Illusionen und harte Realitäten

5. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Es galt als ausgemachte Sache: Der Ölpreis kennt nur noch eine Richtung – nach unten! Immer mehr wurde die Talfahrt nach dem Motto „Die Baisse nährt die Baisse“ zum Selbstläufer. Einen ähnlich dramatischen Preissturz gab es nur im Jahr 2008…

Auch damals war interessanterweise Russland in einen äußeren Konflikt verstrickt – mit dem von den USA unterstützten Georgien. Russland intervenierte schließlich im August 2008 offen militärisch. Es kam zum „Fünftägigen Kaukasuskrieg“ um die beiden von Georgien abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien.

Schon im Vorfeld des Waffengangs neigte der Ölpreis zur Schwäche, nach Beendigung der Kampfhandlungen sackte er dann regelrecht in sich zusammen und brachte die russische Wirtschaft in erhebliche Schwierigkeiten. Wie sich die Bilder gleichen.

Auch der aktuelle Preissturz dürfte über die in solchen Phasen zu beobachtende, sich selbst verstärkende Dynamik hinaus eine politische Komponente haben. Zu gut passt die Schwächung Russlands – und einiger anderer „Schurkenstaaten“ wie Venezuela und des Iran – zur Agenda. Die politische Dimension ist deshalb wichtig, weil sie hilft, die aktuelle Preiserholung einzuordnen.

Bei einer reinen Marktbewegung wäre nach dem überaus heftigen Preissturz eine damit korrespondierende Erholungsbewegung zu erwarten. Ein Kursziel von 65 bis 70 USD/Barrel wäre beim hier dargestellten WTI-Future über die kommenden Monate realistisch. Die alten Halter der Long-Positionen wurden unter riesigen Verlusten aus ihren Positionen herausgeschüttelt. Die neuen Long-Investoren verspüren aufgrund des jüngsten Kursanstiegs erst einmal gar keinen Druck.

Dies gilt besonders, falls sie in der zurückliegenden Bodenbildungsphase eingestiegen sind und jetzt schon Gewinne verzeichnen können. Druck wird sich dagegen bei den bislang verwöhnten Short-Investoren aufbauen, die ihre Gewinne dahinschmelzen sehen – der klassische Short-Squeeze also. Sollte aber die politische Komponente des Ölpreisverfalls weiter wirken – wofür vor allem die erneute Eskalierung des Ukraine-Konflikts spricht, dann wird sich für die laufende Erholung rasch Widerstand aufbauen.

Gefährlich wird es für die Investoren, sobald das Momentum der aktuellen Aufwärtsbewegung nachlässt. Ein neues Bewegungstief des WTI-Futures erwarten wir aber dennoch erst einmal nicht. Als einigermaßen sicher kann lediglich gelten, dass wir es auch an diesem Markt weiter mit heftigen Schwankungen zu tun haben werden.

2015-02-04_WTI

Institutionalisierte Illusion

Die von uns bereits im letzten Smart Investor genannten Möglichkeiten einer griechischen „Umschuldung“ scheinen nun mehr und mehr Realität zu werden – eine mehr denn je illusorische Realität. Mit einem durchschaubaren Kompromiss wollen beide Seiten bei Volk und Wählern punkten, „Euro-Retter“ und die neue griechische Regierung.

Alexis Tsipras spricht daher in Brüssel mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis in Frankfurt mit EZB-Präsident Mario Draghi. Juncker hatte zuvor bereits mehrmals mögliches Entgegenkommen signalisiert, die Erleichterungen sollen vor allem über reduzierte Zinsen und verlängerte Laufzeiten kommen.

Auch Varoufakis möchte von einem Schuldenschnitt nicht mehr sprechen, denn dieser Ausdruck würde bei seinen Gesprächspartnern eher weniger gut ankommen. Klar, denn die Politik fürchtet wohl vor allem eines: Das zum ersten Mal überhaupt die tatsächlichen Kosten der Euro-Rettungspolitik offen sichtbar werden.

Taschenspielertricks für Fortgeschrittene

Als die Hellenische Republik 2012 ihren privaten Anleihegläubigern höchst offiziell ein „freiwilliges“ Umtauschangebot ihrer Anleihen vorlegte, betraf dieser „Haircut“ nämlich nur die privaten Gläubiger. Aus einer Anleihe wurden damals 24 unterschiedliche neue Papiere mit deutlich längeren Laufzeiten, von 1.000 EUR Nominalwert blieben nur rund 250 EUR übrig.

Die EZB hatte kurz zuvor ihre Papiere in Anleihen gleicher Bedingungen, lediglich mit einer anderen WKN getauscht – denn diese WKN nahm später nicht am offiziellen Umtausch teil. Genau wie die Hilfskredite aus der Eurozone und des EFSF, dem ersten offiziellen Euro-Rettungsschirm… (Seite 2)



 

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Ein Kommentar auf "Illusionen und harte Realitäten"

  1. Sandra sagt:

    Vielleicht sollten wir die bekannten Taschenspielertricks in einfachster Form zusammenfassen. Dann hätte jeder eine Art Checkliste und kann jeden Vorgang je nach Interpretations- und Abstraktionsvermögen einem bestimmten Muster zuordnen. Würde meiner Meinung nach Sinn machen, um diesem magischen Theater, das in jeglichem Lebensbereichen stattfindet, den Zahn zu ziehen.

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