Immer weniger Menschen gehen zur Kirsche :-)

13. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Wie alle Jahre wieder, fand auch in diesen Tagen wieder der Kirschen-Tag statt. Leider kam niemand vorbei. Schon drei Wochen vor dem eigentlichen Termin hängen die Äste schon voller Kirschen. Und der Autor dieser Zeilen mitten im Baum…

Hey, den Göttern so nah, macht das da oben richtig Arbeit und auch Spaß! Alternativ kann man natürlich auf Kirschen verzichten, sich ein Pfund davon für 3,50 Euro kaufen – oder für 99 Cents die eingekochte Form dieser Frucht im Glas. Den meisten geht es aber heute so gut, dass sie sich nicht mit diesen Widrigkeiten der Ernte plagen müssen. Anders kann ich mir das Phänomen der vergammelnden Früchte an den Bäumen nicht erklären – zur Freude der Stare und der irdischer Regenwürmer natürlich. Wahrscheinlicher aber ist ein Marktversagen im Kirschen-Markt der eigentliche Grund für das kollektive Desinteresse an den roten Früchten.

kirschen2Ich weiß nicht genau, wie heute die modernen Kirschen aus dem Supermarkt produziert werden. Wahrscheinlich wurden sie für die Pflücker auf eine entsprechende Pflückhöhe konzipiert. Die künftigen gentechnisch veränderten Varianten finden automatisch den Weg in den Korb und kochen sich auch noch selbst ein. Für die herkömmliche Ernteweise benötigt man derzeit noch eine Leiter und eine gehörige Portion negativer Höhenangst. Ein großes Exemplar eines Kirschbaums trägt locker 100 Kilo im Jahr. Unser Baum dagegen schafft es auf geschätzt-gefühlte fünf Tonnen, wobei ich bekanntlich ungern übertreibe. Schon während der Blütezeit des Baumes zieht es mir dann etliche Sorgenfalten über die Stirn, denn sowohl Götter als auch Bienen haben ihre ganz eigenen Vorstellungen, Befindlichkeiten und Pläne.

Was soll man nur mit den gefühlt-geschätzten fünf Tonnen Kirschen anfangen? Ignoranz wäre die beste Methode, um dem frühsommerlichen Kirsch-Tsunami zu entgehen. Am besten ist es, man geht in dieser Zeit gar nicht erst vors Haus und wartet, bis der Kirsch-Sturm vorbei ist – oder man hat den Baum rechtzeitig gefällt. 

Die Älteren unter uns wissen noch, dass man Kirschen auch essen kann. Kinder und Jugendliche gaben in einer Umfrage neulich an, Kirschen wachsen in einem Glas, läuten Sonntags um zehn Uhr oder nennen ihre Freundin „Kirsche“. Nur noch die alten Leute klettern in den Bäumen herum zum Leidwesen der Krankenversicherungen und gönnen sich dort entsprechend teure Sportunfällen mit anschließender Reha mit Vollpension. Zudem wissen die Alten noch, dass man Kirschen auch einkochen, oder daraus Marmelade herstellen kann. 

Ein weiteres Problem während der Kirschen-Tage stellt die Menge der vorhandenen Gläser dar. Schnell gehen sie aus. Meist in den Keller. Was aber tut man dann mit den restlichen gefühlt-geschätzten 4,9 Tonnen Kirschmaterial?

eingekochtEben! Und so machte mich auf den Weg zum billigsten Billigmarkt unserer Stadt. Ein großes Marmeladeglas kostet dort drei Euro. Dreißig Meter weiter, dort wo man Lebensmittel liebt und diese Lebensmittel deshalb zum Schleuderpreis anbietet, gibt es die Gläser fast geschenkt. So lohnt es sich, den Einkaufswagen mit Kirschkonserven zu füllen und diese dann in einen Mülleimer zu kippen oder den Vögeln in die Hecke zu werfen. Man kann die Fracht natürlich auch zu Hause schleppen und in der Toilette entsorgen. Auf diese Weise kommt man kostengünstig an genügend Behältnisse, um darin dann seine eigenen Kirschen einzuwecken. So in etwa kann man einem Unbedarften ein Marktversagens anhand des Kirschmarktes erklären. Unsere Marktwirtschaft lehrt den Leuten ohnehin beständig, das Falsche zu tun und das Richtige zu lassen. (Seite 2)


 

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3 Kommentare auf "Immer weniger Menschen gehen zur Kirsche :-)"

  1. kranich05 sagt:

    Das ist mir ja sowas von aus dem Herzen gesprochen!
    In der schönen Uckermark gibts ganze Kirschalleen, deren Früchte augenscheinlich zur Strassenimprägnierung verwendet werden.

  2. catweazle sagt:

    Super Artikel, wie immer gespickt mit herzhafter Ironie. Sie sprechen mir damit absolut aus dem Herzen! Ich sehe über das Jahr viele Obstbäume, nicht nur Kirschen, welche absolut vollhängen. Das Obst verrottet, weil sich keiner mehr die Hände schmutzig machen möchte und der schon industriell hergestellt Füllstoff Obst im Supermarkt viel zu billig gekauft werden kann. Ich habe selbst eine kleine Streuobstwiese mit ca. 15 verschiedenen Obstbäumen und bin froh über die geschmackliche und gesunde Vielfalt, die sich mir daraus Jahr für Jahr erschließt…

  3. Skyjumper sagt:

    Saft! Aus den restlichen gefühlt 4,9 t macht man natürlich Saft.

    Aber ja, das alles macht natürlich eine derartige Arbeit, dass es ökonomisch wenig sinnvoll erscheint. Wobei Obst in allen Variationen ja noch geht. So in Baum muss ja nicht mehr gross gepflegt werden. Aber wer dann mal sein eigenes Gemüse benutzt – Hossa, da fragt man sich wirklich wie es sein kann, dass ein Kohlrabi im Supermarkt für 59 Cent zu haben ist. Wenn ich dann allerdings den optischen Vergleich zwischen dem strahlenden Supermarktexemplar und meinem doch etwas angefressenen selbstgezogenen ……… dann überkommt mich mehr als nur eine Ahnung davon, was in dem Supermarktteil so alles drin ist und da gar nicht reingehört. Und dann kommt mir meiner trotz der vielen Arbeit plötzlich viel ökonomischer vor als der aus dem Supermarkt.

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