Im sinkenden Schiff über Kliff und Riff

6. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer)

Die USA sind ja für gute Shows bekannt. Angesichts ihrer desolaten Finanzen und des sich daraus ergebenden sozialen Elends, bleibt nur, die Lage mit gespielten Witzen zu flambieren…

Der wochenlange Streit über den US-Haushalt war ein weiterer Höhepunkt, der mit einem faulen Kompromiss Zwischenstopp machte, aber mit keiner Lösung für die 16,4 Billionen US-Dollar Staatsschulden. Gibt es auch nicht. Dennoch hat das die Börsen als Endsieg und mit weiteren Blähungen der Kurse gefeiert. Ob sich das auch in der kommenden Woche fortsetzt? Fraglich.

Das Geschäftsmodell der USA basiert zu 70 Prozent auf Konsum. Das Ausland produziert. Die USA konsumieren und liefern grüne Dollarscheine gegen Waren. Amerika besitzt die Weltleitwährung. Damit können sie die Welt vergiften, bis das Ausland diese Scheine ablehnt. Das Problem aber sitzt tiefer: Die US-Konsumgesellschaft ist ausgelaugt und überschuldet. 48 Millionen Amerikaner erhalten Lebensmittelkarten. Offiziell sind 12,2 Millionen Amerikaner arbeitslos, während aber 89,4 Millionen der über 16-Jährigen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Erstaunlich!

Da trifft es sich gut, wenn der Stand des Dow Jones oder Aktienkurse generell mit Wohlstand verwechselt werden und gleichzeitig die FED die Zinsen und Kosten für neue Kredite in Richtung Null manipuliert – für noch mehr Konsum. Der Gestank der sozialen Fäkal-Klippe bleibt im Hintergrund, wie etwa das Siebtel der Amerikaner, die Lebensmittelhilfe erhalten, das eine Prozent, das in den US-Gefängnissen sitzt oder dass nur die Hälfte der Leute über 16 Jahren arbeiten gehen.

Da bleibt nur das Prinzip Hoffnung, sich von Klippe zu Klippe zu hangeln, Statistiken zu biegen und vor Veröffentlichung so lange zu verprügeln bis sie passen. Münchhausen ist in der US-Statistik auferstanden, George Orwell und Harry Potter spielen die Musik – solange es gut geht.

©Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten (Langfassung)



Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , ,

4 Kommentare auf "Im sinkenden Schiff über Kliff und Riff"

  1. Lickneeson sagt:

    Eines muss man den Amis lassen.Ihre Politik im Alltag spiegelt zu 100 % ihren Wahlkampf wider.Groteske Figuren wetteifern im Phrasenmähen im „kommunistischen Dauerjubel der Fähnchenschwenker“ ihrer Jünger.Das „Cliffhanger-Debakel“ hat ja wohl niemand ernst genommen.Ein Trauerspiel und ebenso wertlos wie jede Klimakonferenz.

    Kante zeigen mit Schwarzweissmalerei und mit blasphemischem „God bless America“ Gefasel abtreten.Die echten Probleme bleiben nebulös, Schuld hat jeweils der andere….blablablub.

    Absurd mit welchen Mitteln die „mächtigste Nation“ der Welt versucht sich neu zu erfinden.Das einzige, was in Übersee funktioniert, scheint das Militär zu sein.

    Bin gespannt, wann es drüben erste Strassenschlachten und Grossdemos gegen das Wall Street Pack und die Goldmann Apostel gibt.

  2. 4fairconomy sagt:

    Die Staatsschulden sind die logische Konsequenz eines Systems, welches niemals auf Dauer funktionieren kann:

    Die Erwerbstätigen produzieren 100% des Sozialproduktes. Sie erhalten dafür z.B. 80% der Einnahmen, 20% gehen an das Kapital. Die Erwerbstätigen können maximal 80% des Sozialproduktes kaufen. Der grösste Teil der Kapitalerträge und ein Teil der Erwerbseinkommen will angelegt werden. Ein Teil der Anlagen wird aufgebraucht z.B. im Alter. Dies hilft der Markträumung ohne, dass die Verschuldung zunehmen muss.

    Aber ein Teil der Anlagen wird nie angetastet und die Erträge wollen immer wieder gewinnbringend angelegt werden. Dies erzwingt eine Markträumung durch Ausgaben auf Pump, und zwar immer mehr, je grösser der Anteil der Einnahmen aus dem Verkauf des Sozialproduktes wird, der nur eine Anlagemöglichkeit sucht.

