Hüten Sie sich! Wenn Absurdistan zur Normalität wird…

19. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Die Messen sind gesungen, die Sache erledigt. „There will not be a Staatsbankrott“, sagte der deutsche Finanzminister. Danke für die Klarheit! Man weiß jetzt worauf man sich einrichten darf. Nach Kosten im Osten bald auch blühende Landschaften im Süden? Auch die Kanzlerin war in der Sache wie immer zweideutig eindeutig. Scheitern ist keine Option. Yesssss!

Hüten Sie sich vor dem Wort „Eurokrise“. Der Euro ist gegenüber dem Dollar gestiegen. Hüten Sie sich vor Taschendieben, Rechts-Überholern und Blitzanlagen. Hüten Sie sich vor den Iden des März, dem anderen Ufer des Rubicon und vor allem den Nebelkerzen der kommenden Monate, mit denen man sich täglich ausführlich beschäftigen kann oder auch nicht. Fröhliches Abhusten! Und damit beginnt die verstärkte und zugleich erheiternde Phase ausgefeilterer Propaganda, bedeutungsschwangerer Gesten und des Schönredens einer verkorksten Lage. Nicht zu vergessen die vielen Ehrungen für jeden, der mal in die Presse muss.

Sollten Ihre Kinder noch einen Beruf suchen, legen Sie ihnen den des Kabarettisten nahe. Man braucht nur einmal am Tag fernzusehen oder eine halbe Seite einer Zeitung zu lesen. Selbst das örtliche Käseblättchen bietet genügend Stoff für Spaß. Und das Publikum wird wie immer lachen und applaudieren, selbst wenn die Thematik bedrohlich hinter jedem steht und jeden Moment zuschlagen könnte oder möchte.

Seien Sie brav!

Ich hatte neulich einen Test in der Financial Times gemacht. Was weiß ich über Europa? Nun, die Fragen waren wirklich nicht einfach. Das Ergebnis: Ich wäre ein Euromuffel. Wenn ich es etwas besser angestellt hätte und mehr richtige Antworten angekreuzt hätte, wäre ich sogar ein „Euroretter“ geworden. Ja, böser Frank!

Gut und schlecht, schwarz und weiß.

Im Osten gab es ein Lied mit „Sag mir wo Du stehst, und welchen weg Du gehst“. Was früher schwieriger in Erfahrung gebracht werden konnte, ist heute dank ausgeklügelter Programme, Überwachung und Datenkraken im Internet weit kostengünstiger und schneller heraus zu finden. Wo ist der Sinn? Klassifizierung. Euromuffel – Eurogegner.

Sollte ich jemals wieder etwas Böses über die FED schreiben, werde ich auch dort aktenkundig. Und sollten Sie, liebe Leser, meine Zeilen oder die des Bankhauses Rott auch noch lesen, dann sind Sie auch ganz schnell als FED-Muffel oder gar als Geld-Feind einzuordnen. Kritik an Draghi? Oh no! Surfen Sie am besten zwischendurch mal auf anderen Seiten mit Schmutz, Unterhaltung und leichter Kost. Es verwischt die Spuren etwas. Das Leben ist bekanntlich eine Mischkalkulation, auch in Sachen Einordnung und Klassifizierung von guten und schlechten Kunden – entsprechend künftig auch von guten Bürgern – und weniger guten?

Basta!

Ich schweife ab. Griechenland bleibt im Euro. Basta. Jeder, der ruft, bekommt Geld, solange es noch Leute gibt, die aushelfen können wie guten Bekannten, die etwas in der Tasche haben, mit dem sie einen erpressen können. Sollten die Gelder nicht ausreichen, wird die Zentralbank das Nötige zur Verfügung stellen. Basta. Die Sache ist geregelt. Vielleicht schreit man sich hier oder dort etwas an, hält ein paar Wahlen ab und liefert sich zuvor TV-Duelle. Mehr als Unterhaltung und bunte Schlagzeilen sind es nicht. Unwichtig, zu vernachlässigen, zeitraubend.

