurden, nach dem Munde rede und bitteschön von einem DAX unter 6.000 Punkten fasle. Und schon wieder stelle ich mich dann auf die „falsche Seite“ und warne die Bären. Schlimm, falsch, indiskutabel … denn nach Ansicht der Mehrheit ist nur das richtig und wahr, was eben diese Mehrheit zu denken gedenkt. Ich tue es trotzdem. Mit Verlaub.

Während der DAX am heutigen Donnerstagabend nachbörslich um die 9.000-Punkte-Marke kämpft, die übrigens charttechnisch völlig irrelevant ist, stehen mir langsam die Haare zu Berge. Ja, es ist schon richtig, dass die Perspektiven der Aktienmärkte nach oben außerordentlich schlecht sind. Das aber soll jetzt nicht das Thema sein. Über die von der Mehrheit einfach ignorierte Eintrübung der konjunkturellen Lage, die sukzessive erkennbare Wirkungslosigkeit des „billigen Geldes“, die Hilf- und Tatenlosigkeit von Politik und Notenbanken und die zuletzt gerade bei den Umsätzen spürbaren Konsequenzen einer zu satten Konsumgesellschaft habe ich oft genug geschrieben. Diese Aspekte werden durch die rasante und manchmal wie gewollt wirkende Abkühlung der Beziehungen zu Russland noch verschärft … was den Auslöser dargestellt haben mag, dass die Marktteilnehmer seit Monaten für jedermann Sichtbares auf einmal auch wirklich wahrgenommen haben. Aber dass die Aktienmärkte auf diesem Niveau noch eine Menge Luft nach unten haben, heißt nicht, dass sie diese Luft einfach sofort und am Stück ausloten würden. Ich meine:

Wer jetzt glaubt, bei einem DAX von 9.000 Punkten mal so richtig mit Schwung auf die Short-Seite gehen gehen zu müssen, um sich das Geld zurückzuholen, das er vorher verloren hat, weil er trotz aller charttechnischer Verkaufssignale eisern auf der Long-Seite geblieben war, könnte unmittelbar davor stehen, erneut ordentlich auf die Mütze zu bekommen. Der psychologische Effekt stark steigende Kurse ist intensiv. Der Effekt stark fallender Kurse indes hypnotisch und deutlich gefährlicher. Wer erst einmal vorher zementiert wirkende Ansichten angesichts zu starker Verluste aufgegeben hat und zum Bären mutiert, ist dabei meist genauso fanatisch wie ehemalige Raucher beim Anblick einer brennenden Zigarette. Man kann sich dann kaum vorstellen, dass es nun irgendwelche Risiken geben könnte, wenn man sich auf die Short-Seite schlägt. Aber eigentlich sollte man aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte erkennen können:

Je schneller und brachialer es abwärts geht, desto brutaler fallen die Gegenbewegungen nach oben aus. Die entstehen immer deutlich plötzlicher und reichen weiter, als es bei Korrekturen nach unten im Zuge von Aufwärtstrends der Fall wäre. Und gerade in der aktuellen Situation ist das Risiko, dass der DAX mal schnell mehrere Hundert Punkte nach oben saust und den Bären ihre Short-Positionen um die Ohren fliegen, größer als in früheren Jahren. Der Grund: Die computergesteuerten Handelsprogramme mit ganz bewusst eingebauter „Nimmersatt-Funktion“. Um das ein wenig verständlicher auszudrücken:


Die computergesteuerten Handelsprogramme dienen insbesondere großen Adressen nicht nur dazu, deutlich größere Positionen in weitaus kürzerer Zeit zu bewegen, als dies im Handbetrieb möglich wäre. Sie dienen auch als Gehirnersatz, denn wer blitzschnell agieren muss hat keine Zeit, über Sinn oder Unsinn seiner Aktivitäten nachzudenken. Dementsprechend denken die Computer auch nichts, sondern agieren stur nach charttechnischen und/oder markttechnischen Indikationen. Gleichzeitig aber, und das ist das verhängnisvolle, wurden sie darauf getrimmt, das eingesetzte Kapital so intensiv und optimiert wie möglich arbeiten zu lassen. Das hat, solange es funktioniert und gut läuft, zwar den Vorteil, dass sich die Nutzer dieser Systeme eine goldene Nase verdienen. Geht aber irgendetwas schief, sind sie schneller platt, als sie „huch“ sagen können. Das blutige und immer überraschende Ableben diverser Hedgefonds in den vergangenen Jahrzehnten sollte warnen. Aber wer in diesen Kreisen glaubt er nicht, schlauer zu sein als alle anderen …?

