Hoppla, ein Leerkauf!

2. Januar 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Probleme mit geliehenem Geld sind immer gleich. Schwierig ist nicht, das Geld anderer Leute auszugeben. Schwierig wird es beim Zurückzahlen…

Mit derlei Unannehmlichkeiten beschäftigt sich am Aktienmarkt derzeit kaum jemand, und so stiegen in den USA nicht nur die Indizes sondern auch die Kredite zum Kauf von Wertpapieren auf ein neues Rekordhoch.

Aktienkauf auf Kreditbasis (buying on margin) ist keine neue Erfindung. Schon in grauer Finanzmarktvorzeit lieh man sich fleißig Geld zum Zwecke des Effektenkaufs. Die Summen, mit denen heutzutage hantiert wird, sind allerdings um einiges größer. Die folgende Grafik zeigt die inflationsadjustierten Werte seit 1959.

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In der Spitze operiert man heutzutage inflationsbereinigt mit dem 15-fachen der Summen, die von 1959 bis zu Beginn der 80er Jahre genügt haben. Gut zu sehen ist in der oben stehenden Grafik der strukturelle Bruch zu Beginn der 90er Jahre. Seither wurde gehebelt als gäbe es kein Morgen mehr, was sich für den einen oder anderen Trader im Nachgang als korrekte Annahme herausstellte.

In den letzten Monaten wurden die alten Höchststände der Margin Debt nominal bereits deutlich übertroffen. Da die Daten von der New York Stock Exchange lediglich zeitverzögert bereitgestellt werden, darf man wie immer einen Monat auf die „aktuellen“ Daten warten.

Bemerkenswert ist der Gleichlauf der ausstehenden Margin Debt und des amerikanischen Aktienmarktes. Natürlich sollte niemand versuchen, allein aus dieser Datenreihe ein Handelssystem abzuleiten. Interessant sind die Zahlen aber schon deshalb, weil sie eine Art „umgesetztes Sentiment“ repräsentieren. Wie in anderen Märkten zeigt sich ein hohes Vertrauen in eine anhaltend positive Entwicklung gerne in der Akzeptanz höherer Risiken. Zu diesen darf man die Nutzung von Krediten zum Kauf von Aktien durchaus zählen, wie nicht erst die letzten 15 Jahre deutlich zeigten.

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Wie alle Jahre wieder hofft man wieder auf den Zentralbank-Put, also einen virtuellen Boden, den die Damen und Herren bei der Fed unter die Aktienkurse legen. Das hat bekanntlich schon zur Jahrtausendwende und in den Jahren 2007 bis 2009 wunderbar funktioniert. Wer will da schon jammern, nur weil der Put ein bisschen weit aus dem Geld war. So wirkt weiterhin nichts narkotisierender auf viele Anleger als ein stetig steigender Aktienmarkt.

So kann es kaum verwundern, wenn die Margin Debt selbst in Zeiten wächst, in denen die US Haushalte erstmals ihre Verschuldung insgesamt reduzieren. Deleveraging ja, aber bitte nicht am Aktienmarkt. Angesichts der früheren Wachstumsraten der Konsumentenverschuldung darf einem allerdings auch ohne gehebelte Aktieninvestments mulmig werden.

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Die geringe Beachtung, die der strukturelle Bruchs der Kreditaufnahme der privaten Haushalte findet, ist schwer nachvollziehbar. In einer Welt, die nur noch einer endlosen Kette von Quartalsberichten hinterherhechelt gehört jedoch das Ausblenden langfristiger Entwicklungen fast schon zum guten Ton. Von einem Releveraging, also einem zweiten Frühling des gestoppten Credit Booms, sollte angesichts sinkender Reallöhne und damit real sinkendender Fähigkeit zur Bedienung von Krediten niemand ausgehen. Nicht hinschauen ist jedenfalls kein Rezept.

Vor dem Hintergrund einer Margin Debt nördlich von 420 Milliarden US-Dollar, einer Summe, die das jährliche Bruttoinlandsprodukt Österreichs übersteigt, wirkt die unselige Debatte um Leerverkäufe von Aktien geradezu putzig. Seltsam, dass niemand darüber nachdenkt, Leer-Käufe zu verbieten. Der eine verkauft Aktien, die er sich leihen muss,und bekommt Geld dafür. Der andere leiht sich Geld, das er nicht hat, um damit Aktien zu kaufen. Schön, wenn man stets weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind …


 

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4 Kommentare auf "Hoppla, ein Leerkauf!"

  1. Johannes sagt:

    Vielen Dank, liebes Bankhaus Rott.

    Wieder mal sehr interessant und aufschlussreich.

    Sieht meiner Meinung nicht danach aus, dass eine „normale“ Korrektur zu erwarten ist. Wenn die Panik beginnt und die gehebelten Positionen raus müssen, wird das ein schönes Blutbad werden.

    Das scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis es so weit ist.

    Mit den besten Wünschen für 2014

    Johannes

  2. Michael sagt:

    ‚Seither wurde gehebelt als gäbe es kein Morgen mehr, was sich für den einen oder anderen Trader im Nachgang als korrekte Annahme herausstellte.‘
    Exakt formuliert.

    Zwar redundant aber doch …
    http://www.youtube.com/watch?v=d8IBnfkcrsM

    So klein ist das BIP von Österreich gar nicht. In schwaches Drittel vom BIP von Australien (kaufkraftbereinigt relativ genau ein Drittel).

    Wir leben einfach in einer Zeit in der Assets sehr hoch bewertet sind. Wenn solch eine hohe Bewertung lange andauert gibt es einfach genug Teilnehmer am Markt, die sich an das Niveau gewöhnen umso größer ist das Erstaunen am Ende, wenn die Realität wieder zuschlägt.

    Das Deleveraging ist an sich interessant. Die Haushalte scheinen sich von Schulden teils zu befreien, bin mir aber nicht sicher, ob nicht einfach ein Art Restrukturierung der Schulden in Richtung von Krediten stattfindet, die bspw. wie bei den Autos von der Regierung garantiert sind. Es scheint eine Umschichtung im Gange zu sein auch in Richtung Studentenkredite usw…

    Trotzalledem wir diskutieren heute über, wie relativ pleite sind Volkswirtschaften gegenüber einer respektive allen anderen.

    Die Stimmung scheint gut zu sein. Je höher der Margin Debt desto besser die Stimmung. Es ist ja auch Fasching. Es bleibt wohl zu hoffen, dass die Welt nicht nach der Ernüchterung in eine lange Phase der Fastenzeit muss eintreten – da spreche ich nicht von 40 Tagen sondern genausovielen Jahren. Was in solch einem Szenario mal unter Wasser steht kommt lange nicht mehr zum Vorschein.

    Auch von mir alles Gute, den Spaß werden wir in dem Jahr haben.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Michael,

      „Wenn solch eine hohe Bewertung lange andauert gibt es einfach genug Teilnehmer am Markt, die sich an das Niveau gewöhnen“

      Damit nennen Sie einen sehr wichtigen Punkt. Diese Gewöhnung und die resultierende gedankliche Trägheit, die eine raschen Veränderung der Situation schlicht aussschließt sowie die Neigung, lediglich die kurzfristige Vergangenheit fortzuschreiben, ist in Finanzfragen leider besonders ausgeprägt. Angesichts der nicht sonderlich lang zurückliegenden für viele eher unangenehmen Ereignisse an den Börsen ist dies in der Tat bemerkenswert.

      Auch Ihnen alles Gute, mit den besten Grüßen
      Bankhaus Rott

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