„Ich bin Zeitzeuge inmitten einer Zeitenwende.“

31. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Anfang März, vor dem Thema Zypern kam Julia Jentsch, die Rasende Reporterin bei mir an der Börse  vorbei. Es war ein Freitag. Vor der Börse waren wie immer an den Freitagen Stände aufgebaut, Wein wurde ausgeschenkt und Brötchen verkauft. Drinnen stand der DAX über 8.000 Punkten. Ginge es danach, stünde die Welt so gut da wie noch nie. Unsinn! Wir sprachen nicht nur über Geldpolitik, Lobbyismus und die gesellschaftliche Realität, sondern auch über die wirklich wichtigen Dinge im Leben…

Hier das Interview zu Themen der Zeit und an den Finanzmärkten. Viel Spaß! (Und danke, Julia!)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=4Aun0LgoNUQ[/youtube]

Quelle: Julia Jentsch, die Rasende Reporterin. Danke für die Freigabe für Rott&Meyer


F: Denkst Du, da gibt es jetzt tatsächlich irgendwelche Änderungen? Bringt dieser Protest was? Was muss noch passieren, damit das in Brüssel ankommt und tatsächlich auch Konsequenzen gezogen werden?

A: Brüssel muss Angst bekommen. Brüssel muss Angst bekommen, dass es gesellschaftliche Unruhen gibt. Und wenn es soweit kommt, an den Punkt, dann wird man wahrscheinlich mit Konjunkturprogrammen kommen. Dann wird man vielleicht mit nem Helikopter irgendwelche Gelder abwerfen und die dann vielleicht Konjunkturhilfe nennen, was das einzige Nötige wäre. Wir können diese Karre sowieso nicht mehr aus dem Dreck ziehen. Aber wir können verhindert, dass die jetzt schon morgen untergeht, sondern vielleicht erst in fünf Jahren. Also man kann damit Zeit gewinnen. Wenn wir jetzt schon so viele Schulden haben, dann kommt´s auf weitere Billionen auch nicht mehr drauf an.

F: Also weitere Inflationierung, um den Kaugummi noch ein bisschen länger zu ziehen?!

A: Richtig. Eine andere Möglichkeit sehe ich auch nicht. Also dieses Schuldensparen…Wenn die Politiker verstehen würden, wie das Geldsystem funktioniert, wären die gar nicht auf diese irrsinnige Idee mit dem Sparen gekommen. Strukturreformen – ich war neulich erst in Spanien gewesen- die sehen dann so aus, indem man einfach die Steuern und die Abgaben erhöht und den Leuten versucht, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es muss aber irgendwo auch reinkommen in die Tasche – und das sehe ich nicht.

F: Meinst du wirklich, die haben das Geldsystem immer noch nicht begriffen? Verstehen die es wirklich nicht, oder wollen sie es nicht zugeben?

A: Ich glaub nicht, dass sie es verstehen. Das Geldsystem ist ne ziemlich komplizierte Geschichte. Sie ist jedenfalls ziemlich kompliziert gemacht worden, seitdem man eben Notenbanken hat. Und die Notenbanken zwar auch früher mal getrennt von der Politik gewesen sind… aber da wächst dann zusammen, was zusammen gehört und beide gehen miteinander ins Bett. Es ist auch ganz eindeutig, wer hier Finanzierer von Politik und von Regierungen ist. Und dementsprechend werden wir auch die Aktionen sehen, weil die Politik braucht Geld, um auch den Sozialstaat zu bezahlen, beispielsweise, und um eigene Projekte, Prestigeprojekte nach vorn zu bringen. Und dementsprechend muss das irgendjemand schultern. Irgendjemand muss denen das Geld geben, irgendjemand muss jemand die Anleihen rausgeben und besichern. Und die sind so groß, die Dimensionen, dass eben dann nur die Notenbanken noch bleiben. Wobei die Regierungen, die holen sich das Geld ja eigentlich am Markt -und wer gibt es denen? Das sind die Banken, das sind nicht direkt die Notenbanken, die sorgen ja bloß dafür, dass der Zins niedrig bleibt.

