In der Psychofalle

27. Mai 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Das Fazit meiner letzten Kolumne lautete, dass man ganz genau hinsehen müsse, was unser DAX so treibt, weil angesichts der Erfahrungen der letzten Monate ein nicht unwesentliches Risiko besteht, dass eine einmal eingeschlagene Richtung im Anschluss an den Verfalltermin im Mai bis zum großen Verfalltermin an den Terminbörsen am 21. Juni fortgesetzt werden könnte…

Dass es dabei nach unten geht, ist mit dem Kursgeschehen der zweiten Wochenhälfte deutlich wahrscheinlicher geworden, wenngleich noch keineswegs sicher. Aber…

Das Problem der meisten bullishen Akteure ist jetzt, dass sie in einer Art Psychofalle fest hängen. Je länger eine Trendbewegung anhält, desto sicherer fühlt man sich dabei. Das ist zwar unlogisch, was die Börse angeht, emotional aber schon verständlich. Denn je länger ein Trend dauert, desto mehr Marktteilnehmer sind natürlich in Trendrichtung investiert. Und in der großen Herde fühlt man sich nun einmal sicher. Anders ausgedrückt: Wer in den letzten Wochen auf der bullishen Seite war, dachte meist, dass ihm nichts passieren könnte, weil es die „richtige“ Seite war.

Hinzu kam, dass die menschliche Psyche dazu neigt, Dinge, die ihr nicht in den Kram passen, einfach auszublenden. In diesem Fall also negative Aspekte. Die Notwendigkeit der institutionellen Investoren, bei dieser Rekordjagd des DAX mitzuziehen und das weiterhin fließende, billige Geld der Notenbanken waren die einzigen Argumente, die man als bullisher Investor wirklich zur Kenntnis nahm – denn sie passten zur Trendrichtung und zur Ausrichtung des eigenen Depots. Unangenehme Wahrheiten wie die Perspektivlosigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung in den USA ebenso wie in Europa, jetzt ebenso wie für die nächsten Jahre, wurden genauso ignoriert wie die Tatsache, dass sich die Aktienmärkte immer mehr von der tatsächlichen Entwicklung der Unternehmensgewinne und -umsätze entfernen. Jetzt jedoch, nachdem die Aktienmärkte am Mittwochnachmittag völlig unerwartet nach unten drehten, erinnert sich so mancher plötzlich daran.

Eigentlich war es ja nichts anderes als „selling on good news“, was da am Mittwochnachmittag zu plötzlich recht deutlich fallenden Kursen im Anschluss an eine Rallye, mit der erfreute Marktteilnehmer eine Rede von US-Notenbankchef Bernanke quittiert hatten, geführt hatte. Aber dergleichen kann sich nun einmal blitzschnell in eine Verkaufslawine verwandeln, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind:

Zum einen sollten die Kurse dort nicht hingehören, sprich die fundamentale Lage der Entwicklung der Aktienmärkte nicht entsprechen. Das ist zweifellos der Fall, auch wenn es die meisten einfach ignorieren. Zweitens wird es dann sofort kritisch, wenn eine Rallye in sehr kurzer Zeit so weit geführt hat, dass kurzfristig alle diejenigen, die auf der Long-Seite aktiv werden wollten, dies auch sind. Die unmittelbaren Käufe im Anschluss an die eigentlich positiv aufgenommenen Aussagen von Ben Bernanke führten zu einem solchen Punkt. Dementsprechend trafen die Gewinnmitnahmen auf eine ausgetrocknete Käuferseite – und das führte dazu, dass die Kurse viel schneller als von irgendwem erwartet in die Knie gingen.

Der dritte und jetzt entscheidende Aspekt ist die Marktstimmung. Oder anders ausgedrückt die Gemütslage all derer, die angesichts fast täglich steigender Kurse gar nicht auf die Idee gekommen sind, ihre Gewinne irgendwann einmal zu sichern und von immer weiter anziehenden Notierungen geträumt haben. Wenn bei dieser Klientel angesichts eines Beinahe-Crash in Tokio und der Tatsache, dass der DAX die einigermaßen erfolgreichen Bemühungen an den US-Börsen, auftauchende Verluste wieder einzudämmen, bislang nicht nachmachen kann, jetzt aus blinder Zuversicht Verunsicherung oder gar Angst wird, kann blitzschnell die Hütte brennen.

Wie viele sitzen jetzt am Wochenende da und denken sich: „Eigentlich waren wir beim DAX nur noch 180 Punkte von langfristigen Kursziel bei 8.740 Punkten (ein Kreuzungspunkt der oberen Begrenzungen der langfristigen Aufwärtstrendkanäle aus den Jahren 2009 und 2011, siehe beigefügter Chart des DAX auf Wochenbasis) entfernt und damit im Prinzip ja oben. Eigentlich bekommen die Politiker und Notenbanker in den USA und Europa die Lage ja wahrlich nicht in den Griff. Eigentlich könnte man jetzt ja wirklich mal ein paar Gewinne mitnehmen…“?

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Wenn die Zahl derer, die sich über das Wochenende solche Gedanken machen, während die Kurse stillstehen und die Zeit für etwas umfassendere Überlegungen da ist, relativ groß sein und auch und gerade all diejenigen erfassen sollte, die eigentlich auf einen Rücksetzer in den Bereich der Unterstützungen bei 8.074 (März-Hoch) und 8.151 Punkten (vormaliges Allzeithoch) warten, um überhaupt erst einzusteigen oder ihre Positionen auszubauen, wird es richtig eng. Denn dann erleben wir das gute alte „bei-Erreichen-streichen“-Symptom. Das heißt, alle diejenigen, die eigentlich die Hand aufhalten wollten, streichen ihre Kauforders erst einmal um zu sehen, ob die Kurse denn wirklich auf diesem Niveau aufgefangen werden und wieder nach oben drehen. Aber, völlig logisch… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "In der Psychofalle"

  1. Revolver1975 sagt:

    Lieber Herr Gehrt,

    nehmen Sie mir das nicht übel, aber wenns denn dann irgendwann mal kracht, dann freue ich mich schon zu lesen wie sie sich auf die schenkel klopfen und sagen “ ich hatte recht“. dummerweise hat jeder irgendwann recht was den ominösen crash angeht. und ebenfalls dummerweise haben alle die diesen ach so bösen gefahren ihre aufmerksamkeit schenken dann 100 oder 200 % gewinn verpasst. wissen sie, selbst wenn es kracht, wenn ich vorher mehr als 100% gewinn gemacht habe soll es doch krachen?! ja und? und wir wissen doch alle, die wirtschaft und wie sie läuft hat langfristig nahezu überhaupt keinen einfluss die börse. es nervt immer dieses mantraartige ohohoh der crash er kommt, wie ihr kollege voigt und der kollege müller. das einzig seriöse ist sich auf die bewertung der aktien zu konzentrieren und daran seine entscheidungen fest zu machen. alles andere kann sein, muss aber nicht, und damit können wir es uns eigentlich auch direkt sparen…

    viele grüsse

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