Im Euroraum spielt sich eine „unsichtbare“ Währungskrise ab. EZB finanziert Zahlungsbilanzdefizite und Kapitalflucht.

24. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Für Länder, die positive „TARGET2-Salden“ ausweisen – wie vor allem die Bundesrepublik Deutschland, wird es ruinös, wenn die EZB so weiter macht wie bisher…

Unter einer Währungskrise wird eine volkswirtschaftliche Krise verstanden, die einhergeht (1) mit Kapitalflucht, (2) einer starken Wechselkursabwertung und (3) einer ausgewachsenen Finanz- und Wirtschaftskrise eines Landes.

Im Grunde spielt sich eine solche Währungskrise – sie kann auch als Zahlungsbilanzkrise bezeichnet werden – im Euroraum der 17 Nationen seit geraumer Zeit ab, und zwar bis vor kurzem nahezu „unsichtbar“. Eine Reihe von Staaten ist seit Krisenausbruch nicht mehr in der Lage, sich wie bisher auf Pump über die Kreditmärkte zu finanzieren. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist deshalb in die Bresche gesprungen: Sie finanziert das, was private Investoren nicht mehr bereit sind zu finanzieren.

Die EZB finanziert zum einen die Zahlungsbilanzdefizite der Krisenländer, die daher rühren, dass diese Länder seit Jahren chronisch mehr importieren als sie exportieren, also auf ausländisches Kapital angewiesen sind.

Zum anderen finanziert die EZB auch die Kapitalflucht aus den Krisenländern in andere Euroraum-Länder. Die Kapitalflucht hat dabei zwei Erscheinungsformen:

(1) Private Investoren sind nicht mehr wie bisher bereit, Krisenländern neue Kredite zu geben; (2) private Investoren ziehen ihr Geld ab, sobald die Kredite, die sie zuvor vergeben haben, fällig werden. Am deutlichsten tritt die Währungskrise in Griechenland zutage. Die wachsende Sorge vor einem Euroaustritt des Landes veranlasst Investoren – und es sind nicht mehr nur „informierte“ institutionelle Investoren, sondern zusehends auch „normale“ Sparer –, ihr Geld aus Griechenland abzuziehen und es (unter anderem) nach Deutschland zu verlagern. Die Kapitalflucht aus Griechenland geht nun aber nicht mit einer Abwertung der griechischen Währung einher – schließlich verwenden ja alle im Euroraum den Euro als Geld. Und das hat zur Folge, dass keine „stabilisierende“ Wechselkursanpassung entsteht, die der Kapitalflucht entgegenwirkt.

Im Euroraum müssen daher die Preise (dazu zählen Löhne und Preise für Unternehmensanteile, Grundstücke, Häuser etc.) die ökonomisch notwendige Anpassung übernehmen. Sprich: In den Krisenländern müssen sie absinken. Zudem müsste auch eine Wanderung von Arbeitskräften einsetzen: Abwanderung aus dem Pleiteland, Zuwanderung in die als relativ attraktiv(er) erachteten Länder. Dies übt eine lohnsteigernde Wirkung in dem Abwanderungsland und eine lohnsenkende Wirkung in den Zuwanderungsländern aus.

Die Kapitalflucht aus einem Krisenland kommt dann zum Stillstand, wenn die inländischen Löhne und Preise soweit abgesunken sind gegenüber den Preisen im Ausland, dass Nachfrage aus dem Ausland (wieder) einsetzt. Das kann natürlich bedeuten, dass ein Krisenland, seine Banken und Unternehmen im Zuge einer solchen Anpassung Konkurs gehen. In den Ländern, in die das Geld flieht, kann es zu einem Preisauftrieb (bei Aktien, Häusern, Grundstücken etc.) kommen, verbunden mit einem (kurzfristigen) konjunkturellen (Schein-)Aufschwung.

Weil aber all diese ökonomischen Anpassungen aufgrund politischer Erwägungen nicht hingenommen beziehungsweise „abgemildert“ werden sollen, werden derzeit folgende Politiken verfolgt:

(1) Die Europäische Zentralbank (EZB) verhindert die Pleite von Krisenländern, indem sie deren Zahlungsbilanzdefizite und die Kapitalflucht mit einer Geldmengenausweitung finanziert: Sie stellt den Banken und Staaten jede gewünschte Geldmenge bereit, um sie zahlungsfähig zu halten.