F: Und kommen dabei im Prinzip ihrem eigentlich gegebenen Job nicht mehr hinterher. Der Job von der EZB ist ja eigentlich die Stabilität aufrecht zu erhalten!?

A: Es gibt ja zwei Säulen: Eben die Geldmenge und die andere Seite ist die Preisstabilität. Das war mal so gewesen. Man konnte es natürlich dann ein bisschen breiter auslegen, das Mandat. Und dann überschreitet man die Grenzen. Und zum Schluss – einfach aus der Notwendigkeit heraus – wird man das tun, was die amerikanische Notenbank macht, was die japanische Notenbank macht. Die EZB ziert sich da noch so ein bisschen und da gibt es viel politisches Geschrei, aber wenn man das den Leuten nach draußen verkauft, die dann jubeln dabei und dann sagen: Ja, das ist der richtige Weg. Dann wird es wahrscheinlich auch gemacht. Ich sag´s mal ganz drastisch: Scheiß auf die Stabilität, lieber Ruhe im Land!

F: Es gab ja auf Arte neulich eine Dokumentation „The Bruxelles Business“. Ich weiß nicht, ob Du da rein geguckt hast. Da sieht man wirklich, dass die Lobbyisten nicht nur im Hinterzimmer da irgendwie diejenigen sind, die die Entscheidung auf einer Blaupause vorzeichnen, sondern das ist im Prinzip ganz offiziell!

A: Das ist ganz offiziell. Wenn man sich sowas dann anschaut ist das sehr sehr erschreckend. Es läuft auf Arte, es müsste eigentlich auf RTL um 20.15 Uhr gesendet werden, oder auf der ARD oder im ZDF. Also mir schnürt´s da die Kehle zu. Wir wissen zwar schon, dass es einigermaßen so läuft, aber in der Dimension ist es sehr sehr erschreckend. Ich bring aber noch einen anderen Punkt mit rein: Wenn man hier in dem Land von der Politik die Nase voll hat, kann man die Politiker abwählen. Man kann jedenfalls ein Kreuz machen, das geht ja. Bloß diese Typen da drüben in Brüssel, die ich nicht gewählt habe, die niemand gewählt hat, niemand hatte die Chance, sie zu wählen oder abzuwählen. Ich weiß nicht, ob man Barroso gewählt hätte oder den Van Rompuy… die kriegt man nicht mehr los! Und die können da drüben machen, was sie wollen. Man kriegt sie nicht mehr los! Und das hat für mich mit Demokratie in der Form wie ich sie kenne, kannte, mir vorstelle, nicht mehr so viel zu tun! Aber die gehen forsch ran ans Werk in Brüssel.

F: Ich fand´s spannend, gestern wurde eine Umfrage im Fernsehen auch veröffentlicht, da wurde gesagt 49% der Deutschen hatten ein besseres Leben ohne die EU, 65% wünschen sich die DM zurück und sind mit dem Euro nicht mehr zufrieden. Das sind ja ganz neue Entwicklungen, denk ich auf jeden Fall. So deutlich hat Deutschland sich bisher noch nicht positioniert. Sind wir doch irgendwie an einem Umschwungpunkt?

