Ignorierte Veränderungen

14. Februar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die zunehmende Akzeptanz digitaler Angebote wird viel diskutiert, die Konsequenzen werden jedoch von vielen weiterhin ignoriert. Während jeder beobachten konnte, wie die Hersteller klassischer Fotokameras in Windeseile kollabierten, kann sich dies in anderen Sektoren noch immer kaum jemand vorstellen. Dabei steht nicht nur der Finanzsektor vor begrüßenswerten aber sehr tiefgreifenden Veränderungen…

So wie mit der Wahl Trumps das Ende der Klimadebatte und der überbordenden political correctness eingeläutet wurde, so hat die Akzeptanz der Nutzung von Smartphones und der entsprechenden Angebote das Ende vieler klassischer Geschäftsmodelle eingeläutet. Vor allem gut skalierbare Prozesse werden sich beschleunigt verlagern.

Es wird automatisiert werden, es wird standardisiert werden und damit können die Konsumenten viele Dienstleistungen deutlich günstiger nutzen. Wer nun ins übliche Klagelied einstimmt, bei Bill Gates käme davon aber mehr an als bei ihm selbst, der darf darüber nachdenken, was sich in den letzten 20 Jahren so alles verändert hat.

Man muss nicht an die Wurzelbehandlung denken um manche Annehmlichkeit zu entdecken, von der man schon vergessen hat, dass sie noch gar nicht so lange existiert.

Die logische Konsequenz ist eine Verlagerung von Jobs.

Auch im Finanzsektor, in dem es langsam ruppiger wird, darf mancher sich schon einmal nach Alternativen umschauen. Warum sollte jemand in ein paar Jahren noch 2% jährlich für eine Vermögensverwaltung bezahlen, bei der der Portfoliomanager vor allem gegen die aus den Gebühren resultierenden laufenden Kosten ankämpfen muss, während diese lediglich der Aufrecherhaltung eines überbordenden Vertriebsapparates dienen?

Eine Kunde, der einen Großteil dieser Gebühren sparen kann, der verzichtet vermutlich gerne auf ein Gespräch in einem netten Büro, eine Tasse Kaffee und eine handvoll Besprechungskekse. Man darf das Ausmaß derartiger Gebühren nicht unterschätzen. Wer 100.000 Euro anzulegen hat und 2% zahlt, der berappt monatlich 166 Euro, also mehr als fünf Euro pro Tag. Für fünf Euro bekommt man jeden Tag eine Tasse Kaffee und eine Menge Kekse.

Die Gebühren für bestimmte eingesetzte Produkte und viele verdeckte Kosten, wie sie bei der Ausführung von Transaktionen entstehen, sind in den Gebühren oft nicht einmal enthalten. Es ist bemerkenswert, dass erst das derzeitige trostloses Zinsumfeld so langsam für eine erwachendes Kostenbewusstsein sorgt. Die MiFID Regulierung wird das Ausmaß der Kosten ab 2018 für viele Kunden deutlich sichtbarer machen.

Während die Bezeichnung Robo Advisor  noch etwas holprig daherkommt, ist der dahinterstehende Gedanke ebenso wenig wieder aus der Welt zu schaffen wie die Indexfonds und deren Nachfahren, die ETFs. Wenn der Mehrwert einer Dienstleistung nicht deren Kosten entspricht, was bei vielen Kostenquoten langfristig kaum zu vermeiden ist, dann gibt es keine Argumente.

Die vermeintliche so bedeutsame persönlichere Präsentation dieser Ergebnisse sollte man nicht überbewerten. Nach ein oder spätestens zwei Jahren mit schwachen Aktien- oder Rentenmärkten dürfte sich der Fokus des Anlegers nicht mehr auf den Small Talk richten. Ob jeder ohne Beratung auskommt darf man hinterfragen. Ob jedoch eine nicht selten zweifelhafte Beratung jährlich 2% des Vermögens aufzehren sollte, ist mit Sicherheit mehr als fraglich.

Nicht nur die gerade erst begonnene Digitalisierung der Vermögensanlage wird den Sektor durchschütteln. Auch die Umstellung und weitgehende Automatisierung der Abwicklung von Finanztransaktionen wird viele Jobs unnötig machen. Wer die aktuellen Prozesse in einem typischen Middle- und Backoffice einer Bank oder eines Asset Managers kennt, der kann kaum glauben, dass die Mondlandung schon mehr als 45 Jahre zurück liegt. Hier herrscht oft tiefstes Excel- und Kommunikationsmittelalter.

Die handelnden Personen stehen unter enormen Zeitdruck und müssen die Lücken einer fragmentierten IT-Landschaft und lächerlichster Regulierungsanforderungen mit persönlichem Einsatz schließen. Schon in den kommenden Jahren werden sich Settlements sicherer und schneller gestalten lassen. Ob dies unter Nutzung von verteilten Systemen wie der Blockchain geschieht ist eine Detailfrage.

Ein Großteil der bestehenden Prozesse ist automatisierbar, kann somit beschleunigt und sicherer gemacht werden. Die beliebte Ausrede, das werde schon nicht so bald kommen weil die Infrastruktur und Prozesse des eigenen Hauses dies nicht abbilden könnten ist eine wenig hilfreiche Einstellung.

Sobald jemand dazu in der Lage ist diese Prozesse zu verbessern und der Regulierer seinen Stempel darunter setzt macht man entweder mit oder ist perspektivisch draußen. In dem Falle bleibt vielen Instituten noch die Auslagerung solcher Prozesse. Viele Mitarbeiter benötigt man für diese Prozesse dann nicht mehr.

Wer sich aktuell für ein Betätigungsfeld entscheiden darf, kann also derzeit wählen ob er lieber Entwickler oder Abwickler werden möchte.

 

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4 Kommentare auf "Ignorierte Veränderungen"

  1. MFK sagt:

    Auf Zerohedge kam gestern die Meldung, dass Goldman im Jahr 2000 noch 600 cash equity trader hatte, die für institutionelle Kunden von GS Aktien gehandelt haben. Diese Zahl ist per heute auf 2 (!) geschrumpft.

  2. heyjay sagt:

    Was solls, meine Aktien sind sowieso nicht in meinem Besitz, die Auslieferung nicht mehr möglich. Es kümmert mich daher nicht, wer sie verwaltet, am Ende sind sie eh fort.

  3. Aristide sagt:

    „der kann kaum glauben, dass die Mondlandung schon mehr als 50 Jahre zurück liegt.“

    Ich glaub’s auch nicht. Wenn ich mich recht erinnere sind es erst gute 47 Jahre. 😉

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