(2) Regulative Maßnahmen werden ergriffen (oder angedacht), um die Kapitalflucht zwischen den Ländern aufzuhalten. Hierzu zählt z. B. das Einführen einer Euroraumweiten Versicherung für Bankeinlagen (oder der Erlass von Kapitalverkehrskontrollen).1 Beides würde den Anreiz für grenzüberschreitende Kapitalbewegungen reduzieren beziehungsweise erschweren.

Mittlerweile kann die Währungskrise im Euroraum nicht mehr vor der Öffentlichkeit verborgen werden: Die Finanzierung von Zahlungsbilanzdefiziten und Kapitalflucht durch die EZB ist in den berühmt-berüchtigten „TARGET2- Salden“ zum Vorschein gekommen.

Die TARGET2-Salden zeigen die Guthaben, die die Deutsche Bundesbank bei anderen Zentralbanken im Eurosystem aufgehäuft hat; vielfach werden die TARGET2-Salden der Bundesbank auch als Kredite an andere Zentralbanken interpretiert. TARGET2-Salden – was die Deutsche Bundesbank (ursprünglich, im März 2011) dazu sagte:

”Für die Bundesbank ergibt sich aus dem Anstieg ihrer TARGET2-Verrechnungssalden unmittelbar keine Veränderung ihrer Risikolage. (…)

Ein Verlustfall tritt nur dann ein, wenn ein Geschäftspartner des Eurosystems ausfällt und die von ihm hinterlegten Sicherheiten bei ihrer Verwertung trotz der vom Eurosystem angewandten Risikokontrollmaßnahmen nicht den vollen Wert der damit abgesicherten Refinanzierungsgeschäfte einbringen. Er trifft immer das Eurosystem als Ganzes, unabhängig davon, bei welcher nationalen Zentralbank er sich materialisiert. Die Lasten eines solchen Ausfalls würden entsprechend dem Kapitalschlüssel auf die nationalen Zentralbanken verteilt. Mit anderen Worten: Die Risikoposition der Bundesbank wäre unverändert, wenn der ausgewiesene positive Verrechnungssaldo aus TARGET2 nicht bei der Bundesbank, sondern in gleicher Höhe bei einer anderen Notenbank des Eurosystems anfiele.” (Deutsche Bundesbank, Monatsbericht März 2011, S. 35.)

Der Target2-Saldo der Bundesbank belief sich im Mai 2012 auf sage und schreibe 698,6 Mrd. Euro. Das entsprach etwa 27% des deutschen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2011, oder etwa 15% des gesamten deutschen Geldvermögens, oder rund 8.500 Euro pro Bundesbürger. Den deutschen Überschüssen im TARGET2 stehen betragsgleiche TARGET2-Defizite in den Krisenländern gegenüber. So wies zum Beispiel Spanien im Mai dieses Jahres ein Defizit in Höhe von 345 Mrd. Euro aus, Italien eines in Höhe von 274,6 Mrd. Euro. Griechenland hatte im April ein TARGET2-Defizit in Höhe von 98 Mrd. Euro.

Target2-Salden, Januar 1999 bis Mai 2012 in Mrd. Euro

Die TARGET2-Salden haben sich aufgetürmt, weil die EZB mit Ausbruch der Krise die Euro-Basisgeldmenge immer weiter ausgeweitet hat, um Zahlungsausfälle in den Krisenländern zu verhindern… (Seite 2)

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9 Kommentare auf "Im Euroraum spielt sich eine „unsichtbare“ Währungskrise ab. EZB finanziert Zahlungsbilanzdefizite und Kapitalflucht."

  1. wolfswurt sagt:

    Ruinös nicht für Deutschland.

    Spricht nicht des Volkes Mund: „Den Bürgen soll man würgen.“ oder „Der hat, dem wird genommen.“?

    Und wer hat etwas?
    Der Fähige/Fleißige oder der Betrüger, welcher auf seine Art eben auch als fähig zu bennenen wäre.

