Horrormeldungen im Stundentakt. Na und?

30. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Die Tage vergehen schnell. Die Sonne steht hoch. Das Finanzsystem steht vielleicht sogar am Scheideweg, ohne dass es großes Aufsehen erregt. Kommt es wirklich bald zu einem Bruch? Heute wäre doch ein guter Tag dafür. Meinen Sie nicht auch? Nein, das wäre irgendwie komisch und käme gerade unpassend…

Verlängerte Zeitachsen haben Sinn und auch ihre Vorteile. Fragen Sie mal den Mann mit der Sense. Man kann die Ruhe genießen und allerhand Verrücktheiten beobachten wie im Zoo die Affen im Käfig. Je älter ein Fiat-Geld geworden ist, desto skuriller werden die Auftritte seiner Protagonisten.

Irgend etwas fehlt noch… Vielleicht ein paar „Retter“ in Duftwolken mit Heiligenschein, die über Wasser laufen können – mit heißen Parolen auf den Lippen und guten Absichten im Herzen? Zudem verpassen wir ja die ganzen Ehrfurcht einflößenden  Preisverleihungen wie neulich beim Karlspreis. Im nächsten Jahr bekommen ihn vielleicht ja sogar Josef Ackermann oder Angela Merkel. Wollen Sie die Laudatio verpassen? Sehen Sie! Der Friedensnobelpreis an den US-Präsidenten wurde zum  historischen Ereignis. Seitdem waren die USA keinen einzigen Tag mehr im Frieden. Und zuvor meist auch nicht.

Auffällig…

Am Wochenende gab es eine eigenartige Schlagzeile: „US-Drohne tötet in Pakistan Aufständische“. Hier muss eine Verwechslung vorliegen. Nicht dass es umgekehrt richtig wäre. Nur wen hat die Drohne getötet? Menschen, die nicht wollen, dass sich die USA, aus welchen Gründen auch immer, in Belange fremder Länder einmischen? Wäre es umgekehrt, wären die Toten Opfer, die nicht wollen, dass ihr Land angegriffen wird. Da ist vieles auch in den Worten durcheinander.

In der Finanzwelt herrscht ebenfalls Krieg und ein Verwirrspiel mit Worten. Das Finanzsystem, so vermute ich, würde sich gerne auflösen, sich bereinigen, sich von Schulden befreien, auch wenn es dann die Guthaben trifft. Kurz übergeben und dann neu starten wie nach einer alkoholhaltigen Nacht.

Man muss nur die Klammern lösen – wie bei Raketenstufen im All. Nichts tun. Nicht intervenieren. Es einfach lassen. Mister Market hätte sich schon längst übergeben. Er durfte nicht. Nein, das wäre heute doch kein so guter Tag für eine Abrechnung, nicht bei 30 Grad im Schatten und einem kühlen Getränk.

Es ist interessant, diesen Krieg zu beobachten, als ob er auf einer Playstation ausgetragen wird. Hier ein paar morsche Länder ohne Aussicht auf Gesundung, dort zerrüttete Staatsfinanzen und überall Tentakel der Täuschung, etwas frische Farbe und viele zusammen gewürfelte Buchstaben. TARP, LTRO,ESM, EFSF, ELA, FMS Wertmanagement und auch „QE“ als Bezeichnung als Quark-Eimer, mit dem die Fugen des ins Wanken geratenen Hauses abgedichtet werden. Der Quarkeimer mit dem Namen „Twist“ ist Ende Juni leer. Man darf gespannt sein, während die Taktfrequenz der Horrorberichte zunimmt und Notenbanken offenbar Urlaub machen. Abwärts bis…

Der Montag war wieder einer der vielen seltsamen Tage. Sie finden sieben Tage in der Woche statt. Selbst Börsenhändler staunen. Ihre Kurven auf den Bildschirmen ähneln einem EKG. „Vergiss die Logik!“ raunzte mich einer von ihnen an. Recht hat er. Hier die Schlagzeilen von einem einzigen Tag. Erstaunlich, dass niemand in Aufregung kommt oder gar in Wallung…

 

