In Geldsachen pennen… Und Kaufkraft verbrennen

23. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Wie groß waren Not und Elend in Deutschland, als die Zinsen noch bei zehn Prozent standen. Ein Milliardenkredit mit einer Laufzeit von zehn Jahren kostet den Staat, es ist ja erst 30 Jahre her, mindestens 100 Millionen Mark an Zinsen. Pro Jahr! Unglaublich! Vor allem an das Zähneklappern damals…

Heute sind die Kosten für neue Schulden viel erträglicher geworden und für Staaten viel attraktiver. Also machen diese mehr davon. Wozu sich also Sorgen machen? In einer Studie vom University College in London wurde nachgewiesen, dass Menschen ihre Einschätzungen eher ändern, wenn sie mit positiven Nachrichten konfrontiert werden. Schlechte Nachrichten werden meist ignoriert. 79 Prozent der Probanden waren von diesem Phänomen betroffen. Das erklärt auch, warum es für die meisten ziemlich egal ist, was sich im Finanzmarkt bewegt. Gute Nachrichten gibt es recht wenige, und wenn, dann von den Verursachern der Schäden selbst.

Gute Zeiten für gute Nachrichten

 

Die Staatsschuldenkrise, die mit einer Eurokrise verwechselt wird, erweist sich für das Berliner Finanzministerium als Glücksfall, sinken doch die Kosten für die Refinanzierung alter Schulden auf historische Tiefs. Solange ein Staat Banken hat, die ihn finanzieren und Notenbanken, die Banken finanzieren, sollte man sich trotz aller Schlagzeilen über diese „Krise“ weniger Sorgen machen – vielmehr darum, was die Folgen der ganzen „Rettungen“ sein könnten. Erst ab einer Ausgabenquote von rund 30 Prozent der Staatseinnahmen für Zinsen wird es gefährlich, sagen Geschichtsbücher. Das dauert noch. Rechnen Sie deshalb nicht mit einem Staatsbankrott der großen Staaten in den nächsten Wochen. Es gibt noch genügend Vertrauen und 79 Prozent Daueroptimisten. Ansonsten hätte es sich herum gesprochen, dass sich Banken gegenseitig nicht trauen und man sich fragen müsste, warum man den Banken traut. Auf deutschen Banken liegen rund zwei Billionen Euro (fast unverzinst) herum.

Ach ja, die Staatsschuldenkrise bringt für Deutschland Vorteile, auf die andere Staaten im europäischen Währungsverbund ein Auge geworfen haben. Darüber wird noch zu reden sein. Aber die Rechnungen sind schon geschrieben.


Gleichmacherei im Euroland und Begehrlichkeiten kommen auf einem Tandem daher. Geteiltes Leid ist halbes Leid mit wenig Freud im zukünftigen Euroland, vor allem, wenn der eine mehr besitzt als der andere. Es dürfte sich angleichen, sollte es nach den Eurokraten gehen. Der Zinssatz für deutsche Staatsanleihen wird sich deshalb nicht auf dem aktuellen Niveau halten können. Inzwischen haben sich viele mit einer Spekulation auf steigende Zinsen die Finger verbrannt. Short war Mord, auch wenn der gesunde Menschenverstand sagte, das es so nicht bleiben wird und kann.

Investoren nehmen jetzt auch Negativ-Renditen in Kauf, um deutsche Staatspapiere kaufen zu können. Wer sind diese Dummköpfe, die Kaufkraft verschleudern? Steht wirklich jeden Morgen ein Dummer auf? Kaum. Das Geld kommt woanders her. Restriktionen der großen Kapitalsammelstellen zwingen diese Sammelstellen zur Gewährleistung einer sicheren Rente in Staatspapiere. Nicht dass man will. Man muss. Es ist ohnehin nicht das eigene Geld, mit dem die Kapitalsammelstellen unterwegs sind und dann die Preise von deutschen und dänischen Anleihen aus den Angeln heben. Zusätzlich drückt die Kapitalflucht aus südlichen Staaten und jetzt auch aus Frankreich die Renditen. Die Angst, noch größere Verluste wo anders zu erleiden ist offenbar größer als der gesunde Menschenverstand. Und so wird fröhlich zugegriffen. Das geflüchtete Geld wird im Süden mit Wissen der EZB „nachproduziert“…