A: Es ist erschreckend! Wer hat überhaupt zugelassen, dass diese Zahlen rauskommen? (lacht) Ja ich seh´s ja auch, ich merk´s ja auch! Julia, wir waren jetzt gerade vor der Börse und haben uns mal auf dem Platz umgeschaut. Interessiert es irgendwie jemanden, was da in Brüssel passiert, was in Berlin passiert? Interessiert irgendjemand, dass Gesetze gebrochen wurden und weitere Gesetze gebrochen werden? Dass ihnen jemand in die Tasche greifen will, weil er in die Tasche greifen muss? Dass hier ein Kontinent platt gewalzt wird? Es interessiert doch niemanden! Wenn man draußen am Freitag seine Stände hat und dann seinen Wein da trinken kann. Wenn man seine Bratwurst dazu essen kann, am Wochenende gibt es Fußball. Ich glaube, die meisten Leute wissen gar nicht mal, was da in den letzten Monaten und den letzten Jahren umgebaut wurde. Die wissen nix davon, was ein ESM ist und welche Handlungsmöglichkeiten der dann hat. Wir hatten ne Umfrage draußen heute auf der Straße gemacht: Viele Leute kennen den Dax nicht. „Das ist das Ding, das Kurven macht“ haben wir heute einen O-Ton gekriegt. Die Leute haben einfach die Nase voll, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie selbst betreffen. Das ist auch ne Beobachtung, die bei mir stärker geworden ist. Und dennoch: Die Stimmung in den Online-Medien, in den Kommentaren die man sieht, es ist eine eindeutige Sprache. Unter jeder Jubelmeldung, die von irgendjemandem herausgegeben wird, steht eine Gegenmeinung dazu. Das hat sich sehr deutlich geändert. Es gibt eine Spaltung in der Gesellschaft von denjenigen, die überhaupt nichts mitbekommen wollen, die vielleicht auch nicht intellektuell in der Lage sind, das zu verstehen. Ist ja wirklich auch komplizier… und diejenigen, dies verstanden haben und aber laut sagen: Ich will das nicht. Sie machen ihren Protest nicht auf der Straße, sie machen ihren Protest an der Tastatur.

F: Ist das nicht irgendwie mühselig dann irgendwann? Also Du berichtest jeden Tag von den Märkten. Es gibt schon seit Jahren diese Meinung oder es wird seit Jahren schon publiziert, dass das so nicht weitergehen kann. Wir sehen jetzt wirklich genau die Entwicklungen, die schon ewig vorhergesagt sind. Wie fühlt man sich dann irgendwie an dieser Position hier, jeden Tag?

A: Ich bin ein Berichterstatter über Geldflüsse. Über die Auswirkungen von Notenbankpolitik, die sich in den Aktienkursen niederschlägt. Viele sagen: Dax bei 8000, es ist eine nominale Zahl, ist völlig verrückt! Ne ist es nicht! 8000 jetzt zu vergleichen mit 2007 oder 2000 ist völliger Humbug. Es ist eine Zahl, das ist der Preis für die Aktien, aber es ist nicht der Wert. Wenn man davon ausgeht, dass man für 8000 Punkte jetzt weniger kaufen kann, wie damals 2007, weil die Inflation einfach (man gewöhnt sich ja dran) steigt und steigt und steigt. Und wenn ich jetzt meine Aktien bei (hab ich Aktien?) Wen ich jetzt den Dax bei 8000 Punkten verkaufen würde, stellt sich doch mir die Frage: Wohin mit dem ganzen Geld. Und dann müsste ich es ja tauschen in Papiergeld. Will man das haben? Will man Anleihen haben? Will man dem Staat was borgen? Wenn ich zur Bank geh, müsste ich eigentlich fragen, welche Sicherheiten die MIR bieten können, damit ich denen das Geld gebe. Nee, es ist einfach der Kollateralschaden. Ich stehe hier mitten in einem Kollateralschaden von laxer Notenbankpolitik, die auf Ewigkeiten sich nicht ändern kann und sich auch nicht ändern wird. Mit Vernunft hat das nix mehr zu tun. Das hat einfach nur mit der Flucht zu tun. Wo geht man hin? Und ich glaube, dass man zukünftig viel größere Schwankungsbreiten bekommt. Weil einmal sagt man: Aktien! Ich muss da jetzt rein! Aus Gier heraus. Oder es kommt dann aus der Angst heraus, dass man aus den Anleihen rausgeht. Das haben wir auch noch nicht gesehen. Der Anleihemarkt ist riesig und gigantisch… Ich schau ja auf Aktien, auf Anleihen, auf Rohstoffe, auf Öl, auf Gold und auf die Währungen, wie sie im Krieg gegeneinander auf- und abwerten. Es sowieso bloß Papier, das wissen eigentlich die älteren Leute, aber es dauert immer zwei Generationen bis diese Erfahrung vorbei ist. Ich steh hier mitten im Kollateralschaden…. (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "„Ich bin Zeitzeuge inmitten einer Zeitenwende.“"

  1. Syngeon sagt:

    Lieber Frank, liebe Julia,

    Nur nebenbei, weil ihr diese Umfrageergebnisse zur EU erwähnt habt („…49% der Deutschen hatten ein besseres Leben ohne die EU“) und auch ansonsten recht hart mit der Union ins Gericht geht:

    Ich muss sagen, dass es mir zunehmend schwer fällt, dieses unausgesetzte EU-Bashing zu verstehen.