Die Angst vor dem Bank-Run (FTD)
Wutbürger sammeln sich zum Euro-Angriff (Handelsblatt)
Marode Banken ruinieren Spanien (Handelsblatt)
China will das Wachstum anregen (NZZ)
Schweizer Nationalbank denkt über Kapitalverkehrskontrollen nach
Schweizer Banken simulieren Einführung von Negativzinsen (Baseler Zeitung)
Spanischer Notenbankchef wirft hin
Was wird aus den Griechen-Euros in meinem Portemonnaie? (Bild)
Die Schweizer denken über Kapitalverkehrskontrollen nach (FAZ)
Kapitalflucht aus südlichen Ländern
Der Sturm auf die Banken hat begonnen

Verrückte Dinge machen sich Platz wie die negativen Zinsen jetzt auch in der Schweiz. Oder die verliehenen Orden aus noch seltsameren Gründen. Ganz zu schweigen vom vielen Krach aus den Fernsehgeräten. „Die Optimisten haben wieder das Ruder übernommen…“ sagte meine Lieblings-Reporterin an der Börse, deren Grinseeinrichtung, das Lächeln betreffend, noch niemals eingerostet war. Öl notierte bei 107 Dollar. Mit 159 Litern ist jedes Lächeln damit nicht nur zu bewerkstelligen, sondern auch noch bezahlbar.

Seltsam, dass ich neugierig bin und sogar Spaß habe, dem stolpernden Finanzsystem in seiner epischen Größe mit seinen Schläuchen in den Venen zuzuschauen. Es ist wie ein Thriller, ein guter alter „Derrick“ ohne Mörder oder ein Sumo-Ringer beim Marathon. Irgendwo gibt es Sollbruchstellen oder einfach zu hohen Blutdruck. Es erinnert mich an eine Leiche, angeschlossen an Elektroden und unter Starkstrom. Ginge dieses nach Rettung rufende Finanzsystem morgen unter, bekäme das unter Umständen gar niemand mit. Erdbeben sind einfacher zu verstehen. Man rennt auf die Straße, ruft die Feuerwehr oder bringt sich zumindest in Sicherheit. Aber wenn Banken in Problemen stecken? Es bleibt ruhig.

Macht sich jemand Sorgen um seine Guthaben? Nicht dass ich das wüsste, aber vermutlich passierte erst einmal nichts, wenn die Klammern um dieses Finanzsystem schon gestern gelöst worden wären. Kein Dingsda aus diesen vielen Buchstaben-Mixen. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Luftballon. Sonst wäre es schon als Betonklotz herab gefallen. Es ist von Vorteil, dass es unsichtbar ist und damit wenig erlebbar. Undurchsichtig ist die Sache auch. Absichtlich.

Susi Sorglos auf dem Gaspedal

Vielleicht kennen das die Autofahrer unter den Lesern… Auf Autobahnen beschleunigt man, bis sich die Tachonadel bei 140 Stundenkilometern einschläft. Nach kurzer Zeit wird es gemütlich, selbst bei 180 Sachen. Drei Kilometer in einer Minute. 50Meter pro Sekunde. Während man den DAX auf dem Handy abfragt, ist man 200 Meter weiter gekommen – gutes Netz vorausgesetzt. Bei solchen Geschwindigkeiten verschwimmen die wirklichen Bezugspunkte, an denen man sich orientieren könnte. Womöglich würde es nicht mal auffallen, wenn jemand die Zielorte ausgetauscht hätte und man zufälligerweise eine Wüste durchquert. An der nächsten Abfahrt aber kommen die Bezugspunkte zurück. Man tritt kräftig auf die Bremse, um nicht aus der Bahn geworfen zu werden – und biegt ab. Glück gehabt.

Die letzte Ausfahrt liegt hinter uns. 180 Sachen. Bleibt nur, sich am Lenkrad festzuhalten und zu hoffen, dass die Autobahn nie endet – bei lauter Musik aus dem Radio. Gute Reise!


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11 Kommentare auf "Horrormeldungen im Stundentakt. Na und?"

  1. conan sagt:

    Sehr schöne Analogie mit der Autobahn — das trifft’s mal wieder perfekt!

