Russland, Öl- und Gold: Zwischen den und in fremden Zeilen lesen…

18. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Am vergangenen Wochenende fand in München die 52. Sicherheitskonferenz statt. Das hochkarätige Treffen von Regierungschefs, Außenministern und Spitzenmilitärs bietet den Akteuren unter anderem die Gelegenheit zu einem etwas informelleren Austausch. Daneben ist die „SiKo“ immer auch Gradmesser für den Stand der Beziehungen zwischen den großen Mächten.

Da steht es zurzeit bekanntlich nicht zum Besten. Der russische Präsident Putin sagte bereits frühzeitig seine Teilnahme ab. Die Vorjahre haben hinreichend bewiesen, dass Putin hätte ohnehin sagen und tun können, was immer er wollte, die stramm auf Anti-Russland-Kurs gebürsteten Westmedien hätten es ohnehin gegen ihn gewendet.

Eine Erfahrung, die diesmal Russlands Premierminister Medwedew machen musste, als er vor einem Rückfall in den Kalten Krieg warnte. Hier wurde dieser Satz kurzerhand zu einer Drohung umgedeutet, weil das halt so viel besser zum landauf, landab vermittelten Feindbild passt – der böse Russe halt.

Im Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich zuerst und da macht der Kalte Krieg keine Ausnahme, im Gegenteil: Er ist im Wesentlichen Propagandakrieg. Wer nur die Medien der eigenen Seite nach dem Motto „Right or wrong, my country“ nutzt, kann nicht erwarten ein auch nur annähernd zutreffendes Bild der Lage zu erhalten. Das gilt besonders dann, wenn sich die Medien so unverhohlen zur Partei machen, wie dies aktuell in der Bundesrepublik der Fall ist.

Da lohnt sich wieder der Blick über die Landesgrenze – idealerweise zu „neutralen Quellen“, etwa aus der Schweiz, oder gleich zu den „Feindsendern“ der Gegenseite. Das soll nun ganz und gar nicht bedeuten, dass in „Feindesland“ zutreffender berichtet würde.

Wenn aber – hier wie dort – nicht neutral im Interesse des Empfängers, sondern vorrangig zu dessen Beeinflussung berichtet wird, dann ist es eine schlichte Notwendigkeit, sich beide Seiten anzuhören. Der Mediennutzer gerät dabei in die Rolle eines Richters, der sich sein Urteil eben auch nicht alleine auf Basis des Plädoyers der Anklage bilden kann – ganz egal, ob es da konkret um die Auslöser von Flüchtlingsströmen, das Bombardement ziviler Einrichtungen oder um Truppenaufmärsche rund um die aktuellen Konfliktherde geht. Zwar wird auch so nicht immer der Blick hinter die Kulissen gelingen, eine zweite Meinung ist heute jedoch unverzichtbarer denn je, sofern man sich nicht einfach vor den Karren fremder Interessen spannen lassen will. Mehr zu diesem Thema finden Sie in der kommenden Printausgabe des Smart Investor.

Alles für ein paar „Peanuts“?

Lediglich leicht erholt hat sich die Aktie der Deutschen Bank nach dem beispiellosen Abverkauf der letzten Wochen. Die Anleger scheinen die Meldung über den angekündigten Anleiherückkauf daher nicht als ultimatives Signal der Stärke zu werten. Denn wäre dem so, hätte die Aktie deutlich stärker zulegen müssen. Auch bei Deutschlands größtem Bankhaus lohnt es sich daher, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen.

Da wäre zunächst der bereits erwähnte Anleiherückkauf: Insgesamt 5 Mrd. EUR will die Bank nun in den Rückkauf von unter pari notierenden Anleihen stecken, vergangenen Freitag wurde dazu eine Liste mit dafür in Frage kommenden Papieren genannt. So legt die Deutsche Bank unter anderem ein Rückkaufangebot für eine 2019 fällige EUR-Anleihe vor, die für maximal 97,10% des Nominalwertes erworben werden soll.