    Dies ist die Ursache der Schulden- und Vermögenswachstumsspirale sowie des Wachstumszwangs. Nur dann können sich Unternehmen zu Investitionszwecken immer mehr verschulden. Dafür müssen sie, nach der Verschuldungs- bzw. Investitionsphase, an Wert mehr Güter verkaufen können, als sie je gekauft haben. Dafür müssen sich neue Unternehmen verschulden usw. Wenn sich nicht mehr genügend Unternehmen verschulden, muss der Staat einspringen. Und wenn dieser genügend überschuldet ist, muss die Notenbank einspringen mit immer mehr neuem Geld.

    Dies muss nicht sein, wenn wieder mehr der Erträge in den Konsum fliessen oder gespendet werden und weniger angelegt wird – z.B. weil die Anlagekonditionen zu schlecht werden (hier würden Anlagezinsen, welche unter null fallen können, greifen). Dies würde bedeuten, es wird gesamtwirtschaftlich gesehen kein Privatvermögen mehr angehäuft. Vermögensentwicklung und Wirtschaftsentwicklung gingen miteinander einher, wobei die Wirtschaftsentwicklung bestimmend wäre und nicht umgekehrt.

    Eine Erbschaftssteuer (progressiv bis zu 100% ab dem Maximalbetrag von z.B. 80x dem Jahresgehalt des Staatspräsidenten, dies pro Erbe – mehr braucht kein Mensch zu vererben und zu erben) ist ein geeignetes Mittel, um das System wieder ins Lot zu bringen, in dem die Ersparnisse derjenigen, welche ein Leben lang (oder über Generationen) mehr eingenommen haben als ausgegeben, wofür sich andere verschulden mussten, nun dem Konsum zugeführt werden. Es wäre auch ein Anreiz, nicht unnötig viel zu Sparen bzw. Vermögen anzuhäufen.

    Zudem ist Geld Macht. Erbschaften ab einer gewissen Höhe zerstören die Chancengleichheit und die Demokratie durch ein zu hohes Machtgefälle, welches über Generationen bis ins unerträgliche zunehmen kann.

    • FDominicus sagt:

      Nun auch wenn es Sie schmerzen wird in leichter Abwandlung kann man schreiben: Kapital ist nicht alles aber ohne Kapital ist alles nichts.
      Und Kapital bildet man sicherlich nicht durch 110 % Verbrauch. Kapital bildet man indem man etwas weniger ausgibt als einimmt. Probieren Sie es einfach mal aus und Sie werden überrascht sein, Sie haben immer noch ein paar Euros oder was auch immer in der Tasche.

      Ihr Bashing der Kapitalgeber, ist einfach zu wiederlegen. Sie können noch nicht einmal Ihren Garten umgraben ohne das ein Kapitalist Ihnen einen Spaten baut….

      • 4fairconomy sagt:

        Es geht nicht um Bashing der Kapitalgeber. Es geht um die Kritik des Systems, dessen Rahmenbedingungen es nicht ermöglichen, dass sich die Ansprüche des Kapitals an die Konjunktur anpassen sondern umgekehrt, sich die Konjunktur den Ansprüchen des Kapitals anpassen muss.

        Sie haben recht, so lange die materiellen Bedürfnisse nicht gesättigt sind, ist sparen zur Kapitalbildung nötig und soll – gemäss Angebot und Nachfrage – auch belohnt werden. Solange ein exponentielles (!) Wachstum einem Bedürfnis der Menschen nach Vermehrung ihres materiellen Wohlstandes entspricht, funktioniert das heutige System.

        Der Kapitalismus-Quickie lautet: Sparen ermöglicht ein exponentielles Wachstum – das ist nach dem Krieg. Sparen erzwingt ein exponentielles Wachstum – das ist vor dem Krieg. Meine obige Darstellung bezieht sich auf die 2. Phase.

        Wenn genug Spaten, genug der noch so perfektionierten Produktionsmittel vorhanden sind, braucht es Menschen, welche mit ihrer Kaufkraft die Produkte konsumieren wollen und können. Irgend wann kann nicht immer mehr gewinnbringend gespart, investiert und produziert werden. Die gewinnbringenden Sparmöglichkeiten erschöpfen sich mit zunehmender Produktivität und Marktsättigung. Leider gibt es kein Preis, welcher diese Entwicklung widerspiegelt, vor allem ab wann zuviel gespart wird. Insbesondere versagt mit dem heutigen Geldsystem der Zins als Gleichgewichtspreis (Liquiditätsfalle). Dann braucht es zuerst die Staatsverschuldung und dann die Inflation bzw. das Gelddrucken, um dem Zuvielsparen entgegenzuwirken. Alles weder gerecht noch nachhaltig Wohlstand sichernd.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.