Interview mit Reggie Middleton, Gründer von Veritaseum

15. Mai 2017 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Gespräche über die dynamischen Entwicklungen rund um den Einsatz von blockchains drehen sich meistens nur um Cryptocurrencies. Obwohl Bitcoin, Ether und deren Verwandte für Spekulanten und Geldtheoretiker gleichermaßen interessant sind, stehen sie lediglich für einen kleinen Teil der neuen Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz von blockchains bieten. Was denkt der Gründer eines blockchain-basierten Unternehmens über die aktuelle Situation und die nahe Zukunft? Wir haben Reggie Middleton befragt, den Gründer von Veritaseum…

Reggie Middleton leitet ein unabhängiges Resarch Team, dessen Analysen, die alles andere als mainstream sind, seit 2007 auf der Plattform boombustblog.com veröffentlicht werden. Sein track record umfasst die Prognose so gut wie jedes Bankzusammenbruchs in der letzten Finanzkrise, darunter Lehman Brothers und Bear Stearns, sowie viele bemerkenswert akkurate Analysen – sowohl long als auch short – von Tech-Firmen wie Apple und Google.

Im Jahr 2014 gründete Middleton Veritaseum, ein Unternehmen, das eine Software-Plattform für smart contracts- gesteuertes peer-to-peer Trading basierend auf der Ethereum blockchain entwickelt hat. Veritaseum war in jeglicher Hinsicht früh dran und hat bereits vor Jahren die entsprechenden globalen Patente beantragt. Das Unternehmen kombiniert die neuen technischen Möglichkeiten mit einer umfangreichen Expertise im Finanzbereich und – vielleicht noch wichtiger – mit der Kenntnis der Abläufe innerhalb des Finanzsektors. Eines der ambitionierten Ziele des Gründers ist es, durch die Bereitstellung von Software die Abschaffung der Intermediäre in der Finanzwirtschaft zu ermöglichen.

BR: Reggie, könnten Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen. Wer sind Sie und wie würden Sie beschreiben was sie tun?

Reggie Middleton (RM): Ich bin selbständiger Unternehmer und habe mehrere Firmen gegründet. Als Angestellter habe ich insgesamt lediglich neun Monate meines Lebens verbracht. Ich habe Versicherungen vertrieben, habe Risikomanagement-Software für Kommunen entwickelt, war bei den dot.coms und am Immobilienmarkt involviert, habe Optionen gehandelt und war Anbieter von Research. Schließlich habe ich mein aktuelles Unternehmen gegründet, ein blockchain start-up mit dem Schwerpunkt auf smart contracts.


In den USA wurde ich vor allem durch meine fundamentalen Aktien- sowie Makroprognosen bekannt, darunter der Zusammenbruch von Bear Stearns und Lehman Brothers, der Immobiliencrash und die daraus resultierenden Insolvenzen zahlreicher Homebuilder, sowie durch weitere Analysen etwa zu Apple, Google, Blackberry (ich konnte die ersten beiden CNBC Stock Draft Investment Challenges nacheinander gewinnen), zur EU-Staatsschuldenkrise und zu Bitcoin und blockchain-basierter Technologie.

BR: Wie schätzen Sie die zahlreichen aktuellen ICOs (Initial Coin Offerings) ein? Wie können und sollten Interessenten zwischen den verschiedenen tokens unterscheiden?

RM: Ehrlich gesagt, die meisten sind aus Anlegersicht Schrott. Sie repräsentieren weder ein Geschäftsmodell oder einen proprietären Prozess noch liegt eine Analyse des Wettbewerbs vor. Damit fehlt jegliche Basis für die Bewertung dieser ICOs. Gleichzeitig aber gibt es sehr wohl einzigartige und durchfinanzierte Lösungen, die von sehr begabten Menschen vorangetrieben werden. Ethereum ist dafür ein perfektes Beispiel.


Derzeit entstehen neue Geschäftsmodelle, die unausweichlich den status quo verändern werden. Dennoch werden viele Anleger in diesem Bereich Federn lassen, wofür sie oft selbst verantwortlich sind. Sie achten mehr auf das Design einer Website, auf der ein Produkt angeboten wird, als auf das aktuelle Produkt selbst. Mir selbst wurde gesagte, man lege mehr Wert auf ein theoretisches white paper als auf ein funktionierendes Produkt. Anleger, die so ticken, werden sich sehr bald von ihrem Geld verabschieden müssen. Immerhin, vieles von dem Geld, das sie verlieren haben sie vorher vergleichsweise leicht durch den Kauf von bitcoin, Dash oder Ether verdient.


Wir versuchen uns als eine Art S&P oder Moody’s in der Welt der digitalen tokens, der ICOs und der blockchain-basierten Welt zu positionieren. Der entscheidende Unterschied ist, dass unser Research dynamisch und interaktiv ist. Auf smart contracts basierende autonome Programme werden in der Lage sein, unsere Analysen automatisch in Handelsentscheidungen umzusetzen. Das Mittel zur Nutzung dieser Programme ist unser eigenes digitales token, der Veritas (VERI).

BR: Viele, die sich gerade erst mit der Thematik beschäftigen, halten ICOs offenbar für das Gleiche wie ein IPO, also den initialen Verkauf von Aktien eines Unternehmens an einer Börse. Wie würden Sie die Unterschiede zwischen diesen beiden sehr verschiedenen Prozessen kurz darstellen?