Ein 2021 fälliges Papier dürfen Anleger zu maximal 94,40% andienen. Im Idealfall lässt sich mit der Summe dieser Angebote also ein Buchgewinn von ca. 5% auf die Gesamtsumme realisieren, knapp 250 Mio. EUR. Da könnte man doch meinen, dass dies lediglich „Peanuts“ sind, für eine Bank mit mehr als 60 Mrd. EUR Eigenkapital. Gleichzeitig bindet die Maßnahme jedoch auch 5 Mrd. EUR. Liquidität, die die Bank eventuell früher oder später dringend benötigen könnte.

Mehr Schein als Sein

Andersherum gefragt: Wenn die Bank tatsächlich so „absolut felsenfest“ dastünde, wie es der CEO John Cryan letzte Woche betonte, warum kauft er dann nicht einfach Aktien im Gegenwert von 5 Mrd. EUR?

Denn immerhin könnten die Deutschbanker damit derzeit fast ein Viertel der Aktien zurückkaufen, zu 15 EUR je Aktie bei einem Buchwert von mehr als 44 EUR. Oder die zuletzt viel diskutierten CoCo-Bonds, die letzte Woche teilweise für unter 70% des Nominalwertes zu haben waren?

Die Antwort liegt auf der Hand: Sicherlich würde eine solche Maßnahme den Buchwert je Aktie signifikant steigern. Gleichzeitig würde jedoch die Rückführung von Eigenkapital an die Aktionäre die Kapitaldecke in Summe reduzieren. Was offenbart das Lesen zwischen den Zeilen im Fall der Deutschen Bank also?

Kapitalerhalt erscheint in den Zwillingstürmen derzeit offensichtlich wichtiger als Liquiditätserhalt. Oder anders ausgedrückt: Die Bank rechnet offenbar weiterhin mit hohen Abschreibungen. Die abfließenden Milliarden sollten sich dagegen relativ einfach durch frisches Geld der Zentralbank ersetzen lassen, wenn sie denn überhaupt komplett benötigt werden. Denn die entsprechenden Anleihen notieren inzwischen natürlich schon lange exakt auf bzw. über dem gebotenen Kaufpreis – idealerweise gibt es die gewünschte Signalwirkung damit komplett ohne tatsächlich Geld in die Hand nehmen zu müssen.

Kapitulation absehbar

Bislang noch kaum eine Wirkung entfachen konnten die Bestrebungen einiger der größten Ölförderländer der Welt, nun doch für eine Stabilisierung des dramatisch verfallenen Ölpreises zu sorgen. So beschlossen Saudi-Arabien, Russland, Katar und Venezuela die Produktion auf dem Niveau vom Januar „einzufrieren“. Außen vor sind hierbei jedoch auch die USA und deren Fracking-Industrie, die noch immer für ein Angebot in Nähe des Rekordhochs sorgt.

Statt in Doha oder Moskau wird die Frage nach einer Trendwende beim Öl daher wohl auch eher in North Dakota oder in Oklahoma beantwortet. Steht 2016 eine beispiellose Serie an Pleiten in der US-Fracking-Industrie an, könnte dies nämlich tatsächlich eine Reduktion des Angebotes zur Folge haben.

Einer der Kandidaten für ein baldiges Ausscheiden aus dem Markt ist Chesapeake Energy, einer der größten Förderer von unkonventionellem Schiefergas. Die Aktie notiert mittlerweile bei weniger als 2,00 USD, das Unternehmen ist nur noch etwas mehr als 1 Mrd. USD wert. Insgesamt steht Chesapeake andererseits mit mehr als 10 Mrd. USD bei Gläubigern in der Kreide, allein im dritten Quartal führten vor allem Abschreibungen auf vorhandene Assets zu Verlusten von 4,7 Mrd. USD.

Inzwischen wurden Anwälte einer auf Restrukturierungen spezialisierten Kanzlei engagiert. Alles in allem das typische Bild eines wankenden Großkonzerns. Die große Kapitulationswelle steht also bevor, und damit das „große Fressen“ durch die etablierten Öl-Multis. Exxon, Chevron, ConocoPhilipps stehen Gewehr bei Fuß, um sich die Filetstücke der gescheiterten Fracking-Pioniere unter den Nagel zu reißen.

