Illusion der Zentralbankunabhängigkeit und die Folge für den Goldpreis

28. Mai 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Zentralbanken sind im Schlepptau von Politik und Sonderinteressen. Eine Abkehr von ihrem Inflationskurs ist daher unwahrscheinlich. Nach der Phase der hohen Inflation in vielen Ländern der Welt in den frühen 1970er und 1980er Jahren kam es zum Umdenken…

Man erkannte zum einen, dass die Kosten der Inflation zu hoch seien. Zum anderen war man sich bewusst, dass Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist. Und weil die Zentralbanken das Monopol der Geldproduktion innehaben, wurde ihnen auch die Schuld an Inflation gegeben. Genauer: Man zog den Schluss, die Zentralbanken müssten politisch unabhängig sein, damit ihre Macht über die Geldmenge nicht politisch missbraucht werden kann und zu Inflation führt.

Die Idee war, die Geldpolitik an Personen zu delegieren, die von der Tagespolitik abgeschirmt waren, die also nicht im Dienste der Wiederwahlbestrebungen der Regierungen standen. Die Geldpolitiker sollten zudem verpflichtet werden, die Inflation niedrig zu halten. Diese Vorgabe wird heutzutage als erfüllt angesehen, wenn die Preise der Konsumgüter um nicht mehr als 2 Prozent pro Jahr ansteigen.

Im Dienste der Staaten und Banken

Wenngleich auch die Inflation der Konsumentenpreise in vielen Ländern tatsächlich rückläufig war, stellten sich andere Probleme ein. Zum Beispiel setzen die Zentralbanken eine fulminante „Vermögenspreisinflation“ in Gang. Durch ihre Politik heizten sie die Preise von zum Beispiel Aktien und Häusern an. Zudem sorgten sie für ein kolossales Anwachsen der Verschuldung von Staaten, Banken, privaten Haushalten und Unternehmen.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 markiert bislang den Hochpunkt der Probleme, den die Zentralbanken weltweit mit ihrem ungedeckten Papiergeldsystem geführt haben. Jetzt tritt immer schonungsloser zutage, was bisher im Verborgenen gelegen hat: Dass die Zentralbanken im Kern niemals unabhängig waren, sondern schon immer im Dienste der Staats- und Bankenfinanzierung standen.

Viele Menschen haben ihre Ersparnisse in Staats- und Bankschulden angelegt. Sie haben natürlich dadurch mittlerweile ein großes Interesse daran, dass Staaten und Banken nicht zahlungsunfähig werden. Sie akzeptieren daher, dass die Zentralbanken zu „ungewöhnlichen“ Maßnahmen greifen – wie insbesondere Null- und Negativzinsen und ein Ausweiten der Geldmenge durch Aufkauf von Anleihen. Diese Akzeptanz speist sich insbesondere durch die Hoffnung, dass die Zentralbanken mit derartigen Maßnahmen dazu beitragen, die „Krise“ zu überwinden und zu „normalen Verhältnissen“ zurückzukehren. Doch das ist eine trügerische Hoffnung. Mit geldpolitischen Maßnahmen lässt sich zwar eine „Scheinbesserung“ erzielen. Etwa indem Staaten und Banken mit neu geschaffenem Geld zahlungsfähig gehalten werden. Auch können extrem niedrig gedrückte Zinsen eine konjunkturelle Besserung vorgaukeln, weil sich Investitionen „plötzlich“ wieder rechnen, die sich zuvor als unrentabel erwiesen haben.

Wenn jedoch allgemein erkannt wird, was gespielt wird, und welche Folgen es für die Ersparnisse hat, kann es zu einer Entwicklung kommen, die die Zentralbanken nicht mehr so leicht beherrschen können: einer Währungskrise.

Währungskrise

Die Erschütterungen in 2008/2009 waren Ausdruck einer „Kreditkrise“: Sparer und Investoren hatten die Sorge, dass Staaten und Banken nicht mehr in der Lage seien, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen. Ihr Vertrauen in die Währungen hatte nicht gelitten. Im Gegenteil, viele Anleger sahen im Halten von Geld die vergleichsweise sicherste Alternative, ob nun in US-Dollar, Euro, japanischem Yen oder Britischem Pfund.

Bei einer Währungskrise stehen die Dinge jedoch ganz anders: Anleger zweifeln dann daran, dass die Währung ihre Kaufkraft behält. Sie reduzieren ihre Nachfrage nach Geld, zuweilen fliehen sie auch aus dem Geld. So etwas geschieht dann, wenn allgemein erwartet wird, dass die Zentralbanken mit ihrer Politik die Kaufkraft des Geldes relativ rasch und in beträchtlichem Ausmaß herabsetzen werden.

Bislang ist es den Zentralbanken gelungen, die Inflationserwartungen niedrig zu halten – obwohl sie signalisiert haben, dass sie bereit sind, neues Geld in Umlauf zu bringen, um Zahlungsausfälle zu verhindern. Gleichzeitig haben die Zentralbanken erreicht, dass die Kreditausfallsorgen auf den Finanzmärkten nachgegeben haben (auch wenn sie jüngst wieder etwas angezogen haben). Doch wird auf Dauer eine solche „Quadratur des Kreises“ möglich sein? Lassen sich Zahlungslücken mit der elektronischen Notenpresse schließen, ohne dass es zu Geldentwertung kommt?

