Im Zirkus „Einen an der Krone“

11. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Können Sie es auch nicht mehr ertragen? Eine ganze Branche hockt alle paar Wochen vor den Bildschirmen und lauscht den Schamanen der Zentralbanken. Vorher und nachher darf man sich Voraussagen und Interpretationen des Blödsinns anhören, die wohl allein der Rechtfertigung einiger hoher Gehälter dienen…

Das ökonomisch sinnvolle Maß haben einige Zentralbanken weit hinter sich gelassen. In den unendlichen Weiten des Geldraums wird im Kosmos Experimentierbaukasten Geldpolitik herumgewerkelt und der Eindruck suggeriert, man wisse was man tue. Möglicherweise weiß man sogar, was man tut, aber was dabei herauskommt bleibt ebenso ungewiss wie der fragliche Eintrittszeitpunkt. Angesichts der Hilflosigkeit, mit der weite Teile der so genannten westlichen Welt ihrer Konsumverschuldung Herr zu werden versucht und diese gleichzeitig ausweiten will, sollte man sich von den vielzitierten Wachstumsimpulsen verabschieden. Abgesehen von einer mittelerweile zwanghaften Jagd nach Rendite, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen, tut sich wenig. Warum auch?

Einige so genannte Analysten, die man eher dem Unterhaltungszweig der Finanzbranche zuordnen sollte, bekannten kürzlich, sie hätten der Rede von Herrn Draghi wochenlang entgegengefiebert. Diesen Mitmenschen möchten wir an dieser Stelle unser herzliches Beileid ausdrücken. Auch in einer an Sinn nicht eben reichen Branche bewegt man sich als Notenbank-Junkie ganz nahe am unteren Ende der Inhalts-Spanne.

Der Schamane aus dem Turm am Main erfreut sich dennoch großer medialer Beliebtheit. Die Wochen vor der Rede wird täglich mit den Schweineknöchelchen gewürfelt, ob denn die Wahrscheinlichkeit der Senkung des Leitzinses oder des Einlagensatzes über 43,8% oder darunter liegt. Schnell noch einen Blick auf den minütlichen Verlauf der US-Inflation-Swaps und die netzbasierten Wettbörsen, bei denen man nicht nur auf Dinge wie „Prinz Charles ist eine Frau“ sondern auch auf ganz profane Wirtschaftsdaten wetten kann. Warum das wichtig ist kann man mit dem alten Spruch von linken Demos beantworten. Der letzte der das wusste ist als erster gegangen.

Unabhängig davon, ob der Markt erwartet, dass die Erwartungen des Marktes oberhalb der Abweichung der Realität vom unteren Rand der Schätzungen der erwarteten Abweichung oder doch auf der anderen Seite liegen wird, bleibt außer einer Menge Rauch nicht viel übrig. Die Antwort auf die schwierige Frage nach der Zukunft kann man sich in alter Nostradamus-Manier auch selbst kommen. Es wird in der Zukunft viel passieren, manches davon wird einige überraschen und einiges davon werden manche erwartet haben. Auch schlimme Folgen sind nicht auszuschließen.

Danach folgt die übliche Reaktion, die sich auch bei der Veröffentlichung von Wirtschaftsdaten eingebürgert hat. Gute Zahlen werden bei daraufhin fallenden Kursen als anziehende Wirtschaft mit steigenden Zinsen interpretiert, die schlecht für Aktien seien. Steigen die Kurse bei guten Wirtschaftsdaten, so wird sich die gute Lage so positiv auf die Erträge der Unternehmen auswirken, dass ein Zinsschritt gar kein Problem sondern eher eine Bestätigung des Aufschwungs ist. Fallen die Kurse bei schwachen Daten, so liegt es daran, dass die Erträge so stark fallen, dass die Zinssenkung von fast null auf noch näher an null wohl nichts ändern und steigen die Kurse bei schwachen Daten, dann ist die Wirkung der Zinssenkung oder der ausgebliebenen Erhöhung der alles entscheidende Segen. Ganz einfach. Und früher dachte man, Wirtschaft müsse man studieren. Einfach warten, was passiert und dann die passende Senftube herausholen.