Bis das Matterhorn wackelt

Die Renditen in der Schweiz, historisch einem der sichersten Schuldner, liegen im 10-Jahres-Bereich bei unglaublichen 0,8 Prozent. Wer hat`s erfunden? Die Zentralbank. Sie hat die Zinsen auf Null gesenkt und druckt so viele Schweizer Franken, um die Welt damit zu überschwemmen oder zu verschmutzen, um das Wechselkursverhältnis zum Euro über 1,20 zu halten. Warum nicht 1,30? oder 1,40? Technisch kein Problem. Das Jahr ist noch lang. Wenn die EZB mit ihrer Geldschwemme nicht schneller ist als die Schweizer, könnte das sogar gelingen. Warum man im Schweizer Franken noch einen Hort der Sicherheit sieht, lässt vermuten, das ist der Rest einer Geschichte aus Grimms Märchen. (Graphik: Bloomberg)

…und die Rocky Mountains

Nicht anders präsentiert sich das Bild in den USA. Die Zinssätze sind vernachlässigbar und weit unter der offiziellen Inflationsrate von rund drei Prozent. Nach den Daten von Shadow Stats dürfte die Teuerung im Land des unbegrenzten Kaufrauschs bei rund zehn Prozent liegen. Sparer verlieren Geld und die Sparrate sinkt fünf auf jetzt 3,5 Prozent. Nur zu! Konsum bringt die Wirtschaft in Fahrt. Vielleicht auch nicht, wahrscheinlich aber die Geldumlaufgeschwindigkeit. (Graphik: Bloomberg)

Amerikaner haben im November 20,4 Milliarden US-Dollar an neuen Krediten nachgefragt. Ein Grund für das Kursplus an den Börsen. Um 5,6 Milliarden US-Dollar mehr glühten die Kreditkarten und 14,8 Milliarden US-Dollar wurden für Autokredite ausgereicht. Das Gesamtvolumen der ausstehenden Verbraucherkredite stieg um 9,9% auf 2,48 Billionen US-Dollar.

Investoren in amerikanische Papiere haben wenig Bedenken. Sie rechnen mit einem stärkeren Dollar, warum auch immer, und begnügen sich mit ein paar Basispunkten oder einer mageren Rendite.

Solange die großen Kapitalsammelstellen mitspielen bzw. sie gezwungen sind, dem US-Schatzamt die Schuldscheine abzunehmen, läuft das Spiel. Und wenn die Summe zu groß geworden ist, kauft die FED. Angeblich landen 70 Prozent der Schuldenpapiere nach nur kurzer Zeit bei ihr. Zum anderen ist es für Banken „ertragreich“, für Null Zinsen bei der FED zu leihen und dieses Geld für etwas mehr in Staatspapiere zu stecken. Bei wenigen Basispunkten Gewinn macht es die Masse, keinesfalls die Klasse. Das Erstaunliche ist, dass 30-jährige Anleihen im letzten Jahr im Kurs um 18 Prozent gestiegen sind. Bedanken Sie sich bei Ben Bernanke, seiner FED und ihrer Manipulation der Kurse. Nun wartet die Welt auf ein weiteres Geldlockerungsprogramm namens QE-3.