Zu den Märkten

Nach den dramatischen Kursverlusten der letzten Wochen scheint beim DAX inzwischen erst einmal ein Pflock eingeschlagen zu sein. Zumindest legte der deutsche Leitindex einen fulminanten Wochenstart hin, der sogar zu einem Aufwärts-Gap (vgl. Abb., grünes Rechteck) im Kursverlauf führte.

2016_02_17-DAX

Inzwischen hat er sogar den Bereich von 9.300 Punkten überwunden, der sich auf dem Weg nach unten lange als Unterstützung erwies und jetzt kurz als Widerstand wirkte. Aber selbst wenn dieser Bereich, der zusammen mit der Abwärtstrendlinie (rot) als Kreuzwiderstand wirkt, nachhaltig überwunden werden sollte, sind wir deshalb noch nicht automatisch im grünen Bereich. Alle über dem aktuellen Kursniveau gekauften Positionen wirken als potenzielle „Verleiderverkäufe“ jener Anleger, die nun noch einmal unerwartet ihre Einstiegskurse sehen.

Eine interessante Situation ergibt sich beim Gold, das sich in der letzten Zeit wieder fest als Gegenspieler der Aktienmärkte etabliert hat. Parallel zum beschleunigten Kursverfall der Dividendentitel brillierte das Edelmetall. Am Montag erfolgte an beiden Märkten die Korrektur – bei den Aktien nach oben (s.o.) und bei Gold entsprechend nach unten.

2016_02_17-Gold

Dramatisch ist diese Bewegung für den Goldpreis bislang nicht, eher eine notwendige Abkühlung nach dem vorangegangenen, rasanten Anstieg. Tatsächlich kam auch in diesem Fall der plötzliche Druck auf den Goldpreis vom Terminmarkt. Das Spiel ist sattsam bekannt.

Aufhorchen lässt allerdings eine Einschätzung des Gold Anti-Trust Action Committee (GATA). Demnach sollen diesmal nicht die üblicherweise verdächtigen US-Adressen an der Preisdrückung beteiligt gewesen sein, sondern China. China gilt Gold-Fans ansonsten ja als der ultimative Nachfrage-Joker, der praktisch tagaus, tagein auf der Käuferseite steht. Für GATA ist insbesondere der Umstand bemerkenswert, dass die Preisdrückung direkt am Morgen des ersten Tags nach den chinesischen Neujahrsferien erfolgte. Und das Interesse? China kauft physisches Gold, auch um USD-Reserven zu konvertieren.

Das Motiv hinter den Käufen ist nicht etwa ein schneller Kursgewinn, sondern die Akkumulation von möglichst viel Material. Vor diesem Hintergrund macht die bewusste Abschwächung des Preises natürlich Sinn, weil dann mit gleichem Einsatz mehr Ware beschafft werden kann. Die chinesische Politik hat offenbar einen sehr viel längeren Atem, als man sich das im kurzsichtigen Westen vorstellen will…

Fazit

In Zeiten wie diesen, in denen die Medien aller Orten von schwergewichtigen Interessen genutzt bzw. missbraucht werden, ist es mehr denn je notwendig einen Blick hinter die Kulissen zu wagen. Dies gilt sowohl bei den Konfliktherden im Nahen Osten als auch dem größten deutschen Geldinstitut oder den Einwirkungen auf die Öl- und Goldpreise.

© Christoph Karl und Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

Ein Kommentar auf "Russland, Öl- und Gold: Zwischen den und in fremden Zeilen lesen…"

  1. bluestar sagt:

    Absolut gefährlich diese Russen, wollen sich einfach nicht dem faulenden Imperium und seinen treudoofen Vasallen unterwerfen und eigene Interessen vertreten.
    In der alten Ostzone musste man Westfernsehen konsumieren um sachlich informiert zu sein.
    Heute befindet sich das Westfernsehen auf DDR-Niveau und RT oder Sputnik bringen die Informationen zum Nachdenken und Vergleichen.
    Wer hätte das gedacht, aber früher waren ja Bargeldverbot, Bankensozialismus, Dauerüberwachung, Blockparteien und Planwirtschaft in diesem Lande auch unvorstellbar…