Idiotisches aus der Klapsmühle. Oder: Wie man heute Glück produziert

1. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Früher wurden die Nachrichten noch nahezu neutral versendet – ohne Meinung. Das ist heute anders. Fast alle „News“ werden mit „überraschend“ oder „besser als erwartet“ verhunzt. Für mich eine Art von Nerv-Faktor, doch die Methode funktioniert prächtig…

Es vergeht keine Stunde, in der man heute nicht mit positiven Überraschungen überrascht bzw. verbal erschlagen wird. Schaut man hinter die Kulissen der Meldungen, dann sehen sie oft rosarot eingefärbt aus. Aber in Zeiten des schwarz-weiß-Denkens ist das egal. Und dann fragt man sich doch, ob die Leute, die über keinerlei Ahnung darüber verfügen, wirklich überrascht sind, wenn es offiziell gemeldet wird.

Nerv!

Inzwischen läuft an der Börse die Berichtssaison für das erste Quartal. „Besser als erwartet“, sagen die Experten ganz überrascht. In den USA ist die Produktion von Überraschungen aus den Unternehmen keine große Kunst. Zuvor werden die Erwartungen verbal gedämpft oder nach unten geschraubt, dass diese dann locker übersprungen werden. Der einstige Aluminiumriese Alcoa ist ein Meister im Fach. Unter dem Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld gelingt es immer wieder, solch ein Meisterstück aufs Parkett zu legen als moderne Art des Understatements, die fast in jedem Quartal zur medialen Freude führt. Auch bei Aktionären? (Quelle: comdirect)

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Gerade in diesen Tagen fällt auf, dass die Unternehmensgewinne auch hierzulande weit stärker steigen als die Umsätze. Ergo: Mit stagnierenden oder nur leicht steigenden Umsätzen verdienen die Gesellschaften deshalb mehr, weil an den Kosten gespart wird. Das erklärt im Alltag einiges – und auch in Sachen Qualität. Aber sei`s drum. Weniger Ausgaben an Material, weniger Kosten durch Zinsen auf die Schulden und weniger Personal, und schon steigen die Gewinne und jubelt die Börse.

Moment, es herrscht ja fast Vollbeschäftigung. Deshalb geht das meiste der Einsparungen auch zu Lasten der Löhne oder der Form der Bilanzierung. Kollege Rott nennt es „Earnings-Management“.

Mehr Leute arbeiten oft für einen kleineren Lohn. Die flexiblen Arbeitsmarktmodelle führen dazu, dass teure Leute „freigesetzt“ und durch billigeres Personal ersetzt wird. Das Wirken der kalten Progression frisst dann einerseits die realen Lohnzuwächse auf und auf der anderen Seite schlägt die finanzielle Repression auf Ersparnisse ein. Dazwischen steigen die Preise im Alltag, was statistisch nicht erfasst wird, aber unter großem Jubel. Das mag der Grund sein, dass dann die Stimmung der Konsumenten nach neuen Zahlen auf rekordverdächtig hohem Niveau verharrt, obwohl die realen Einkommenszuwächse in Deutschland seit 1995 gerade mal um zwei Prozent gewachsen sind. Wenn man dann den Leuten täglich erzählt, es ginge ihnen besser, glauben sie es irgendwann auch. Es funktioniert ja – zumindest offiziell.

Hin – und her gerechnet

Flexibel sind inzwischen auch die Auslegungen in Sachen Bilanzierung geworden. Da kommen schnell mal ein paar Milliarden mehr Gewinn ans Tageslicht. Kollege Rott nennt das „Earnings-Management“. Vor allem die Finanzbranche präsentiert so oft erstaunliche Ergebnisse.

Da Bilanzierung komplizierter ist als das Entschlüsseln ägyptischer Hieroglyphen, schaut kaum jemand genauer nach. Von HGB über US-GAAP, IRS oder IFRS – wichtig ist, was die Börse will, während die ISS weiter hoch im Weltraum fliegt. ISS – vielleicht der nächste Bilanzierungs-Standard? Hauptsache, man packt ein „überraschend“ hinzu und fertig ist die gute Laune. 

Ich könnte mir gut vorstellen, dass künftig die Unternehmen auch Gewinne ex Kosten ausweisen bzw. die Gewinn höher als der Umsatz ausfallen, wenn die Bilanzierungsvorschriften an die Wünsche der Märkte (Märkte?) angepasst werden … bzw. an die die Erfordernisse für einen positiven Newsflow das unumgänglich machen. Oder man lässt einfach ein paar Sachen weg, um eine gute Nachricht zu produzieren wie einen Primaten(Primär?)-Überschuss der griechischen Staatsfinanzen. Noch ein paar Verrücktheiten gefällig?

Noch ein paar Verrücktheiten gefällig? 