1

Immerhin werden durch den Zirkus „Einen in der Krone“ sowohl die Notenbank-Interpreten als auch deren Zuhörer bei Laune gehalten. Die ersten bekommen sogar Geld dafür. Auch eine andere Spezies, die Renditejäger, werden bei Laune gehalten. Denn wenn schon die reale Nachfrage nicht zulegt, dann doch wenigstens temporär die Assetpreise. Wie dies zustande kommt, ist beängstigend.

Man treibt die Anlegerschar zuerst aus der Liquidität heraus in die besicherten Anleihen, dann von den Pfandbriefen in Unternehmensanleihen und schlussendlich in die High Yield Bonds. Von da ist es ein kleiner Schritt hinein in die Aktien oder auch mal, als Beimischung, in die analytisch nicht bewertbaren CoCo-Bonds. Auch Beimischungen können weh tun, wie man nicht erst seit „Arsen und Spitzenhäubchen“ weiß. Es klingt aber besser als wenn man sagt, man haben 10% in nicht bewertbaren Papieren angelegt, die man nicht im Ansatz verstanden hat. Kreativität ist eben alles und reden muss man können, vor allem sich herausreden.

Damit auch jeder dabei sein kann, wird den Leuten im großen Stil nahegelegt, das Nachdenken aufzugeben und sich einen Index zu kaufen, weil der besser laufe als das, was man mit einer Auswahl einzelner Aktien bewerkstelligen kann. So kaufen alle munter weiter über den Index die E.Ons und CoBas dieser Welt und erfreuen sich 90%iger Kursverluste, die natürlich – wie bei Glencore und Konsorten – aus dem nichts kamen. Es könnte sich vor der nächsten Abwärtsbewegung lohnen, einen Blick auf den Anteil der von Fonds gehaltenen Bestände einiger Aktien anzuschauen.

Wer soll sich das alles auch noch anschauen? Vier Wochen Vorbereitung auf Draghis Eiertanz. Dann zwei Tage darüber reden und wieder ein paar Wochen vorbereiten. Die vielen Zahlen, die ganzen Fazilitäten und Aufkaufprogramme, das kann sich keiner merken. Es kann doch nur steigen. Und mehr will keiner wissen. Wer will sich schon gegen die Prophezeiungen der Schweineknochen stellen.

 

Schlagworte: , , , ,

4 Kommentare auf "Im Zirkus „Einen an der Krone“"

  1. Insasse sagt:

    Sehr geehrtes Bankhaus Rott,

    direkt nach dem Lesen der Überschrift stand quasi schon mein Kommentar fest: Die Überschrift „Einen an der Krone“, sei ja durchaus der ergänzenden Vermutung würdig, dass die Protagonisten wohl auch „Einen in der Krone“ haben. Weiter unten im Artikel sind Sie dann selbst umgestiegen auf: „Einen in der Krone“, womit ich mir diesen Kommentar ersparen kann. 😉

    Deshalb bleibt mir nur noch, auf Ihre Eingangsfrage zu antworten: Nein, ich kann es auch nicht mehr ertragen. Nichtnutze wohin man schaut (Ausnahmen bestätigen nicht mal mehr die Regel). Der Markt komplett außer Kraft gesetzt. Das kann nicht gutgehen.

    Trotz allem zünden wir übermorgen das dritte Lichtlein an und trösten uns einstweilen mit einem motivierenden „Alles wird gut.“.

    Einen schönen dritten Advent aus der Anstalt vom Insassen

  2. Ernst Jünger sagt:

    Guten Tag,

    ich zitiere:
    „Look I probably should have told you this before but you see…well…insanity runs in my family. It practically gallops.“ – Mortimer Brewster (Arsen und Spitzenhäubchen)

    Allerdings war eigentlich nicht der Wahnsinn, sondern Barmherzigkeit die Triebfeder, die Konsumenten der Beimischungen nach Panama zu schicken. Schmerzen hatten Sie aber keine. Und Sinn für die Allgemeinheit war es, der Teddy den Kanal für die Opfer des Gelbfiebers graben lies. Die Giftmischer und Totengräber landeten am Ende in Seelenfrieden, der Verbrecher im Gefängnis, die Leichen blieben im Keller, und Mortimer konnte die Ehe fortführen.