    Die zwei werden die Opfer einer Ausbuchung von Bits und Bites sein.

    Alle anderen „verlieren“ fiktive Ansprüche auf die Zukunft die sie sowieso real nie hatten.

    Am Ende der Zeit, wann immer dies auch sein mag, trifft sich der Spread von Target-Forderung und Target-Verbindlichkeit wieder bei Null.

  2. Hagen aus Dresden sagt:

    …man kann einfach nur jeden bitten sich an der Petition beim Bundestag zum Stop des ESM-Vertrages zu beteiligen

    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=25090

  3. OutdoorM65 sagt:

    Herr Polleit sollte vielleicht so weit gehen, die Käufer von südeuropäischen Staatsanleihen beim Namen zu nennen. Ich kenne zumindest keinen Privatanleger, der nennenswerte Bestände an diesem Mist hält – eigentlich hält niemand mit Verstand diese Papiere. Fragt sich nun: wer sind die Käufer? Es sind die Investoren, die kein eigenes Geld einsetzen müssen. Dazu gehören in erster Linie Banken, Versicherungen und wahrscheinlich auch die Pensionsfonds von Staat und Unternehmen. Darum kann man dies auch als Zwangsabgabe oder Enteignung verstehen, denn einen wirklichen Einfluss hat man als Einzelperson auf sein Geld doch nicht.

  4. […] viaIm Euroraum spielt sich eine „unsichtbare“ Währungskrise ab. EZB finanziert Zahlungsbilanzdefiz…. Share| Juni 24, 2012 at 1:27 pm by admin Category: EU-Wahnsinn, EUDSSR, EZB […]

  5. Marcus sagt:

    Lieber Autor, ich hoffe Sie lesen das noch.

    Kann man davon ausgehen, dass Fussballspieler Transfers auch in dem Target2 Saldo enthalten sind? Dann finanzieren die Bayern Ihre eigenen Gegner, oder? Wann gehen denn Barca und Madrid pleite? Würde mich freuen wenn Messi, Ronaldo bei Bayern, Dortmund und HSV spielen, dann haben wir wenigsten etwas Spass fürs Geld.

  6. FDominicus sagt:

    Das mit der Finanzierung der „Kapitalflucht“ kann es ja wohl nicht sein.
    Es ist das Geld der Kunden und wenn die Banken es nicht halten können ist es ein Problem der Banken und da die Banken nur im gesetzlichen Rahmen des Staates agieren können ein Problem des Staates. Ja die „Kapitalflucht“ sagt ganz klar: „Wir trauen Euch nicht“ und das kann man den Griechen und anderen Ländern ja nicht krumm nehmen.

    Gesetze zum „sparen“, lies Steuererhöhungen werden doch im Tagestakt geschlissen. Der Diebstahl wird immer weiter getrieben und dazu noch das Geld in den Schwarzmarkt verdrängt. Wie sonst kann es sein, daß Barzahlungen in Griechenland schon ab 1000 € oder so nicht mehr „legal“ sein können.

    Nein das ist eine gute Sache, und nichts wird die Politiker besser stoppen können, als das Austrocknen Ihre Geldquellen. Jeder ¢ der nicht in Griechenland bleibt und den griechischen Staat weiter schädigt ist ein guter ¢.

    Wurde auch nur ein echtes Problem in Griechenland angegangen? Wurden die staatlichen Regulierungen entschärft oder verschärft. Wurden die Gläubiger nicht immer und immer wieder erpresst? Wurde den die privaten Gläubiger nicht enteignet?

    Jeder Cent der dem griechischen Staat von wem auch immer nicht vorenthalten wird ist ein verlorener Cent. Jeder Zahlung wird das Problem nur weiter verschleppen…

  7. Avantgarde sagt:

    „…vielfach werden die TARGET2-Salden der Bundesbank auch als Kredite an andere Zentralbanken interpretiert.“

    Was diese DEFINITIV NICHT sind – und das hätten Sie dazusagen müssen oder besser diese nicht richtige Aussage erst gar nicht tätigen.