Ich wäre nicht erstaunt, wenn Ronald Gehrt Recht bekäme und sich die Leute aus Überfluss an Informationsmüll, Nebelkerzen und durch das Brechen von Recht in Sachen EU, Euro und Europa resigniert zurückziehen – und dann ihre ganz private Phase des Biedermeier 2.0 einläuten und sich in einen Kokon zurück ziehen. Und gleichzeitig wird ihr Misstrauen gegenüber dem Offiziellen Schaden nehmen. Da macht man doch lieber sein eigenes Ding. Warum denke ich gerade an die alte DDR?
Und sollten Sie ein Ticken hören, ist das der Sekundenzeiger auf der Uhr der Zeitenwende. „Wer Verstand hat kauft Gold“, titelt der Fokus. Wer hat schon Verstand?

Entrückt – die Schwester von Verrückt

Allerdings hat das alles seine heiteren Seite, über die man lachen könnte, wenn es nicht so ernst wäre. In Zeiten, in denen Nobelpreise an Wirtschaftsklemper gehen, Friedensnobelpreise an Kriegsherren, Karlspreise an Gelddrucker, Kommunikationspreise an Lügner und Transparenzpreise an Fälscher gehen, ist der Weg für die nächsten Jahre vorbestimmt. Das gab es alles schon mal – oder so ähnlich. Von daher braucht man nur ein paar Geschichtsbücher zu bemühen und nicht die aktuellen Nachrichten in einer angeblichen Infogesellschaft.

Es hat schon etwas Zynisches, wenn man meint, 60 verschleuderte Milliarden bei einem Austritt Griechenlands oder 17 Billionen Euro Schaden beim Scheitern der Eurozone wären ein hinlänglicher Grund, den begangenen Fehler jetzt mit weiteren Billionen und später Billiarden größer zu machen. Von daher ist ein Sperrkonto für Griechische Hilfsgelder, gefordert von Deutschland, die logische Konsequenz und Anlass für viel Heiterkeit aus dem Kabinett der Gruseleinheiten. Nicht, dass das Geld versickert! Es muss nur an die richtige Stelle geschleust werden, in die Banken, die die entsprechenden Gremien längst geentert haben. Kein Euro kommt unterdessen beim griechischen Volk an, dafür schimpft man am Stammtisch, man finanziere den Urlaub der Griechen und Spanier. Woher soll man das auch wissen, wenn man sich im Informationsmüll der Informationsgesellschaft suhlt und ihn hineinstopft und beim Fernsehen gemütlich in den Sessel pubst?

Wohl bekomm`s!

Informationen oder das, was heute als das bezeichnet wird sind im Gegensatz zu einem Mittagessen auf einem Teller etwas durcheinander geraten. Dann fällt es gar nicht auf, wenn man statt einer Suppe einen Pott Erbrochenes in sich hinein kippt. Es ähnelt sich. Solange aber das Licht brennt, die Heizung bollert, 287 Fernsehprogramme für Unterhaltung sorgen und der Supermarkt pünktlich öffnet, ist die Welt in Ordnung – gerade in der Welt des Biedermeier 2.0. Ach, wird lustig, wenn in dieser Hinsicht mal etwas schief gehen sollte. Wenn die Menschen große Pläne haben, allem voran die Politiker, dann haben die Götter meistens viel zu lachen. Und Mister Market auch. Später.


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6 Kommentare auf "Hüten Sie sich! Wenn Absurdistan zur Normalität wird…"

  1. stonefights sagt:

    Ja, lieber Frank, so ist das halt im Krieg.

    Die Propaganda übernimmt die Information.
    Das Chaos übernimmt die Ordnung.
    Der Financier übernimmt die Regierung.
    Das Individuum übergibt den Rest.

    Eines ist diesmal anders.
    Das Individuum erkennt nicht den Krieg.
    Es ist der Gejagte und doch der Treiber.