Grundsätzlich: Wer an den hebelstarken, aufgrund beliebiger Umsatzgrößen, schneller Abwicklung und hoher Transparenz bevorzugten Futures-Märkten eine Position eingeht, ob Long oder Short, kann diese nur dann vor dem Ende der Laufzeit (beim DAX Future beispielsweise immer der dritte Freitag des dritten Monats eines Quartals) wieder loswerden, indem er eine Gegenposition eingeht und sich damit letztlich neutral stellt. Konkret heißt das: Wer eine Short-Position hält, müsste in der selben Größenordnung Long-Position kaufen, um sich auf dem jeweils aktuellen Kursniveau neutral zu stellen und so die Gewinne, die er mittels der Short-Position erreicht hat, auch tatsächlich von Buchgewinnen in echte Gewinne auf dem Konto zu verwandeln. Und da liegt der Hund begraben:

Das bedeutet ja, dass man massiv Long gehen muss, um als bearisher Marktteilnehmer seine Gewinne zu realisieren. Es wäre also höchst wünschenswert, wenn man das bewerkstelligen könnte, ohne den Gesamtmarkt dadurch nach oben zu treiben. Es sei denn, man wäre imstande, seine Short-Position komplett zu egalisieren. Dann wäre einem ein steigender Index natürlich egal. Aber es möge niemand glauben, dass unter den großen Spielern irgendjemand wäre, der trotz der relativ stark gestiegenen Umsätze beim DAX Future imstande ist, hier aus seiner Short-Position herauszukommen, ohne den Markt dadurch massiv nach oben zu katapultieren. Das wäre nur dann möglich, wenn es gelingen würde, eine derartig negative Atmosphäre zu nutzen, dass alle aussteigen wollen, während man selbst zugleich durch Käufe auf der Gegenseite, sprich auf der Long-Seite, aussteigt. Das Dumme dabei:

Natürlich sind die Rahmenbedingungen schlecht. Das waren sie vorher auch schon, aber jetzt sehen eben alle, was sie vorher nicht hatten sehen wollen, weil die fallenden Kurse das Wegsehen unmöglich machen. Aber der DAX ist schon 1.000 Punkte innerhalb kürzester Zeit gefallen! An der Wall Street hat man offenbar keine Ambitionen, sich von dem Abwärts-Strudel in Europa und insbesondere dort in Deutschland anstecken zu lassen. Außerdem hat man nun erst einmal eine ganze Menge negativer Nachrichten von allen Seiten her verdaut. Den Bären, die das Depot jetzt genauso extrem hebelstark auf der Short-Seite vollgepackt haben, wie sie das vorher auf der Long-Seite getan hatten, ist das mehrheitlich durchaus bewusst. Man stelle sich nur vor, Putin würde nur ein kleines bisschen einlenken! (Seite 2)



 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

3 Kommentare auf "Irre Bären: Sehenden Auges in die Short Squeeze!"

  1. Jacko sagt:

    Vielen Dank Herr Gehrt,

    das ist genau das, was ich favorisiere. Charttechnisch habe ich mir die 8913 vorgemerkt. Vieles deutet darauf hin, dass die Marke morgen (Freitag 08.08.14) berührt wird und der Markt dann bestenfalls mit einer Hammer Kerze den Dreher macht um an die GD 200 heranzulaufen.

    Dies ist nur meine Sicht der Dinge, die sich aber durchaus mit Ihrem Beitrag deckt. Das OBV signalisiert zum Kurs jetzt keinen Verkaufsdruck der starken Hände mehr. Das ist Warnung genug.

    „Einer Straßenbahn und einer Aktie sollte man nicht hinterher rennen“. Denke dieses Zitat sagt schon Alles.

    Aber warten wir es mal ab.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jörg Weigandt

    • Michael sagt:

      War vor ein paar Minuten bei 8914 läuft mit New York im Moment wie ‚jeden‘ Morgen mit rauf…

      • Jacko sagt:

        Im Moment geht meine Analyse wunderbar auf.

        Wir hatten ein Tief bei 8902, die 11 Punkte aus meiner Prognose unterliegen der normalen Schwankung.

        Nun zeichnet sich eine sehr starke Hammer-Kerze ab. Wenn der Markt mit dieser Kerze schliesst, werde ich spekulativ und hoch gehebelt long gehen um die knapp 400 – 500 Punkte mitzunehmen.

        Also bisher sieht es sehr sehr gut aus mit meiner Analyse von gestern.

        Grüße

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.