    Die Leute scheinen völlig vergessen zu haben, dass es nicht „die EU“ war, die Europa die gegenwärtige Misere beschert hat, sondern in erster Linie die nationalen Regierungen, allen voran die Bundesregierung.

    War nicht Deutschland unter den ersten, denen der Stabilitätspakt zu restriktiv war (ihr wisst schon: jenes Feigenblatt, das die nationalen Regierungen, allen voran die Deutschlands und Frankreichs, bei Einführung des Euro einer einheitlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik vorzogen) und für seine Aufweichung gesorgt haben?

    Von den „Bankenrettungen“ ganz zu schweigen, bei denen es nicht im geringsten um „die Griechen“, oder „die Portugiesen“ etc. geht, sondern vor allem um die Bemühungen der Kanzlerin (bzw. von „Merkozy“, bzw. von „Mercamerozy“), die heimische Finanz- und Exportindustrie zu retten (auch dazu gibt´s übrigens eine nette ARTE-Doku).

    Ihr beklagt euch, dass ihr die Angehörigen der EUliten (um einen gelungenen Boehringerschen Ausdruck zu gebrauchen) nicht abwählen könnt? Euch ist hoffentlich klar, dass ihr auch auf nationaler Ebene keine Chance habt, die wahren Entscheider zu bestimmen oder gar abzuwählen, die sitzen nämlich in ganz und gar undemokratisch organisierten Konzernzentralen.

    Alles, was ihr dürft, ist, die Frontmänner des politischen Theaters alle vier Jahre auszutauschen. Die meisten derjenigen, die in den diversen Hinterzimmern Entscheidungen aushecken, kennt ihr nicht mal. Als schlagendes Beispiel fällt mir da etwa der notorische Deregulierer Asmussen ein, der in jeder Regierung die Finanzpolitik bestimmte, egal ob gerade Schröder oder Merkel an der Macht war, und jetzt als einer der Verursacher der gegenwärtigen Probleme in der EZB für deren Lösung sorgen soll.

    Und was den europäischen Lobbyismus betrifft, hoffe ich, dass ihr nicht annehmt, dass das in Berlin auch nur ansatzweise anders läuft. Die de fakto Machtübernahme von Pharma- und Lebensmittelindustrie in den einschlägigen Ministerien ist ja mittlerweile allgemein bekannt, aber das ist in der öffentlichen Wahrnehmung wahrscheinlich auch „der EU“ geschuldet.

    Ich verstehe das alles nicht mehr: die Dinge, die national mit einem Schulterzucken hingenommen werden, sollen im Rahmen „der EU“ das grosse Problem sein? Was soll sich am angesprochenen Demokratiedefizit gross ändern, wenn man wieder auf sich als Nationalstaat gestellt ist?

    Überhaupt scheinen sich in letzter Zeit viele zu fragen, ob sich die europäischen Staaten wieder lieber jeder für sich den globalen Veränderungen stellen sollen, oder ob es für Europa nicht besser wäre, als einheitlicher Block die gegenwärtigen tektonischen Verschiebungen im globalen Machtgefüge durchzustehen.

    Sollte die Antwort zugunsten der ersten Alternative ausfallen, kann ich nur sagen: viel Spass dabei, sich im Spiel riesiger Wirtschafts- und Währungsräume als winziger europäischer Einzelstaat Gehör verschaffen zu wollen. Jedes auf sich selbst gestellte europäische Land würde, wie schon zu Zeiten des kalten Krieges, nur wieder vor der Frage stehen, welchem der gerade entstehenden Machtblöcke es lieber nachhecheln möchte.

    Ich weiss nicht, wie es euch damit geht, aber mir wäre es lieber, wenn sich Deutschland vor allem der europäischen Sache (und nicht der amerikanischen, chinesischen, BRICS oder sonstigen) verpflichtet fühlen würde.

    Aber, wie gesagt, das nur nebenbei 😉

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