Inside Job – US-Regierung als Geisel der Wall Street

15. Juni 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Frank Meyer

Es gibt Abende, die kann man angenehmer verbringen kann als in einem Kino. Nicht dass es am Ambiente lag, an den Leuten im Saal oder gar an meinen Sitznachbarn – es war der Film: „Inside Job“. Wie die Wall Street die Regierung übernahm… Sie haben davon noch nichts gehört? Warten Sie es ab…

Dirk Müller hatte kürzlich seine Leser von Cashkurs zu einem besonderen Ereignis nach Frankfurt eingeladen, um gemeinsam einen Finanzfilm anzuschauen. Diesen gibt es eigentlich nur auf DVD. Doch Kinos verfügen über das entsprechende Gerät. Wer in der Finanzbranche oder auch als Finanzjournalist arbeitet, sollte und muss sich diese zwei Stunden antun. Doch legen Sie dabei bitte drei dicke Küchenrollen bereit. Sie werden den Schaum vor dem Mund erfolglos versuchen weg zu wischen.

Der amerikanische Streifen, wahlweise mit deutschen oder auch arabischen Untertiteln, beginnt in einem Land, das vielleicht die schönsten Farben und Landschaften der Welt bietet: Island: Die 320.000 Seelen-Insel kam 2008 mit einer Staatspleite und wütenden Leuten in die Schlagzeilen. Was war passiert?

„Dank“ der Deregulierung der Märkte durch die isländische Regierung wuchsen die Banken schneller als ein Hefeteig unter optimalen Bedingungen. Island galt als Geheimtipp. Die Aktienpreise ver-9-fachten sich. Am Ende standen die drei großen Banken mit 120 Milliarden US-Dollar in der Kreide. Den Rest kennen sie. Schon vergessen? Oh, das geht schnell.

Binnen weniger Jahre hat die Finanzindustrie durch den Wegfall von Regeln frei schalten und walten können. Aus der Insel wurde ein Spielcasino, was kurze Zeit später in die Luft flog. Verrückte Dinge passierten, wie es nun mal so ist, wenn die Sachen nicht mehr an ihrem Platz stehen und die Gier zusammen mit einer Regierung das Nötige unternimmt und unterlässt. Wer als Journalist beispielsweise isländischen Bankern unbequeme Fragen stellte, bekam sofort ein Jobangebot. Die Regierung brüstete sich mit ihren engen Verflechtungen zur Finanzindustrie. Selbst ein US-Wirtschaftswissenschaftler erhielt 128.000 US-Dollar für eine Studie, die die Unbedenklichkeit der Verhältnisse auf Island attestierte – kurz bevor alles gegen die Wand fuhr, ja fahren musste.

Warum beginnt der Streifen in Island? Vielleicht deshalb, weil es im Kleinen einfacher zu verstehen ist, was im Großen passiert. Nach wenigen Minuten schwenkt die Kamera in den USA und schaut dort hinter das große Bild. Dort hat seit den 80er Jahren die Wall Street die Politik übernommen. Um jeden Kongressabgeordneten kümmern sich statistisch gesehen fünf Lobbyisten aus der Finanzbranche. Die Aufwendungen für Parteispenden belaufen sich jährlich auf fünf Milliarden US-Dollar.

Der Film beleuchtet das Aushöhlen von Gesetzen, die Verhinderung von Regeln und die Ausschaltung des Marktes. So erst konnte aus den Finanzmärkten ein gefräßiges Monster heran wachsen. Dieses setzte und setzt alles daran, die Deregulierung zu forcieren, wobei sie die richtigen Leute in die Politik schickten. Unterstützung kam auch vom US-Präsidenten. Gesetze konnten erfolgreich verhindert werden.

Ingenieure schaffen Innovationen. Die Finanzindustrie schuf neue Produkte, mit denen sie Gelder in eigene Taschen lenken konnte. Ihre Chefs und Angestellten schwimmen in Geld. Ein „Goldman“ verdient durchschnittlich 600.000 US-Dollar im Jahr. Als die Märkte ausgeblutet waren, hatten die Monster bereits ihre Schläuche an den Staatskassen anlegen können, aus denen sie nun die Milliarden absaugen… (Seite 2)

 

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7 Kommentare auf "Inside Job – US-Regierung als Geisel der Wall Street"

  1. SpanischerGaul sagt:

    Bevor ich gleich den Film „geniesse“ noch eine Neuigkeit die mir gerade klar geworden ist.

    Es gibt ja schon seit längerem das Gerücht das es besser wäre Euro Scheine mit dem X Symbol zu bevorzugen, weil die werden in Deutschland gedruckt und würden im Falle eines Chrash eher akzeptiert werden. Nun gut, ich dachte mir das kann eigentlich nicht sein, die werden doch alle von der EZB ausgegeben und entweder werten alle Scheine gleichzeitig ab oder keiner. Wieso sollte das von einem Symbol abhängen.

