PokerBörse- Interview mit Wieland Staud

25. Oktober 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

„Heiße Herzen haben an der Börse nichts zu suchen“. Diesen Satz von Wieland Staud habe ich mir irgendwann mal gemerkt. Den meisten Börsianern ist Staud als Charttechniker bekannt. Vor zwei Jahren schrieb er sein erstes Buch „Erfolgstechniken eines technischen Analysten“. Im Sommer arbeitete er an seinem zweites Buch „PokerBörse“, was in diesen Tagen in die Läden kommt. Was hat das eine (Börse) mit dem anderen (Poker) zu tun? Ein kleines Interview…

Soweit ich einschätzen kann, liegen in den Kursen die Informationen, die der Markt hat. Das steht in Ihrem ersten Buch „Erfolgstechniken eines Analysten“ Wie kommt man als technischer Analyst, nicht nur auf die Idee, ein zweites Buch zu schreiben, sondern darin die Börse mit einem Pokerspiel zu vergleichen?

Das ist so wie das Leben manchmal ist. Ich fand jahrelang Pokern eine ziemlich spannende Angelegenheit und ich war ganz gewiss einer von denjenigen, die die Quote bei Pokersendungen im DSF hoch hielten. Da wurde ich dann im Herbst 2007 gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mal mit ins Casino zum Pokern zu kommen. Als ich dann da war, fiel mir auf, wie sehr Pokern was mit Börse zu tun hat. Für beides braucht es einen klaren Kopf, exzellente analytische Fähigkeiten und in aussichtslosen Situationen die zentrale Fähigkeit, dem Elend rechtzeitig ein Ende zu bereiten. Aber auch und vor allem ist eine Erkenntnis wichtig: die anderen wollen mein Geld! Börse und Poker – das ist survival of the fittest, Darwinismus pur. Es geht nicht, das alle gleichzeitig gewinnen. Beides ist eine Umverteilung von denen, die wissen, wie der Hase läuft zu denen, die das nicht wissen. So unmittelbar wie am Pokertisch hatte ich das zuvor noch nie erfahren. Deshalb der Rat, sich als Börsianer mit dem Pokern zu befassen. Das ist Börse im Schnelldurchgang.

Ich kann mich erinnern, da wurden technische Analysten vor Jahren noch belächelt. In der Zwischenzeit lächelt man über die fundamentalen „Experten“ und ihre Prognosen, von denen die wenigsten eintreffen. Hat das der technischen Analyse in diesen „schwierigen Zeiten“ Rückenwind gegeben?

Sie wird zumindest vielerorts nicht mehr belächelt. Aber nicht immer aus Überzeugung sondern wohl mehr deshalb, weil all diejenigen, die sich an den Mainstream der fundamentalen Analysten in den letzten 10 Jahren gehalten haben verraten und verkauft waren. Vor allem, wenn es bergab ging.

Der technischen Analyse begegnet man vielerorts dennoch weiterhin mit Skepsis. Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion erst vor wenigen Monaten, in der ich der Nobody war. Ein Mitdiskutant begann gleich seinen aller ersten Beitrag mit den Worten: „Ich halte mich an alles, nur garantiert nicht an Staud’s Striche!“

Technische Analyse hat ein Marketingproblem. Sie kennt ausschließlich ihre eigenen und eben keine alltagstauglichen Begründungen. Wenn ein Abwärtstrend bricht, dann bricht er und dann muss man kaufen. Aber man tut das meistens im begründungsfreien Raum. Außer dem Bruch des Trends liegen dann meistens keine Argumente für einen Kauf vor. Im Gegenteil: in den meisten dieser Situationen herrscht in den Gazetten und Boards noch die Vorstellung vor, dass die nächsten bösen Abstürze unmittelbar folgen werden.

Wie passt es zusammen, dass man weniger auf die Fundamentaldaten schaut und nur auf die Charts, und dabei eine Trefferquote von über 70 Prozent hinbekommt?

Es klingt oben schon an: wir schaffen das nur, weil wir die Fundamentals ausblenden. Fundamentalen Informationen sind selbst in Zeiten des Internets in dem Moment, in dem sie allgemein zugänglich und verfügbar werden schon der kälteste Kaffee, den man sich überhaupt vorstellen kann.

Ist technische Analyse für einen Otto-Normal-Trader an der Börse hilfreich? Man hat die Auswahl zwischen verschiedenen Methoden, Indikatoren und Herangehensweisen. Wie nähert man sich diesem Thema auf unkomplizierte, verständliche und letztlich gewinnbringende Art?

In meinen Augen ist die technische Analyse gerade für den Normalo die einzige echte Chance. Er war, ist und bleibt das letzte Glied in der Informationskette.

Die technische Analyse kennt eine Unzahl ein Indikatoren und Methoden. Allein das eine vom anderen zu Trennen ist eine Wissenschaft für sich. Sie kennt aber auch eine ganz einfach und extrem zentrale Erkenntnis: Der Trend ist Dein Freund. Wenn’s steigt, dann wird gekauft und wenn’s fällt wird verkauft. Wer das immer und überall beherzigt und vor allem auch und gerade dann, wenn der Markt in den Augen der meisten es schon viel zu weit gefallen bzw. gestiegen ist, für den verliert die Börse viel, wenn nicht all ihren Schrecken.

