Inside EZB: Meine Hobbies: Lesen, Freunde treffen, Anleihen kaufen

11. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer sich schon immer mal gefragt hat, wer denn bei der Europäischen Zentralbank die Büros warm hält, der kann sich in einem Video einen ersten Eindruck. Aber Vorsicht. Wer bis heute noch an Auftrag und Wirkung der Behörde glaubt, dem sollte das Filmchen die letzten Illusionen rauben.

Schaut man sich die Werbebotschaft der EZB an und hat die Materie auch nur einmal gestreift, so stellt sich unverzüglich ein fader Gedanke ein. Es wäre vermutlich nicht schlechter, wenn man die Damen und Herren von den Einwohnermeldeämtern in den Leerlaufzeiten ein paar Anleihen kaufen ließe. Wieviel ein „Portfolio-Manager“ bei der EZB monatlich an Gehalt bezieht, möchten wir lieber nicht wissen. Was das ganze überhaupt mit „Portfolio-Management“ zu tun haben soll, bleibt rätselhaft. Die EZB wirkt wie der sprichwörtliche Einbeinige beim internationalen Arschtrittwettbewerb. Erschreckend ist der bei einigen Personen neben dem spürbaren Stolz auf das Schulenglisch vorhandene Glaube an die Wirkung der Anleihekäufe. 

Wer aus der Branche kommt und das folgende Video noch nicht kennt, sollte die Baldrianpillen und die Schachtel Rot-Händle griffbereit haben. Die Szenen sind surreal.

Man achte auch auf die Räumlichkeiten und das für nicht mit der Branche vertraute Personen möglicherweise respekteinflößende Kühlraumambiente. Jeder der Anwesenden darf ein bisschen am Bloomberg herumklimpern und sich ein paar Launchpad-Views mit Renditecharts basteln. Man muss die Zeit ja herumkriegen und abends erzählen, wie viel wichtige Informationen man am Tag verarbeitet hat, bevor man dann doch preisunabhängig alles kauft. Generell ist es auch immer eine gute Idee, ein paar Wochen bevor man etwas kauft, dieses allen mitzuteilen, wobei der Hinweis darauf, dass der Kaufpreis egal ist nicht fehlen darf. Ein völlig neues Konzept auch für den Gebrauchtwagenmarkt.

Das Ambiente wird garniert mit einer geradezu aufreizenden Prise Internationalität, so dass der Raum ausschaut wie das inkarnierte Erasmus-Programm. Als gute Europäer bekommen die Beamten das sicher ganz ohne offizielle Quote hin. Allerdings könnte jeder der den Dreisatz beherrscht und über unbegrenzte Mittel verfügt innerhalb von einer Stunde lernen, wie man über Bloomberg Anleihen kauft. Statt Menschen aus aller Herren Länder einfliegen zu lassen und entsprechend zu vergüten, hätte eine Stellenausschreibung in Frankfurter Neuen Presse ausgereicht.

Liebe Eltern und Großeltern, wäre es nicht doch besser gewesen, der Junge hätte Medizin studiert? Ob die Omas und Opas manches Zentralbankangestellten Ostern und Weihnachten ergriffen den spannenden Geschichten ihrer Enkel lauschen ist nicht überliefert. Vermutlich denkt der eine oder andere bei sich aber wohl eher, „hm, mein Enkel versucht jetzt also Inflation zu erzeugen“. Die vermissen wir ja alle. Aus dem Grund sagen ältere Semester auch immer, früher sei alles besser gewesen, da hat das Brötchen nämlich noch 4 Mark gekostet.

Mit ein paar englischen Floskeln und der gebotenen Scheinkomplexität einer Vielzahl von Programmen und „Fazilitäten“ lässt sich jedoch vermutlich der Eindruck sinnvoller Komplexität noch eine Weile aufrecht erhalten. Man muss nur fest dran glauben. Niemals würde der Kaiser nackt auf die Straße treten. Niemals.

Man kann sich vorstellen wie die jugendlich wirkenden Protagonisten am Fenster des Türmchens stehen und denken, Mensch, heute habe ich für hundert Millionen Anleihen gekauft. Die Gegenseite, sprich die echten Trader und Portfolio Manager kommen angesichts dieses doch arg stümperhaft und naiv daherkommenden Aufkäufers vom Osthafen aus dem Lachen vermutlich kaum noch heraus. Beim Telefonhandel stellt mancher Trader bei den Investmentbanken vermutlich das Telefon auf laut, damit der ganze Handelsraum die Sache genießen kann.
Mit einem Wort: Unfassbar.

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