    Wenn die Strasse breit und schlaglocharm genug ist merkt man einfach nicht mehr mit welcher affenartigen Geschwindigkeit man unterwegs ist…

    … und so nähern wir uns langsam der Lichtgeschwindigkeit (Was kommt eigentlich danach „wahnsinnige Geschwindigkeit???).

    Gruß

    Conan

  2. Adam Smith sagt:

    Lieber Frank,

    kleine Unterstützung in Mathe: 180 Sachen sind 180000m

    und eine Stunde sind 3600 secs

    also 180000:3600 ergibt 50m je Sekunde. Bei 16,6m warst du mit 60 „Sachen“ unterwegs!

    Greetz aus Sachsen

  3. schlussstrich sagt:

    Genialer Artikel. In der Verdrängung liegt die Kraft des Systems.
    Das mit der Verdopplung der Geschwindigkeit merke ich mir, ein geniales Erklärsystem zur Exponentialfunktion des Zinseszins: täglich verdoppelt sich die Geschwindigkeit: 180, 360, 720, 1440 …
    in 1 Std. zum Mond, in 10 Sek., einfache. doppelte, 1000-fache Lichtgeschwindigkeit, ein Wimpernschlag durchs Universum ???
    Nein, diesen Teppich will ich nicht kaufen. Gute Reise!
    Merkle: Das ist aber alternativlos! Herr, las Hirn regnen! Oder: Für wie blöd halten die uns eigentlich?

    • Fnord23 sagt:

      Hallo schlussstrich,
      „Für wie blöd halten die uns eigentlich?“

      Darauf willst du doch nicht wirklich eine Antwort? Schau dich um und du mußt erkennen: „Für genau so blöd halten die uns!“

      Die Realität gibt ihnen recht. Die 10% selbst denkenden Mitbürger zählen da nicht.

      Ich hatte heute morgen ein langes Gespräch mit einer 15 jährigen Schülerin über Gott und die Welt. Ich war beeindruckt, was da an Vernunft und Verständnis vorhanden war. Es gibt also noch Hoffnung.

      VG aus dem Erzgebirge

  4. Avantgarde sagt:

    „Susi Sorglos..Die letzte Ausfahrt liegt hinter uns. 180 Sachen. Bleibt nur, sich am Lenkrad festzuhalten und zu hoffen, dass die Autobahn nie endet – bei lauter Musik aus dem Radio. Gute Reise!“
    🙂

    Und bei Rudi Ratlos auf dem Beifahrersitz ist inzwischen der Entschluß gereift der Dame bei 180 Sachen ins Lenkrad zu fassen…
    🙂

    Für den Karlspreis würde ich Goldman Sachs vorschlagen – immerhin sind deren (ehemalige?) Mitarbeiter zwischenzeitlich bei 2 Staaten pausenlos im Eurorettungseinsatz.
    🙂

    • Fnord23 sagt:

      Ja, aber vorher hat man ehemalige Mitarbeiter diese Bude, zumindest als Berater oder Staatssekretäre, in fast jedes Land eingeschleust. Außer Polen glaub ich. Aber die sind ja auch fast komplett abgestürzt ( böse VT)

      VG

  5. quest sagt:

    Lieber Herr Meyer,
    Ihre Kolumnen stehen oft in einem merkwürdigen Kontrast zu den sonstigen Beiträgen hier im Blog. Während Gastbeiträge zumeist den Anschein erwecken, um wegweisende Analysen zum Wirtschafts- und Finanzgeschehen bemüht zu sein, überziehen Sie das gleiche Geschehen mit Sarkasmus oder gar Hohn und Spott.

    Ist dieser Spread von Ihnen und dem Bankhaus Rott mit Absicht in das Blog eingebaut? Mich würde mal interessieren, worin diese Absicht besteht bzw. wohin sie zielt.

    p.s.: Hoffentlich erinnern Sie sich nach einem halben Jahr nicht mehr an mein letztes Posting, denn dann wüssten Sie, mit welch außerordentlichem Vergnügen ich die Beiträge des einen oder anderen Propheten lese…

  6. wolfswurt sagt:

    Negativzinsen gab es in den 80zigern in der Schweiz schon einmal.

    Dem Geschwindigkeitsrausch der heutigen Zeit kann man sehr gut mit einer Wanderung im Wald begegnen.

    Schärft die Sinne und den Blick…

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