    Ob das heute, wo der Wahnsinn nicht nur in der Familie auftritt, auch so gut ausgehen wird?

    Mir ist übrigens bewusst, dass man den Film oder das Theaterstück gesehen haben muss, um meinen Kommentar zu verstehen. Tun Sie es, das Stück ist sehenswert. Und Sie werden sehen, dass die Oberfläche der Normalität proportional mit dem Grad der Intensität der Politur immer dünner wird.

  3. Lickneson sagt:

    Wieder mal eine „ausgetrocknete Dattel“ taufrisch präsentiert, wertes Bankhaus. In der Tat ist das Ermüdungstheater der Geldjongleure kaum noch zu ertragen. Die FED Galaabende will ich seit dem letzten Termin nicht mehr kommentieren – bislang klappts. Unsere „Geldhüter“ stehen dem leider in Nichts nach. Wahrscheinlich wird es in Kürze die „Zinsentscheidung“ als Serie oder Dokumentation auf N-tv geben, von Christian Brückner kommentiert ist sogar eine Live – Übertragung aus dem Innern einer Parmesanreibe hochspannend. Und das Beste an der Endlosschleife wird das Ergebnis sein….ein Hauch von Nichts.Gut das ich kein Geld habe, das ich verlieren kann.

    PS: Schöner Titel!!

  4. Argonautiker sagt:

    Das man das nun endlich als Wahnsinn erkennt, ist natürlich reichlich verspätet. Leider meinen die Meisten, lediglich die letzten Ausgeburten seien vom Wahnsinn befallen. Ich glaube, es verhält sich allerdings etwas anders.

    Der Ursprung dieses Wahnsinns liegt schon darin, den Irrglauben zu verbreiten, (und sich daraus zu ernähren) daß Materie mehr Materie erzeugen kann. Weder Geld noch Gold noch was auch immer für eine Materie kann das in Wirklichkeit.

    Da die Materie das nicht kann, hat man unzählige von Geschichten erfunden, die letztendlich dahin führten, die Erschaffenden zu verwirren, und sie, und ihre Erträge anzuzapfen. Dieses Prinzip hat nun eine Maßlosigkeit erreicht, daß es die Erschaffenden aufzehrt, wodurch der Wahnsinn offenbar wir.

    Geld in seinen Diversen Formen, ist EINES der Werkzeuge, um dieses Leistungslose Prinzip zu vollziehen. Waffen sind ein anderes Werkzeug, und Besitz ein weiteres Werkzeug.

    Final läuft es immer auf das Vertauschen der aus sich bestehenden Hierarchien hinaus die man durchaus als die wirklichen Gesetze bezeichnen kann. Diese aus sich bestehenden Gesetze wurden durch Menschen gemachte Regeln, die sie als das Recht deklarierten, verdrängt.

    Haben oder Sein, ist wieder einmal die Frage. Unser sogenanntes Recht, wurde nachdem die Römer ihre Eroberungen vollzogen hatten, an den so eroberten Besitz gebunden. Damit wollten die Römer ihre Eroberungen sichern.

    Eroberungen, darf man, wenn man es mal nicht aus der Sicht des Siegers sieht, durchaus auch als Raub ansehen. Das römische Recht, auf das alle westlichen Rechte gründen, ist also das Recht, die geraubte Materie,(Land und Güter), in der Form zu sichern, daß es mittels des Rechtes, fortan immer ihnen gehören sollte. Rechtlich! Man hatte sich das Recht genommen es Anderen wegzunehmen, und wollte es nun dagegen sichern, daß man es Ihnen wieder wegnahm.