    Target2 ist nichts weiter als ein technisches Verrechnungskonto für den Zahlungsverkehr welches zwar einige Dinge anzeigt aber kein eigenes Risiko darstellt.
    Die dahinterliegenden Vertragsparteien wie Importeuer, Exporteure.. und Banken sind die Beteiligten.
    Hätten wir in Euroland keine zusätzlichen Nationalen Zentralbanken so existierte diese Verrechnungskonto gar nicht.


    Nicht jeder ist mit TARGET2 vertraut. Daher möchte ich kurz die buchungstechnischen Zusammenhänge aufzeigen.

    In TARGET2 übertragen Geschäftsbanken einander Zentralbankgeld. Das tun sie für Geldmarktgeschäfte, Wertpapierkäufe,im Kundenauftrag und für vieles mehr.

    Bei einer Überweisung wird das Zentralbankgeldkonto der sendenden Geschäftsbank belastet und das Zentralbankgeldkonto der empfangenden Geschäftsbank kreditiert.

    Haben beide Geschäftsbanken bei derselben Notenbank ihr Konto, ist der Vorgang für das Eurosystem abgeschlossen.

    Haben beide jedoch bei verschiedenen Notenbanken ihre Konten, dann entsteht automatisch auch eine Forderungder Notenbank der empfangenden Geschäftsbank an die Notenbank der sendenden Geschäftsbank.

    Die Summen sind hoch. Aber der TARGET2-Saldo stellt für die Bundesbank
    kein eigenständiges Risiko dar. Das Risiko einer Geschäftsbank wie einer Notenbank
    liegt immer im Kreditbuch, nicht in dem, was der Kunde mit den gewährten
    Krediten macht
    (Carl-Ludwig Thiele, Vorstand der Deutschen Bundesbank)

    Zum Nachlesen:
    http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Presse/Reden/2011/2011_05_23_thiele_zahlungsverkehr_liquiditaetsmanagement_entwicklungen.pdf?__blob=publicationFile

  8. annefrank sagt:

    Michael Krons im Dialog mit Prof. Hans-Werner Sinn

    „Man kann nicht sagen: Hier ist das Geld. Wir geben euch die goldene Kreditkarte“, sagt Hans-Werner Sinn zur Euro-Rettungspolitik der EU IM DIALOG . Der 1948 geborene Sinn ist Präsident des IFO-Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor für Nationalökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er lebt und arbeitet.Michael Krons spricht mit Hans-Werner Sinn über die politischen Fehler im Vorfeld der Finanz- und Wirtschaftskrise, den europäischen Fiskalpakt und über Möglichkeiten, die Europäische Union finanziell wieder in sicheres Fahrwasser zu bringen.

    http://goo.gl/rMXdS

  9. soling sagt:

    Leider ist dies nur ein schlechtes Theaterstück für ein klares Ziel.

    Die Banken können Geld aus dem NICHTS schöpfen. -Fraktionellegeldschöpfung –

    Sie leihen dieses erfundene Buch-Geld gegen Zins den Staaten und der Bürger muß per Steuern für Zins und Tilgung haften!

    Und wenn der Staat das erfunde Geld aus dem Nichts nicht zurückzahlen kann, muß er sein Tafelsilber an diese Banken herausrücken – Griechenland läßt grüßen-

    Wir werden es erleben, die verschuldeten Staaaten holen die Assets im Falle eines Bankrotts auch von ihren Bürgern für die Banker!

    Fiat Money gegen Sicherheiten.

    Was für eine grandiose Geschäftsidee.

    Für den Bürger ist das ein Megabetrug, leider erkennt er es nicht.

    Im Gegensatz dazu ist die Bank of China ein Hort des Vertrauens und der Zuversicht. Sie schöpft das Geld aus der Macht und Kraft des eigenen Volkes ohne Zinsverpflichtung gegen Dritte und kann später großzügig auf die Rückzahlung verzichten, wenn mit dem FIAT MONEY etwas geschaffen wurde.

    „Wir stehen am Beginn eines weltweiten Umbruchs. Alles, was wir brauchen, ist die eine richtig große Krise und die Nationen werden die „Neue Weltordnung“ akzeptieren.“
    Wer wars?
    Wen es interessiert z.B. hier nachlesen.
    http://www.flegel-g.de/2012-05-13-offshore-finanzplaetze.html

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