Mittlerweile ist vor allem eines geschehen: Die Zentralbanken befinden sich mehr denn je im „Schlepptau“ der Politik und Bankeninteressen; dazu hat natürlich ihre eigene Politik in besonderem Maße beigetragen. Die hohe Verschuldung weltweit ist nicht zuletzt das Ergebnis der Zentralbankpolitiken: das unaufhörliche Ausweiten der Kredit- und Geldmengen, ermöglicht und ermuntert durch die Politik der niedrigen Zinsen.

Gold als Versicherung

Zudem ist eine Abkehr von der mittlerweile nun schon viele Jahre andauernden Tiefzins- und Geldmengenvermehrungspolitik nicht so ohne weiteres möglich, ohne die Konjunkturen und vor allem die Finanzmärkte zu erschüttern. Denn die expansiven Geldpolitiken haben die Preise der Finanzmarktinstrumente – Aktien, Anleihen und Derivate – aufgebläht und den Haltern satte Buchgewinne beschert und das bilanzielle Eigenkapital aufgefüttert. Ein „Platzen“ der Spekulationsblase – insbesondere der am Anleihemarkt – hätte vermutlich dramatische Folgewirkungen – und die Zentralbanken werden lieber ihre Politik fortsetzen, als sie willentlich zum Platzen zu bringen.
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Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich, dass der Geldwert weiter unter die Räder gerät – dass die Kaufkraft der Währungen herabgesetzt wird. Denn das wird letztlich die Folge einer fortwährenden Geldmengenausweitung sein. Das ist natürlich für Sparer und Investoren eine Entwicklung, über die man nicht leichtfertig hinwegsehen sollte. Wie aber können praktikable Handlungsempfehlungen lauten?

Zum einen hat der Anleger die Möglichkeit, in Produktivkapital, sprich Aktien, zu investieren – und zwar in Aktien von Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auch in Zeiten allgemein steigender Preise funktionieren. Allerdings sollten Anleger nur dann in diese Aktien investieren, wenn sie sie auch zu vertretbar günstigen Preisen kaufen können. Keinesfalls aber sollte überteuert gekauft werden.

Zum anderen bietet es sich an, Gold beziehungsweise Silber, in liquiden Mitteln, als Teil des Vermögens zu halten. In einer nahezu zinslosen Welt sind sie ein Ersatz für Termin- und Spareinlagen. Zudem ist das Gold auch eine Versicherung, eine Impfung gegen die Widrigkeiten des ungedeckten Papiergeldsystems. Seine Kaufkraft lässt sich bekanntermaßen nicht durch politische Willkür herabsetzen.

Blickt man auf die Goldpreisentwicklung in Relation zur Geldmengenausweitung der letzten Jahrzehnte, so scheint der Goldpreis derzeit vergleichsweise günstig zu sein. Für Anleger, die langfristig orientiert sind – die in Zeitspannen von, sagen wir, fünf, zehn oder mehr Jahren denken –, sollte damit die Wahrscheinlichkeit recht hoch sein, dass sich der Erwerb von Gold zum aktuellen Preis als lohnend herausstellen wird.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Ein Kommentar auf "Illusion der Zentralbankunabhängigkeit und die Folge für den Goldpreis"

  1. Skyjumper sagt:

    Die von Prof. Dr. Polleit immer wieder vorgetragene, und theoretisch gut begründete Sorge vor der Inflation steht meines Erachtens nach auf einem tönernden Fuss. Das liegt wohl weniger daran das Polleit das nötige Finanzwissen abgeht, sondern daran dass er, wie auch die allermeisten sonstigen Warner und Crashpropheten, von sich auf alle schließt.

    „Viele Menschen haben ihre Ersparnisse in Staats- und Bankschulden angelegt. Sie haben natürlich dadurch mittlerweile ein großes Interesse daran, dass Staaten und Banken nicht zahlungsunfähig werden.“

    Dieser Satz ist gelinde ausgedrückt sehr selektiv. Viele Menschen, nämlich die meisten, haben gar nichts was sie anlegen könnten. Polleit stellt ja zutreffend immer wieder fest, dass die Inflation (und damit das gemehrte Geld) bisher lediglich in einigen Assetklassen angekommen sei. Aktien, Immobilien, Anleihen. Und daran wird sich auch nichts ändern solange das Geld nicht in die Breite wandert. Für die allermeisten Menschen sind die Preise von Aktien, Immobilien, Anleihen, Kunstwerken und Antiquitäten ziemlich ohne (wahrgenommenen) Belang. In dem (kleinen) Kreis der davon betroffenen sind die Warner und Crashpropheten vermehrt zu finden.

    Damit es allerdings zu einer Währungskrise kommt müßte jedoch die breite Masse von Inflation betroffen sein. Brot, Milch, Fleisch, Handytarife, die nächste Waschmaschine, kurzum die Produkte der normalen Lebensführung müßten kräftig teurer werden. Das sehe ich derzeit nicht. Auch die Vorbereitungen dazu, nämlich steigende Produktionskosten durch (deutlich) höhere Löhne, höhere Kapitalkosten und/oder höhere Rohstoffpreise sind derzeit nicht absehbar. Stattdessen ein von Überkapazitäten geprägter Markt der schon aus Wettbewerbsgründen kaum steigende Preise zulassen wird.

    Im übrigen haben wir bereits längst Inflation. Denn Inflation ist durch eine steigende Geldmenge definiert. Zu einer Währungskrise wie sie an die Wand gemalt wird braucht es Teuerung auf breiter Front. Die fehlt.

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