Im ökonomischen Fantasialand

20. Oktober 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Der Finanzmarkt ist eine wundervolle Arena, in der zu jeder Zeit die passenden Gäule ihre Kreise im Zelt drehen dürfen. Bis zur Jahrtausendwende waren dies die Zinsklepper. Sinkende Langfristrenditen und damit steigende Bonds und Aktien ließen viele Investoren in einem Glanz erscheinen, zu dem Sie genauso wenig beigetragen haben, wie die Milchkühe zur Eierausbeute eines Landwirts…Auch Machthaber aller Herren Ländern sonnten sich im Lichte eines Fantasieaufschwungs, zu dem sie nur durch dauerhafte Kreditaufnahme beisteuerten. Keine Meisterleistung…

Seit den 60ern lag die Wachstumsrate der öffentlichen Verschuldung höher als die der Wirtschaftsleistung. In absoluten Beträgen aber wuchs das BIP in frühen Jahren schneller als das BIP.  So legte das Bruttoinlandsprodukt der USA zwischen 1967 bis 1980 um $214 Mrd. zu während die Kredite um $56 Mrd. anschwoll. In den 80ern, der Geburtsstunde der FIRE Ökonomie (Financial, Real Estate, Insurance), nahm das Unheil seinen Lauf und der Boden für spätere Krisen wurden bereitet. Die kurze Phase auch relativ zu den Ausgaben steigender Staatseinnahmen im Endspiel der Aktienblase in den späten  90ern Jahren war nur eine Atempause.

Ein Großteil der damals eingenommen Steuern ist direkt und indirekt auf die FIRE Sektoren zurückzuführen. Unternehmen und Private investierten massiv im Kapitalmarkt. Wie in der Nahrungskette profitierten zahlreiche nachgelagerte Branchen von dem Irrsinn, aus jeder Transaktion schnitten sich zahlreiche Teilnehmer ihr Scheibchen heraus. Auch das Finanzamt konnte nicht klagen. Kapitalertragssteuern und kreditinduziert angeheizte Umsätze des Finanzsektors sorgten für volle Kassen. Mit dem Platzen dieser Seifenblase zogen über dem Staatshaushalt wieder die bekannten Wolken auf. Seit dem Ende des Jahrtausends geht es konstant in eindrucksvollem Tempo bergab. Bemerkenswert, wie wenig selbst der mit Subventionen befeuerte Immobilienboom in den Staaten an der langfristigen Misere ändern konnte.

Der zur Jahrtausendwende begonnene Trend ist keine statistische Anomalie. Die Zahlen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Im Mittel nahm die öffentliche Hand in den vergangenen fünf Jahren für jeden Dollar Wachstum drei Dollar an weiteren Schulden auf. Hut ab – es gab einige mittlerweile insolvente Unternehmen des Neuen Marktes, die solider aufgestellt waren. Wohin auch immer der Staat die Gelder pumpte, einen großartigen Ertrag brachten  sie nicht ein. In Zeiten, in denen Produktdesign mit technischem Fortschritt verwechselt wird, ist dies allerdings eher eine Fußnote der Geschichte.

Der oben stehende Verlauf zeigt deutlich, wie die öffentliche Hand gegen den Effekt des Delveraging der anderen Sektoren ankämpft. Auf diesem Weg sollen die massiven deflationären Auswirkungen des Kreditabbaus im privaten Sektor entgegengewirkt werden. Diese kurzfristige Handlungsweise trägt in keiner Weise dazu bei, strukturelle Probleme anzugehen. Bisher stellt sich leider nicht der Eindruck ein, die auf diesem Weg sehr teuer erkaufte Zeit würde für notwendige Maßnahmen genutzt. Wie sehr die US-Wirtschaft auf dem Schuldengaul fröhlich lachend in die Konsumfalle getappt ist, zeigt die folgende Grafik. Sie zeigt die Entwicklung der Schulden aller Sektoren – Staat, Unternehmen und private Haushalte – im Verhältnis zum Wachstum des BIP.

Kurz nach der Jahrtausendwende wurde die Nulllinie übersprungen, seither zeigt der Trend steil nach oben. Jeder Dollar an neuen Krediten führt zu einer Steigerung des BIP, die unter einem Dollar liegt. So kann das Verhältnis der Gesamtverschuldung zum BIP nicht schrumpfen. Bemerkenswert ist dies vor dem Hintergrund, dass die nicht-staatlichen Sektoren die Verschuldung seit Anfang des Jahres 2009 um rund $2.000 Mrd. reduziert haben. Dennoch steigt die Kurve selig weiter an, weil der Staat einspringt. Wenn der Bürger und die Unternehmen schon keine Schulden machen wollen, dann verschuldet sich halt der Staat für ihn. Reiner Service im großen Land der Dienstleistungen. (Seite 2)


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