    Yin und Yang, Himmel und Hölle, Vater und Mutter,
    Freund und Feind,
    all seine dualistischen schizophrenen Züge Gollums und Sméagols lassen das Menschenkind in seiner inneren Gespaltenheit.

    lg, stonefights

  2. Reiner Vogels sagt:

    „Ich wäre nicht erstaunt, wenn Ronald Gehrt Recht bekäme und sich die Leute aus Überfluss an Informationsmüll, Nebelkerzen und durch das Brechen von Recht in Sachen EU, Euro und Europa resigniert zurückziehen – und dann ihre ganz private Phase des Biedermeier 2.0 einläuten und sich in einen Kokon zurück ziehen.“

    Dieser Prozess ist bereits im Gange. Man betrachte nur den Boom der Lifestyle-Illustrierten, die mit vielen bunten Bildern die Schönheiten des Landlebens und der Gartenidyllen schildern. Selbst im Fernsehen läuft jetzt die Serie: „Landlust TV-Wunderschön“. Es verblüfft, mit welch abstrusen Phantasien dort auch noch die absurdesten „Schönheiten“ des Landlebens präsentiert werdenStifters Nachsommer lässt grüßen.

    Und selbst Frauenzeitschriften, die in den siebziger Jahren noch voll von politischer Indoktrination und Emanzipationspredigt waren, sind heute vollkommen unpolitisch.

    Der Rückzug ins Privatleben ist allgemein. Schuld daran haben nicht etwa die Bürger, die kein Interesse an der Gestaltung des Gemeinlebens haben, sondern die herrschenden politischen Kräfte in unserem Land, die sich in einem abgeschlossenen politischen System verschworen und abgeschottet haben, das niemanden mit alternativen Meinungen nach oben kommen lässt.

    Klassisches Modell dieser Politik ist das, was, so habe ich mir sagen lassen, ursprünglich mit dem Wort Kreml gemeint war: Ein Zentrum der Macht, aus dem nichts nach draußen dringt und auf das auch kein Außenstehender Einfluss hat.

  3. JayJay sagt:

    Am liebsten würden doch unsere geliebten Politiker, Andersdenkende und ihre Kritik am Euro/EU unter Strafe stellen. Glaube gelesen zu haben, Goldman Sachs Mitarbeiter Draghi im Nebenberuf Chef der Badbank EZB hatte so etwas gefordert.

    Früher oder später, wird sowas auch kommen in der neuen Diktatur mit Namen EUDSSR, mit Sitz des obersten Sowjet in Brüssel.

    Armer Biedermeier Bürger 2.0, du bekommst fast nichts mit davon. 🙁

    Gold & Silber Ahoi

  4. Lotus sagt:

    Ich bin ja der Meinung, daß unsere Euro-„Retter“ und Europa-Zerstörer (BRD) im Kern Reales/Wahrheit nicht mehr nachvollziehen können. Sie leben in einer eigenen Welt, die mit Volk/Bürger gar nichts mehr zu tun hat. Sie sind nur Personen, die auf Kosten der Allgemeinheit ihr Einkommen sichern, denken nur an sich selbst, reden, diskutieren am Thema vorbei und beschließen Gesetze, die dem gemeinen Volk immer mehr Geld entziehen.

    Das merkt man auch sehr gut in Sendungen, wie gestern bei Illner, wo es um die Nebenverdienste von Abgeordneten ging. Dass sie befürchten bei Offenlegung/Verbot, nicht mehr am Leben des normalen Bürgers/Alltags/Bedürfnisse teilzunehmen. Sie behaupten, dass ansonsten nur noch Bürokraten unser Land regieren könnten. Als ob das heute nicht schon der Fall wäre. Für Kubiki (FDP) sind sogar 12000 Euro zu wenig und mehr als 7000 Euro Honorar für 2 Stunden Gequatsche, ohne etwas produziert zu haben, eine gerechte Sache. Na ja… Der normale Bürger schließt daraus etwas anderes. Nämlich Überheblichkeit und Volksbeleidigung. Es ist daher kein Wunder, dass politische Entscheidungen an Volkes Probleme vorbei gehen. Zum Wohle des Volkes ist heutzutage eine Metapher, wo es an Nachweisen fehlt.

