Illusionen, in denen wir leben…

4. Dezember 2008 | Kategorie: Kommentare

Vor Schreck lasse ich morgens die Zeitung mindestens dreimal fallen und schreie dreimal laut auf. Wenn ich auf die Schlagzeilen schaue, durchzuckt mich die Frage, in welcher Welt wir eigentlich leben. Aus Spaß hatte ich vor ein paar Wochen gemeint, man sollte doch jedem Deutschen 500 Euro auf die Hand geben, gemeint als Weihnachtsgeschenk, um endlich mal wieder richtig shoppen zu gehen… Nun wird diese Idee leider auch noch begrüßt…

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, die sofort implodiert, wenn der Konsum nicht explodiert. Obwohl in den Schlagzeilen steht, dass die Einzelhändler vor Freude den Christbaum knutschen, weil das erste Adventswochenende so toll gelaufen sein soll, feuert es aus manchen Reihen der Politik seltsame Forderungen, uns mit Steuerschecks nach amerikanischem Vorbild zu beglücken. Wir leben offenbar in einer Welt, die ohne Konsum zum Untergang verurteilt wäre. Was essen die Leute, die solche Gedanken produzieren? Das möchte ich auch probieren, auch wenn mir schlecht dabei wird, nur um zu wissen, wie schädlich es ist.

Sollte ich solch einen Steuerscheck im Briefkasten finden, werde ich mich wohl wieder an das Graffiti an der Dresdner Bank in Berlin-Kreuzberg aus dem Jahre 1989 erinnern. „Was Sie Euch heute schenken, werden Sie doppelt und dreifach wieder von Euch nehmen“ stand damals dort an die Wand gesprüht, als es 100 D-Mark Begrüßungsgeld für die Ossis gab. Das haben uns die Westdeutschen damals erklärt. Wie recht sie doch hatten.

Ein 500 Euro Steuerscheck ist meiner Meinung nach ein Ausdruck der Hilflosigkeit, in einer Zeit, in der die Mehrarbeit der letzten Monate zur Kurzarbeit von heute geworden ist. Und es gibt immer noch Experten, die nicht wahrhaben wollen, dass wir uns nicht nur in einer zyklischen Abschwungphase befinden, sondern inmitten des Offenbarungseides des heutigen Geldsystems.

Lasst die Zombies doch in Ruhe und auch mit Würde untergehen und damit Platz freimachen für etwas Neues, und für etwas Besseres, lese ich in Kommentaren.

Was wäre so schlimm, wenn der eine oder andere Autobauer vor allem aus den Land der unbegrenzten Möglichkeiten über die Wupper geht. Die Autos der vielleicht bald durch Steuergelder geretteten Hersteller wird doch keiner kaufen, wenn er kein Geld hat oder keinen Bedarf, oder beides zusammen. Sie kommen noch mit dem Flugzeug zum Betteln angeflogen. Ich würde ihnen nicht einen Dollar geben, selbst wenn sie auf Knien daherkämen. Es gibt zuviele Autos. Der Markt ist satt.

Es ist eine Doppelmoral, auf der einen Seite der Umwelt etwas Gutes tun zu wollen und gleichzeitig den Halbtoten Steuergelder nachzuwerfen. Lasst sie doch in Frieden untergehen. Gleichzeitig wird CO2 als Umweltgift verschrien, obwohl es gleichzeitig ein Stoff ist, von dem sich Pflanzen ernähren und das wir Menschen ausatmen. Vielleicht wird bald das Ausatmen verboten bzw. besteuert? Im Notfall könnte man doch den Auto-Soli für Eisbären einführen.

Man ist heute der Meinung, es wäre eine Katastrophe, wenn wir eine Zeit mal weniger konsumieren? Es würde alle die aus dem Markt spülen, deren Produkte trotz großer Marketingaufwendungen keiner braucht. Na und? Wenn die uns eventuell geschenkten 500 Euro ausgegeben würden, wäre es zugleich ein Konjunkturprogramm für das Ausland, ein Konjunkturprogramm für Länder, in denen wir sooooo kostengünstig produzieren, und zu Hause unter Shareholder-Value-Aspekten applaudierend die Arbeitsplätze streichen konnten.

Freie Märkte atmen ein und atmen aus. Unsere sogenannten freien Märkte haben durch Aktionen und Reaktionen der Notenbanken und Regierungen so viel Luft in den Lungen, dass ein Steuerscheck der Aufforderung für einer Brustkorbvergrößerung gleichkäme. Jetzt, da die Märkte aus der Phase der Hyperventilation in die Phase des Verschnaufens übergehen wollen, sollen sie daran gehindert werden. Das soll die Lösung sein? Das kann nur schiefgehen. Und das wird es. Deshalb weiß ich noch nicht, was ich tun soll, wenn die Post mir einen Steuerscheck zukommen lässt. Lachen oder Weinen…

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