    Damit entzogen sie einer lebendigen Welt, die eigentlich für jeden frei zugängliche Materie, indem sie sie auf wenige Besitzende, die Kaiser, Könige, und ähnliche, privatisierten, sodaß sie sich fortan das Recht heraus nahmen, zu bestimmen, was man mit dieser, ihrer Materie, machen dürfe, und was nicht. Das Sklaventum entstand, welches fortan tun mußte, was die Herren befahlen, da ihnen nichts gehörte.

    Das heilige Römische Reich zerfiel zwar, aber das römische Recht und die Besitztümer und vor allen Dingen der Irrtum, des Glaubens and den Besitz, und die Bindung des Rechts an den Besitz, lebten weiter.

    Um diesen Besitz noch auszudehnen, begann man Händler auszuschicken. Um die Ausdehnung ihres Besitzes, mittels des Handels, zu sichern, entstanden in Folge die Handelsgesetze, welche die Händler und dem Handel und die so entstandenen Kolonien sicherten. Wenn irgendwann alles erobert, besessen und gehandelt ist, wenden sich diese Drei gegeneinender.

    Aktuell findet nun genau dieser Kampf zwischen diesen Drei Rechten statt. Dem Eroberungsrecht/Kriegsrecht, dem Besitzrecht, und dem Handelsrecht. Aus diesem Kampf, der nur Verlierer gebären wird, dürfte wahrscheinlich das erste Recht entstehen, welches das Sein zur wichtigsten Grundlage erklärt.

    Warum?

    Weder das Erobernde besteht aus sich, da es das zu Erobernde bedarf um erobern zu können. Noch das Besitzende besteht aus sich, da er dessen Bedarf, was er besitzen will. Und auch der Handel besteht nicht aus sich, da er das zu Handelnde bedarf. Alles was erobert, besessen, gehandelt, werden will, muß jedoch erst einmal erschaffen werden. Folglich besteht einzig das Erschaffende, aus sich, da dies ein Vorgang aus sich selbst ist.

    Gründet man sein Reich nun auf das Erobern, kommt der Tag, an dem alles erobert ist, dann ist das Ende Nahe. Gründet man sein Reich auf den Besitz, und man besitzt irgendwann alles, ist das Ende nahe. Gründet man sein Reich auf den Handel, und man hat irgendwann alles Ge- oder Verkauft, ist auch da das Ende gekommen.

    Alle Drei stützen sich nämlich auf die Erschaffenden, die das erst erschaffen, was es zu erobern, besitzen und zu handeln gilt. Wenn man das Recht, wie in den letzten 2000 Jahren geschehen, an diese Drei Abhängigen, und nicht an die Erschaffenden knüpft, werden diese Drei, die Erschaffenden aufbrauchen, woraus im Aufgebraucht sein, unweigerlich ein Niedergang erfolgt.

    Knüpfte man die Grundrechte jedoch an das Sein, und damit an die Erschaffenden, dann wäre die Basis zu einer Entwicklung in die Unendlichkeit, ohne periodisch erfolgende Niedergänge der Kulturen gelegt, bei dem weder das Erobernde, noch das Besitzende, oder der Handel entfallen würden, sondern ihnen lediglich DER Status zukäme, den sie aus sich selbst innehaben. Sie sind abhängig, und deshalb haben sie dem Erschaffenden zu dienen.

    Eroberer, Besitzer, Händler, verneigt euch vor denen, von denen ihr Abhängig seid. Nehmt ihr sie als Sklaven, seid ihr es um so mehr, denn in Wirklichkeit, steht ihr unter ihnen.

    Den Wahnsinn, den wir gerade erleben, ist also keine Sache von ein paar dümmlichen Entscheidungen seitens einiger Narzißtischer Oberbanker, sondern der Irrtum eines 2000 Jahre alten Denkens.

    Ändert sich dieser Grundlegende Irrtum nicht, wird die Welt weiterhin in der Gefangenschaft des ewigen Aufbauens und wieder Zerstörens gefangen bleiben, ohne je der wirklichen Entwicklung fähig zu werden, da die Kulturen so nicht umhinkommen sich auf ihrem
    Höhepunkt, erst zu überreizen, und final dann wieder zu zerstören.

    Die Krone denen, denen sie gebührt.

    Schöne Grüße aus Bremen

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.