Es wäre alles zum Ankurbeln der Wirtschaft, heißt es offiziell aus der Zentrale zur Verbreitung von Glück. Inwiefern eine US-Wirtschaft überhaupt noch vorhanden ist, wäre eine andere Frage. Nur noch elf der 305 Millionen Amerikaner arbeiten im industriellen Sektor…

Nix da in Nippon…

Willkommen in Japan! Hier kosten Kredite für Banken gar nichts mehr. Umso beeindruckender auch die Summe, die sich Nippons Regierung aus den Druckmaschinen der Bank of Japan bestellt – rund die Hälfte ihrer Ausgaben. Tolles Modell. Japan, geh Du voran! Und trotzdem steigt der Yen an? Mit dem Ende des Carry-Trades werden diese früheren Kredite zurück gezahlt, was die Nachfrage nach Yen beharrlich hoch hält und damit den Kurs. Noch. Etwas Geduld bitte! Vielleicht gar nicht mehr lang… (Graphik: Bloomberg)

Gruß aus einer alten Zeit

Neulich hielt ich eine Goldmünze in der Hand. Es war eine 20-US-Dollar-Münze aus dem Jahr 1882. Der Dollar war damals noch etwas wert. Seit er keinen Anker mehr besitzt, hat sich am Gewicht der 30 Gramm schweren Goldmünze nichts. Um aber eine dieser Münzen kaufen zu können, sind jetzt 1.680 US-Dollar nötig. Goldbugs können sich darauf verlassen, dass die zuständigen Stellen den nominalen Wert nach oben treiben werden, indem sie der jetzigen Menge Dollar weitere (Un)mengen hinzu addieren werden. Am Gewicht der Münze wird sich wahrscheinlich nichts ändern.

Preisschübe für Goldpreise sind die negativen Zinsen (Zinssatz minus Inflation). Es liegt im Interesse der Beteiligten, die Inflation niedrig auszuweisen. Wenn die reale Verzinsung den Sparern den Hintern versohlt, wird sich das nach und nach herum sprechen. Gold wird von denen gekauft, die das verstanden haben, während die Glücklichkeitsskala nach offizieller Lesart immer neue Höchststände erreicht.

Es wäre verwunderlich, wenn 2012 die Börsen schlecht laufen, Goldpreise einbrechen und das Interesse an kreditfinanzierte Immobilien nachlassen würde – außer, die Zentralbanken spielen nicht mit. Doch es sieht nicht danach aus. Mario Draghi hat unmissverständlich gezeigt, dass die Zentralbank für zu vernachlässigende Kosten Geld herbei zaubert. Banken können wieder Staaten finanzieren, indem sie deren Staatsanleihen kaufen. Risikolos. Borgt sich eine Bank bei der EZB für drei Jahre und einem Zinssatz von einem Prozent Geld, kann sie das für drei Prozent dem spanischen Staat leihen oder für etwas mehr auch den Italienern. Tolles Geschäft!

Staatsbankrott? Ach was!

Erinnern wir uns an das Jahr 1979. Dort stand auf der Titelzeile des Spiegels dieses böse Wort. So weit man beobachten konnte, ist dieser Staatsbankrott nicht eingetreten, obwohl die Zinsen damals im Bereich von neun Prozent gestanden haben. Staaten entschulden sich über Inflation. In den Zeitungen wird von davon wenig zu finden sein. Im Gegenteil: Die böse Deflation. Vielleicht versteht man darunter auch fallende Anlagepreise. Im normalen Leben draußen vor der Tür passiert das kaum. Oder sind 2008 die Kosten gesunken? Dass das was man wirklich braucht immer teurer, das was Spaß macht, billiger.

Trotz eines Wirtschaftswachstums in Deutschland von 3,7 % im Jahr 2010 rund drei Prozent im Jahr darauf hat der deutsche Staat entgegen aller Sonntagsreden seiner Politiker keine einzigen Euro zurück gezahlt. Das hatte er auch nicht vor. Und die sprachlichen Sparanstrengungen erleben in den nächsten Monaten einen weiteren Höhepunkt. Gleichzeitig dürfte es sich herumsprechen, dass, je mehr gerettet wird, das Folgen haben wird. Mit immer höheren Summen dürfte die Sache für den einen oder anderen suspekt werden und das Misstrauen steigen wie der Goldpreis. Wer einmal eine Goldmünze aus den USA in der Hand hielt, als Gold noch Geld war, ahnt, was der Dollar vor 130 Jahren wert gewesen ist – und was davon übrig geblieben ist.