    Genauso berichtete gestern Monitor, was in den Krisenländern los ist (Armut, Hunger usw.) und wie daneben die Debatte im Bundestag von Merkel und Steinbrück am Thema vorbei geredet wurde. Frieden wurde in den Mund genommen, wo Hunger in 3 Staaten an Kriegszeiten erinnern. Scheinbar ist das immer noch kein Grund, den Kurs zu ändern. Es ist eine Schande, wie unsere Regierung ihre Bevölkerung zum Narren hält. Kein Wort in der Debatte, wie Milliarden direkt an Hungernde gehen soll oder an Ehrlichkeit, dass Sparzwänge ohne gleichzeitige Wirtschaftshilfen, der eigentliche Fehler von Merkel und EU waren. Der Bundestag gestern gab wieder einmal zum Besten, dass nur Personenkult betrieben wurde. Theater/Reden ohne Wahrheits-Eingeständnis und Reue. Sie schämen sich kein bisschen, sondern beweihräuchern, lenken ab und verheimlichen.

    Kein Wunder, dass durch Arbeit abgelenkte Bürger kein Interesse an Politik haben. Sie identifizieren sich nicht mit denen und lassen die machen, weil sie durch Erfahrung (H4, ESM usw.) meinen, an Einfluß sowieso verloren zu haben. Daraus folgt das Nichtwissen, Nichtfolgern, Nichtdurchschauen, Nichtwahrhaben, genauso wie die Hörigkeit. Ich bin der Meinung, dass dies besonders nach den H4-Demos (2004) zu Erstarrung führte. Niemand konnte fassen, dass alles umsonst war. Das deutsche Arbeitsvolk gab seitdem auf. Sie sind zu Feiglingen vor dem Herrn geworden und nehmen es hin. Daher nur das Rumgemotze am Stammtisch, jedoch Pflichtgefühl am nächsten Tag. Rrrr…..

    Ich denke und hoffe, daß es irgendwann einen Knall gibt, wo die Blase Merkel und Co./EU mit Generalstreik in Deutschland zerbricht. Wers noch nicht weiß, in Leipzig streiken Arbeitnehmer einer Firma seit Monaten.

  5. Biedermaen sagt:

    Sehr guter Artikel, alles richtig!
    Roldand Gehrt HAT Recht, auch mit vielen anderen seiner Beiträge.
    Indikativ, nicht mehr Konjunktiv! Nicht erst im Gange, wie einer der Kommentatoren schreibt, sondern schon weitgehend abgeschlossen.

    Es wird sich an der eingeschlagenen Richtung nichts mehr ändern.
    Oder hat jemand von Frau Merkel oder Herrn Schäuble schon jemals in ihren Bundestagsreden, Statements, Interviews etc. der letzten Jahre die Formel „… zum Wohle des deutschen Volkes…“ gem. ihres Amtseides vernommen? Ich höre und lese an der Stelle, wo das eigentlich immer kommen sollte nur die Anbetungsformel: “ … zum Wohle der internationalen Märkte …“.

    PS: Nicht allzu traurig sein, Inflation hat auch was Gutes. Auch und insbes. fürs Gemüt der „kleinen“ Leute: Unsere hiesigen Flohmärkte werden bald offiziell und zurecht als „Millionärsmesse“ firmieren. Da fühlt man sich doch gleich wie …. Und spart sich das Flugticket nach Moskau. 😉

  6. spanien sagt:

    Superdeal…!!!!
    Hallo meine lieben Leser,
    ich habe noch einen Stock „Normalität“ im Keller liegen.
    Höchstbietender bekommt den Zuschlag. Schnell zugreifen. Nachfrage groß!
    Bedingungen, die „Normalität“ darf nicht an „Absurdistan“ weiter veräußert werden.

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