    Und nun ist mir beim Lesen diese Artikels klar geworden das die Euro Scheine, also das Bargeld, auf der Bilanz der Nationalen (!) Zentralbanken stehen. Das heißt die EZB hat die Bargeldmenge des Euroraums gar nicht in der Bilanz (!) Das Mißverständnis tritt auf weil es „Konsolidierter Ausweis des Eurosystems“ heißt auf der EZB Hompage und natürlich jeder normale Mensch dann denkt alle Banknoten stehen auf der Passivseite der EZB. Tja, Pustekuchen.

    Das ist eigentlich der Knaller, die EZB ist ein Kaiser ohne Kleider!

    Und wenn die griechische Nationalbank pleite ist sind wirklich nur die griechischen Euroscheine wertlos, zumindestens verstehe ich das so, aber ich bin auf Gegenargumente gespannt.

    http://www.weissgarnix.de/2011/06/10/ein-marchen-uber-das-notenbankkostum-der-ezb/

  2. Kleine Presseschau vom 15. Juni 2011 | Die Börsenblogger sagt:

    […] Rott & Meyer: Inside Job – US-Regierung als Geisel der Wall Street […]

  3. Jochen M sagt:

    Dass die Symbole auf den Geldscheinen (X für Deutschland, usw.) noch wichtig sein können, hat man seit Beginn der Eurokrise ja öfters in den eingängigen Foren und Blogs lesen können.
    Aber heute fiel mir fast die Kinnlade runter, als ich dies sogar im heutigen Handelsblatt (Seite 9) las, im Kommentar von Thomas Mayer (Chefvolkswirt Deutsche Bank): „Auch in den Defizitländern emittierte Banknoten, erkennbar an dem Buchstaben vor ihrer Seriennummer, könnten zurückgewiesen werden.“
    Wenn das jetzt sogar in den MSM druckfähig ist…

    Den Film werde ich mir die nächsten Tage auch noch reinziehen, aber auf DVD für die englischen Untertitel, da tu ich mich dann mit dem gesprochenen Englisch leichter.

  4. Olaf Palme sagt:

    Hallo Frank Meyer
    Ich bewundere deine Arbeit als (wahrer) Journalist. Ich vermag nicht mehr in der heutigen Welt daran zu glauben, das einer oder sogar mehrere Schreiberlinge heuer noch in der Lage sind, das zu tun, was du in aller Entschlossenheit tust. Respekt.
    Hochachtungsvoll ein Mensch aus M/V

  5. holger sagt:

    Moinsen

    das ist jetzt keine Werbung. Wer wissen will, wo man ein Schnäppchen in the US Häusermarkt machen kann, sollte mal hier schauen.

    http://www.condo.com/Deals#view=list&bargain=yes&hotdeal=yes&pricedrops=180&include-other=yes&exclude-condo=yes&loc=1

    Viel Spaß

  6. Hauki sagt:

    Lieber Herr Meyer!

    Dass Sie sich so richtig aufregen, kann ich mir gar nicht vorstellen. Finde ich aber gut! Wie wäre es mit einem Beweisfoto (mit Schaum vor dem Mund)? 🙂

    Was dort geschildert wird, versuche ich so lange schon den Leuten klar zu machen. Es ist alles dokumentiert, ob FBI-Warnung im Jahre 2005 („massive mortgage fraud“) oder William K. Black usw.usf.
    Aber irgendwie will es keiner hören. Und ob die US-Regierung als Geisel der Wall-Street bezeichnet werden kann, oder nicht doch besser als Wegbereiter der ganzen Geschichte, die Frage kann sich jeder selbst beantworten, wenn er den Verlauf der Geschichte studiert …

    Es wurde doch alles von langer Hand geplant. Angefangen mit dem „Multilateralen Abkommen für Investitionen“ (MAI, nachzulesen bei wiki), über zig eingeleitete Deregulierungen, um das Spiel verlängern und dabei noch fett absahnen zu können.

    Wer damals davor gewarnt hat, war natürlich „Globalisierungsgegner“, „Weltverbesserer“, „Sozialromantiker“, „Träumer“, „Spinner“, „Gutmensch“ und nicht zuletzt „Latzhosenträger“ oder „Chaot“.

    Na ja, wäre ja auch eine nette Randnotiz der Geschichte, wenn diese Dösköppe am Ende recht behalten sollten. Denn das kann ja wohl kaum sein, immerhin verstehen die doch gar nix von Wirtschaft. 🙂

    Viele Grüße und besten Dank!

    Hauki

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