Siemens hat neulich eine milliardenschwere Anleihe aufgenommen, also Schulden gemacht, um das geborgte Geld in den Kauf eigener Aktien zu stecken. Die Papiere notieren nicht weit unter ihrem Allzeithoch. Feine Sache! (Quelle: Comdirect)

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Apple leidet inzwischen unter 151 Milliarden US-Dollar an Cash. Umso verwunderlicher ist es doch dann, dass die Produzenten der kleinen tragbaren Überwachungseinheiten jetzt auch für zwölf Milliarden US-Dollar Anleihen begeben, und das nur aus Steuergründen. Zuvor wurde eine kräftige Dividendenerhöhung angekündigt und der Aktienrückkauf von 100 auf 130 Milliarden US-Dollar aufgestockt. Die weltweite Nullzins-Politik treibt giftige Blüten unter dem Beifall der Experten.

Apple ist eines von vielen US-Unternehmen, das seine Gewinne im Ausland belässt. Werden diese Überschüsse von dort in die USA verbracht, werden 35 Prozent Steuern fällig. Also belässt man diese Gewinne im Ausland. Gleichzeitig mehren sich die Forderungen nach einer Steueramnestie für US-Unternehmen mit Cash im Ausland.

Apple hat übrigens 2012 in Deutschland laut dem ARD-Magazin „Plusminus“ 6,7 Milliarden Euro Umsatz gemacht – und auf die Gewinne 9,6 Millionen Euro Steuern gezahlt. Jeder macht es so. Ist das nicht toll? Lasst uns in die Hände klatschen!

Französische Politik

Auch General Electric hat viele Milliarden im Ausland liegen. Was liegt also näher, als diese dort unter anderem für die Übernahme der französischen Alstom auszugeben – in bar, wenn`s geht. Die deutsch-französische Freundschaft zeigt deshalb gerade jetzt vor der Europawahl seine unzerbrechlichen Bande.

Siemens soll die französischen Interessen retten und steigt als Weißer Ritter in den Ring. Geld hat man ja genügend. Das Management von Alstom und die französische Gewerkschaft sprechen sich für General Electric aus, aber die Regierung will darüber entscheiden. Wem aber gehört Alstom? Soweit ich weiß, den Aktionären und nicht dem Staat. Deshalb prüft ausgerechnet dieser die Angebote – eine Art von außerplanmäßiger Planwirtschaft auf freien Märkten mitten in einer globalisierten Welt. Herrlich verrückt, ist aber so!

Kriegserklärung an die Sparer

Seit Tagen schon erklärt EZB-Chef Mario Draghi den Sparern dieses Kontinents den Krieg. Immer wenn der Euro über die 1,39er Marke schaut, springt irgendein EZB`ler oder der Chef selbst vor ein Mikrofon und droht mit einem Werkzeugkasten und den schrecklichen Instrumenten darin, um ihn unten zu halten. Die Beteiligten könnten auch ihre Unterwäsche zeigen, aber das kommt später, wenn der Schreck noch größer sein muss.

Indirekt sagen die „Währungshüter“, dass sie den Euro gerne kleingehäckselt sehen würden, was sie ja hätten haben können, wenn sie die „Eurokrise“ bzw. die Überschuldungskrise am Köcheln gehalten hätte. Mit ihrer „Rettungspolitik“ ist sie nun Opfer ihrer eigenen Waffeneinsätze geworden, denn… 

Erinnern wir uns: Den Banken wurden mit zwei großen Schüssen aus der EZB-Bazooka rund eine Billion Spielgeld vermacht. Damit sollten sie Kredite in die Wirtschaft geben, aber keiner wollte diese aufnehmen.

Mit dem Geld begannen dann die Banken, sicherlich ganz unabsichtlich, den süd-peripheren Staats-Finanzschrott aufzukaufen. (Quelle: Marktdaten.de)

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Die Anleihen hoben ab und zogen Kapital aus dem Ausland an, die gerne mitmachten. Das sorgte für eine größere Nachfrage nach der europäischen EinheiZ-Währung aus dem Ausland.

Mit einer weiteren Billion Euro könnten die Kurse der südeuropäischen Anleihen sicherlich auf ein noch höheres Niveau als das der US-amerikanischen steigen. Diese Marktverzerrung ist jetzt schon gigantisch, ist aber gewollt – und die minderjährige Radiomoderatorin brüllt dann stündlich ein „Booooom“ in ihr Mikrofon. Dann spätestens sind die einstigen Müll-Anleihen wieder sicherer Hafen. Irrsinnig teuer, aber dafür ohne eine Rendite.

Wenn ich es richtig verstanden habe, hat mir die EZB ein paarmal schon verbal den Krieg erklärt, indem ich indirekt ihren angerichteten Schaden bezahlen soll. Nur werden in der Öffentlichkeit ihre verbalen Schüsse mit einem groß angekündigten Feuerwerk verwechselt. Nach den derzeit modernen Lehrbüchern und entsprechend geimpften Gehirnen sind nur schwache Währungen gute Währung. Von daher sollte man doch schnellstens den Simbabwe-Dollar in Euroland einführen. Dann läuft das auch mit dem Export sogar in Griechenland wieder prächtig. Glück kann so einfach sein. Man muss nur Verrücktes tun in einer Welt in der Normales bald schon zur Rarität wird.



 

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Ein Kommentar auf "Idiotisches aus der Klapsmühle. Oder: Wie man heute Glück produziert"

  1. FDominicus sagt:

    „Man muss nur Verrücktes tun in einer Welt in der Normales bald schon zur Rarität wird.“

    Bald?

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