Wer mehr will, der kann erst in mein aktuelles „PokerBörse,“ das soll dezidiert ein „Einsteigerbuch“ sein, und dann in mein zweites Buch reinschauen, wo es ein wenig „technischer“ wird aber immer noch fernab von einem klassischen Lehrbuch ist. Ich habe in beiden Büchern versucht, die technische Analyse von ihrem Kauderwelsch zu befreien und in einfache alltagstaugliche Worten einfache und leicht nachvollziehbare Regeln vorzustellen. Das scheint auch ganz gut gelungen zu sein. „Ich habe beim Lesen eines Börsenbuches noch nie so gelacht wie bei den ‚Erfolgstechniken eines Analysten’“. Das stammt von Ihnen.


Wo sehen Sie denn die größten Stolpersteine für Anfänger?

Das sie zu viel auf einmal wollen, zu große Risiken eingehen und ihr Chancen und ihre persönlichen Fähigkeiten kolossal überschätzen. Wer an der Börse Geld verdienen will, der wird erst einmal investieren müssen, Zeit, Geld, Geduld, der wird viel lernen müssen und der wird wie im richtigen Leben immer wieder heftige Rückschläge erleben und verarbeiten müssen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wenn es in einem Seitwärtsmarkt wie den letzten 10 Jahren einer unter 10000 schafft, aus 10000 eine Million zu machen, dann ist das ein richtig gute Quote.

Wenn Ihre Trefferquote nachweislich bei über 70 Prozent liegt, womit muss man in den kommenden Monaten rechnen? Die meisten werden wohl jetzt nach DAX, Dow, Bund, Euro und Gold fragen.

Ich lass den Bund mal außen vor. Der ist in einer analytisch extrem schwierig zu fassenden Situation. Alles andere befindet sich in stabilen Aufwärtstrends und schon deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass die sich fortsetzen werden größer als dass sie sich umkehren werden. Ich rechen also dezidiert – Stand 25.10.2009 – mit weiteren Zugewinnen für DAX, Dow, Euro und Gold.


Analyse ist das eine. Umsetzen ist das andere. Wie bekommen Sie das persönlich hin? Schließlich könnte man vermuten, Sie sind inzwischen mehrfacher Millionär geworden…

Der Unterschied ist tatsächlich gewaltig. Während man sich im Zweifel als Analyst die eine oder andere nicht so ganz gelungene Analyse schön reden kann, ist die Wahrheit an den Märkten unerbittlich. Wenn ich long bin und der Markt fällt, dann kostet mich das Geld und dann müsste ich schon ein wenig schräg veranlagt sein, wenn ich die meinem Engagement zu Grunde liegenden Analyse noch als „richtig“ klassifizieren würde.

Der Zocker und der Analyst in mir mussten lernen, sich abzustimmen. Das war und ist nicht immer leicht. Aber ohne Wenn und Aber: ich bin äußerst dankbar, dass ich einst als kleiner Stepke durch meinen Vater auf Börse aufmerksam gemacht wurde.


Bücher schreiben erscheint mir wahnsinnig schwierig. Ich sehe im heutigen Büchermarkt eine weitere unter vielen Blasen – ähnlich der Blase in Anleihen und Derivaten. Welche Kernsätze sollte man sich aus Ihrem Buch hinter die Löffel schreiben? So jedenfalls würde es meine Mutter fragen.

Bücher gibt es wirklich mittlerweile zu allen Themen wie Sand am mehr. Berufene und Unberufene aller Couleur scheinen sich da gern auszutoben und auch gelesen zu werden. Die Sache mit den Löffeln kenn ich eher von meinem Vater – aber er hat damit mit Sicherheit das Gleich wie Ihre Mutter gemeint. Mir scheint vor allem eines entscheidend: Poker wie Börse – das ist ein Wettbewerb. Nur wer besser ist als die anderen, nur der wird sein Ziel erreichen. Nur der wird mit Poker oder Börse Geld verdienen. Eine banale Erkenntnis. Aber eben auch eine, die in meinen Augen viel zu wenig gerade von den Anfängern beachtet wird.

Wie viel Spaß bringt das Schreiben eines Buches? Oder ist es eher Last?

Wenn es eine Last wäre, dann würde ich das bestimmt nicht tun. Es ist tatsächlich so, dass mir das Schreiben meiner beiden Bücher richtig Spaß gemacht hat. Ohne jetzt den durchgeistigt abgehobenen „Künstler“ und „Schreiben-ist-mein-Leben-Autor“ geben zu wollen: Schreiben ist in den letzten Jahren für mich tatsächlich fast zur Leidenschaft geworden. Eine Entwicklung, die meine Deutschlehrer wohl nie und nimmer abgesehen haben. Nichts war damals schlimmer als einen Aufsatz schreiben zu müssen. Die Noten fielen meistens dementsprechend aus.

Soweit ich verstanden habe, war der Besuch in Wiesbaden eine sehr lehrreiche Erfahrung. Vielleicht sogar teuer. Aber das ist ja relativ, verglichen mit der Börse. Wann machen Sie wieder einen Abstecher dorthin?

Den einen oder anderen Abstecher in ein Spielcasino werde ich mir wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren immer wieder gönnen. Aber garantiert nicht um Poker zu spielen. Sondern viel mehr um … aber das gehört nicht hierher.

Wer einen Pokerabend immer mit tagelangen Fieberanfällen bezahlt, der darf sich das nicht weiter antun. Das ist wie an der Börse: wer alles versucht, keine Mühen gescheut und dennoch kein Geld verdient hat, der muss sich von der Börse verabschieden. Es geht nicht anders. Es ist eine Mär zu glauben, dass jeder alles lernen kann, wenn er nur wirklich will.


Besten Dank für das Interview.


Homepage von Wieland Staud



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