In die Irre gefühlt: Warum wir uns selbst nicht trauen dürfen

30. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Die „Iden des März“ – also Mitte März – gelten seit der Ermordung Julius Caesars als ebenso markantes wie gefährliches Datum. Immer wieder wird – vor allem in der Politik – Bezug auf dieses Datum genommen; zuletzt bei den US-Vorwahlen oder vor einigen Jahren im Politthriller „The Ides of March“ von George Clooney. Caesar, Trump, Clooney, Shakespeare – die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verfließen.

Das Bild aber bleibt im kollektiven Gedächtnis – Mitte März wird es für die Anführer gefährlich. Und dies keineswegs nur, weil gerade irgendwo Landtagswahlen stattgefunden haben, bei denen der letzte Lack einer amtierenden Regierungschefin abgeblättert ist. Nicht einmal im Römischen Reich konnte man die Dinge einfach aussitzen – obwohl investigative Medienschaffende, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Julius Caesar kritisch zu begleiten, damals noch praktisch unbekannt waren.

An den Märkten hatte Gold dieses Jahr die Rolle des „primus inter pares“ inne – und prompt wurde es um die „Iden des März“ herum eng. Darauf wird auch im aktuellen sentix-Newsletter – der „Professional Research Investmentmeinung Nr. 11/2016“ hingewiesen.

Das vorläufige Top erreichte das Edelmetall sogar bereits Anfang März. Doch anders als der römische Imperator, dürfte sich Gold von den März-Attacken wohl rasch erholen können. Der „sentix Time Differential Index“ markierte nämlich jüngst ein Allzeittief und das ist ein positives Zeichen für die weitere Kursentwicklung. Es sind solche extremen Ausprägungen, die bei Stimmungsindikatoren besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Was noch dazu kommt, ist die Berichterstattung über das gelbe Metall. Im Mainstream findet Gold in aller Regel keine Fürsprecher. Kaum steigt es ein wenig, schon häufen sich die Artikel mit negativem Unterton. So erschien heute ein Beitrag auf www.faz.net über „Die schmutzige Seite der Anlageklasse Gold“, in dem ausgiebig über Gewalt, Umweltschäden und kriminelle Banden beim Goldabbau in Südamerika berichtet wird. Da mag sich mancher Anleger überlegen, ob es „moralisch“ überhaupt vertretbar sei, sich ein paar Münzen ins Depot zu legen?

Es könnte Blut dran kleben. Mission erfüllt.

„Kleine Spekulanten“

Ebenfalls als eine Art Stimmungsindikator lässt sich das Verhalten der Kleinanleger interpretieren – genauer gesagt geht es hier um die Gruppe der „Kleinspekulanten“ in den Commitment-of-Traders-Reports (COT-Daten). Unter den drei dort betrachteten Gruppen, zu denen ansonsten noch die „Commercials“ und die „Großspekulanten“ gehören, gelten die Kleinspekulanten als die am schlechtesten informierte Gruppe, die demgemäß am ehesten falsch liegt – dies umso mehr, je überzeugter sie von einer Idee sind – schließlich halten die Profis hier jeweils die Gegenposition.

In der Wellenreiter Frühausgabe (www.wellenreiter-invest.de) von diesem Montag weist Alexander Hirsekorn auf den „anhaltend hohen Pessimismus der Kleinspekulanten im S&P 500“ hin:

„Mit einem Ausbau der Netto-Short-Positionierung auf 12.238 Kontrakte bleiben sie historisch betrachtet außergewöhnlich skeptisch.

“ Das sind tendenziell positive Nachrichten für den US-Aktienmarkt, dessen Signalwirkung auf den DAX wir im Hinterkopf behalten sollten. Denn auch für den S&P 500 ist das charttechnische Bild bislang ähnlich indifferent, wie wir es für den DAX in den vergangenen Wochen an dieser Stelle schon mehrfach erläutert haben. Gut möglich, dass letztlich der Pessimismus der Kleinspekulanten/-anleger, den Ausschlag für eine Auflösung der Situation nach oben gibt.

Staatskrise und Börsenhausse

Die Situation und der Trend an der Börse sollten also niemals ohne Berücksichtigung der Stimmung der Anleger beurteilt werden. Dieser Zusammenhang macht die Kursprognose so viel schwieriger als beispielsweise die Wetterprognose. Denn das Wetter schert sich herzlich wenig um die Prognosen und Stimmungen der Meteorologen.

George Soros verlieh der Interdependenz zwischen Markt und Marktteilnehmern, zwischen Stimmung und Kurs einmal das Etikett „Reflexivität“ – und sprach damit aus, was alte Börsenhasen schon immer wussten: Wenn sich die Stimmung der Marktteilnehmer einmal stark auf eine Seite geneigt hat, dann kommt das Überraschungspotenzial in der Regel aus der entgegengesetzten Richtung. Schwärzer als schwarz geht selten, aber schon dunkelgrau taucht die Welt in ein „überraschend positives“ Licht.

Ein Beispiel dafür war der quälende Abwärtsgang des brasilianischen Bovespa-Index, der nach dem Abflauen der BRICS-Euphorie seit 2011 in einem breiten Kanal gen Süden tendierte. Das Land kam unter der Präsidentin Dilma Rousseff mächtig ins Trudeln – Korruptionsvorwürfe und ein drohendes Amtsenthebungsverfahren lähmten die Regierung.

2016_03_30-Bovespa

Als der Index im neuen Jahr dann aus dem Abwärtskanal auch noch nach unten ausbrach, war der Boden für einen „perfekten Sturm“ bereitet. Doch gerade weil man sich vernünftigerweise nur noch eine Richtung vorstellen konnte und viele Marktteilnehmer für das „Unausweichliche“ positioniert waren, kam es anders. Der Bovespa eroberte den Abwärtskanal zurück und begann kräftig zu steigen. Der Bruch der Regierungskoalition wird – gerade weil er so lange erwartet wurde – daher kaum noch negatives Überraschungspotenzial freisetzen können.

Fazit

Zwar tendieren Sentiment-Indikatoren selten völlig eindeutig in die eine oder andere Richtung, Anleger sollten die Signale aber dennoch auf dem Schirm haben. Denn prozyklisch auf eine vorherrschende Meinung aufzuspringen, hat selten Früchte getragen.

Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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