Um diesen Kettenbrief aufrechtzuerhalten, braucht es einen Staat, Banken die ihn finanzieren, Zentralbanken die Zinsen festzusetzen und im Markt intervenieren, und diverse Gründlichkeitsabteilungen, die mit wohlgeformten Texten aus vielen Buchstaben verkünden, die Lage wäre in Ordnung und selbige werde besser. Bis man es nicht mehr glaubt. Und in dieser Phase sind wir bereits eingetreten. Gewöhnen wir uns an größere Zahlen: Mehr Kredite, höhere Preis der Anlageklassen und höhere Preise für Gold und den Wocheneinkauf.


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

5 Kommentare auf "In Geldsachen pennen… Und Kaufkraft verbrennen"

  1. JayJay sagt:

    Schöner Kommentar, nur die Masse vertraut immer noch den Lügengeschichten unserer sogenannten Volksvertreter, und daher wird das Spiel der Mächtigen noch eine ganze Weile funktionieren.

    Gold & Silber Ahoi

  2. e-t sagt:

    Ich habe gerade ‚Walters Woche – Auf Inflation setzen, Nase verbrennen‘ auf NTV gesehen.
    Da ging es doch sehr ‚bissig‘ zu 🙂 – beide lächeln süffisant, da liegt doch Spannung in der Luft! Oder?

    so long,
    e-t

  3. wolfswurt sagt:

    Der Zwang zum Konsumieren entsteht durch das Kreditgeld und durch eine Produktivitätssteigerung die in der Menschheitsgeschichte ihresgleichen sucht.

    Es braucht heute eine einzige Nähnadelfabrik um die Welt zu versorgen.
    Es genügen 360000 Bauern in Deutschland um für 81 Millionen die Ernährungsgrundlage zu sichern und darüber hinaus noch 3,5 Millionen Tonnen Fleisch zu exportieren.

    Da stellt sich die Frage: Was in Gottesnamen soll der Rest machen außer das Erzeugte zu fressen?

    Mit der unendlichen Bereitstellung von Papiergeld muß dafür gesorgt werden, daß das Erzeugte von den überflüssigen Massen auch gefressen wird.

    Reißt der Geldstrom ab werden die Erlebnisse von 1789 in Frankreich als ein Streit von Kindern in einer Sandkiste erscheinen.

    Bei allen Zweifel an der Intelligenz der Obrigkeit – diese Gefahr signallisiert deren Bauchgefühl.

    100 prozentig!

    Sie sind verdammt zum drucken.

    • Avantgarde sagt:

      „Der Zwang zum Konsumieren entsteht durch das Kreditgeld und durch eine Produktivitätssteigerung die in der Menschheitsgeschichte ihresgleichen sucht.“

      Sieh es mal anders herum!!

      Wenn Du bzw. die Deutschen allgemein viel Sparen erzwingen sie die Verschuldung von z.B. GR.
      Sparen erwingt Kredite.

      Die irriger Weise immer so gepriesenen private Altersvorsorge erzwingt ebenfalls massenhafte Verschuldung der Staaten.
      Eine Umlagefinanzierung wäre unter anderem auch deswegen besser – der gute alte Norbert Blüm hatte da schon recht und wurde völlig zu Unrecht von den Medien gemobbt!
      So verhindern wir nur, daß die Leute jetzt konsumieren können und treiben gleichzeitig andere Länder in den Ruin.

      Produktivitätssteigerung ist genau das was unsere Renten auch dann sichert wenn es weniger Nachkommen gibt.
      Auch das übrigens eine dreiste Lüge der Neo-Libs die nun viele Jahre ihre Kampagne für die privaten Versicherer damit gefahren haben, daß es angeblich nur auf die Anzahl der Kinder ankäme.

  4. […] Rott & Meyer: In Geldsachen pennen… Und Kaufkraft verbrennen […]

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.