RM: Im Rahmen eines IPOs (initial public offerings) werden der Öffentlichkeit erstmalig Aktien eines Unternehmens zum Kauf angeboten. Bei ICOs (initial coin offerings) werden digitale tokens einer Plattform zum ersten Male öffentlich zum Kauf angeboten. Generell gesagt enden hier bereits die Gemeinsamkeiten. Einige versuchen den Wert eines tokens schlichtweg dadurch zu ermitteln, indem sie nachschauen, wie der aktuelle Preis ist und diesen dann mit der Anzahl der verkauften Stücke multiplizieren. Das ist geradezu lächerlich. Man kann viele dieser tokens nicht verkaufen, daher führt die Annahme man könne dies jederzeit tun zu einer falschen Antwort – Punkt!


Digitale tokens mit Aktien gleichzusetzen ist nicht sinnvoll, denn im Gegensatz zu Aktien haben tokens folgende Eigenschaften nicht:

  • Sie bieten keinen Anteil am Eigenkapital bzw. an den Erträgen.
  • Sie stehen nicht für einen Anteil an den Ausschüttungen beziehungsweise an den Zahlungsströmen eines Unternehmens.
  • Sie beinhalten keine Rechte wie etwa das Rechte zur Mitbestimmung bei der Bestellung von Vorstandsmitgliedern.

Einige Projekte ermöglichen zwar theoretisch eine Art Dividenden oder eine Beteiligung am Gewinn, stellen aber weder konkrete Planungen noch eine Analyse der Wettbewerbssituation bereit. Jedermann kann damit eine Schätzung über Art und Höhe derartiger Ausschüttungen von sich geben, die genauso viel wert wie die der Projektinitiatoren. Im Kern werden hier Begriffe aus Wirtschaft und Finanzen genutzt, ohne dass ein echtes Geschäft oder echte Zahlen zu den Finanzen überhaupt existieren.

Wer sich für ein Beispiel für die Analyse und Bewertung digitaler tokens interessiert, dem sei unsere aktuelle Veröffentlichung zur forensischen Bewertung von Gnosis (GNO) empfohlen.

BR: Kommen wir auf Ihr Unternehmen Veritaseum zu sprechen. Sie haben sehr früh den Kerngedanken der Abschaffung der Intermediäre in der Finanzwirtschaft als umsetzbares Szenario erkannt und den Software Client „Ultracoin“ entwickelt. Was hat sich seit diesem Beginn verändert, wie ist der aktuelle Stand der Dinge und was können Nutzer von Veritaseum in der Zukunft erwarten?

RM: Als wir zum ersten Mal von der Idee des Peer-to-Peer Trading ohne Gegenparteirisiko sprachen waren wir der Zeit voraus. Der Markt war noch nicht bereit für diese Idee. Schon damals ging es um Geschäftsmodelle die ein so genanntes cost shifting ermöglichen (Anmerkung: Damit ist eine Verlagerung von Kosten gemeint, die beispielsweise dazu führen kann, dass diese weder vom Anbieter noch vom Nutzer sondern von dritten Parteien, wie etwa externen Herstellern getragen werden). Es ging um die Idee wirtschaftlich vollständig autonom agierender Einheiten. Aus dieser Zeit stammt auch unser Portfolio mit den entsprechenden beantragten globalen Patenten.


Jetzt, vier Jahre später nehmen die Märkte diese Ideen begierig auf, von denen wir bereits damals sprachen. Wir legen uns daher noch mehr ins Zeug und setzen dieses Mal auf der Technologie von Ethereum (Ethereum.org) auf. Um unser Ziel der Abschaffung der Intermediäre in den Finanzmärkten zu erreichen haben wir eine auf smart contracts basierende Plattform entwickelt, die eine Disintermediation in weiten Teilen der Finanzwirtschaft, vom Banking bis zum Brokerage, ermöglicht. Betroffen davon wären nicht nur die großen Investment-Banken.
Selbst Hedge Funds und Vermögensverwalter werden es schwerer haben, wenn sie keinen Mehrwert liefern.


Wir haben auch eine Lösung entwickelt, die es uns ermöglicht, unser eigenes Research auf diese Weise zu nutzen, darauf basierend smart contracts aufzusetzen und diesen Prozess dann mit Ansätzen aus der künstlichen Intelligenz und dem machine learning zu kombinieren.

BR: Die wenigen Artikel von Großbanken, die sich ernsthaft mit der Nutzung von blockain-basierten Ansätzen auseinandersetzen erinnern an eine für den Sektor typische lineare Denkweise. Was denken Sie, wie lange wird es dauern, bis der Einfluss der Dezentralisierung durch blockchain-basierte Ansätze für die großen Finanzinstitute spürbar wird?

RM: Wenn unsere autonomen Programme („financial machines“) ihre Sicherheitstests bestehen, rechnen wir mit einer solchen Entwicklung bereits gegen Ende des Jahres. Ich demonstriere Kunden schon jetzt, wie durch die Kombination von smart contracs und menschlicher Analyse ein Portfolioprofil erreichbar ist, dass mit dem eines klassischen Asset Managers vergleichbar ist, während man die Kosten um 90% senkt.

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Hinweis: Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen und Gewissen aber natürlich ohne Garantie und ohne ein vorheriges Anglistikstudium übersetzt. Unsere Originalfragen und die englischen Antworten finden Sie in der englischen Version dieses Artikels.

Links:

Video: The Economics of Creating P2P Capital Markets from the Blockchain

Artikel bei bitconnect.com: Veritaseum Makes Hedge Fund Trades P2P Via Blockchain; No Banks or Brokers Required

Die folgenden weiterführenden Links wurden von Reggie Middleton genannt:
Sizzle reel 
Reggie Middleton. Wikipedia

About Veritaseum – an interactive presentation

Pathogenic Finance Research Report (contains patent application research)

Pathogenic Finance Video (synopsis of the above)

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