Hilfe! DAX scheitert an 8.000!

5. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Ach, was haben wir an der Börse gestaunt und auch geschmunzelt, als am Montag kurz nach dem Mittagessen plötzlich die Kurse ins Rutschen kamen… Ich war gespannt, welche Gründe man am Abend zusammen gesammelt hatte. Und dann wurde es lustig…

Am Mittag noch fragte mich eine Kollegin im Scherz, wann der DAX denn die 8.000 Punkte schaffen würde. Ich antwortete ihr, am Donnerstag in einer Woche um 16:21 Uhr. Wenn nichts dazwischen kommt.

Dem geneigten Leser dürfte es ja längst aufgefallen sein, dass sich die Nachrichten in den großen Online-Medien alle gleichen – eine Art von stiller Post mit Lizenz zum drucken. Welche Macht diese Agenturen inzwischen doch haben. Als Börsenreporter werde ich selbst nach 12 Jahren manchmal noch blass. Agenturen liefern heute die Rundherum-Sorglos-Pakete aus so vielen Buchstaben. Nicht nur zum Thema Börse. Das macht es Zeitungen und Online-Medien einfach, Texte zu produzieren. Dafür muss man kein Personal mehr vorrätig halten.

Und so haute irgend ein Kollege irgendwo in einem Büro in irgendwelche Tasten, um seinen Bericht fertig zu bekommen, weil die interessierte Leserschaft Fragen hatte, vermutlich, warum der DAX gigantische, galaktische, unglaubliche und beängstigende 2,5 Prozent verloren hatte.

Wie wäre es damit? Im Süden zogen die Renditen der spanischen Anleihen etwas an. Auch in Italien ging es mit diesen Renditen etwas aufwärts. Sollte das der Grund für das Minus von 200 Punkten beim DAX gewesen sein? Reim Dich! Oder ich fress Dich! Irgendwas musste der arme Kollege zum Dienstende geschrieben haben. Renditen passen immer gut.

Irgendwie gibt es derzeit keinen kritischen Beobachter mehr an der Börse. In der Masse schwimmt sich`s für die Masse besser. Und vor allem schaut kaum jemand derer, die vorgeben, sich mit der Sache auszukennen, auf die Währungsentwicklung, vor allem auf die in Japan. Die Gelddruckmaschine hatte heute Nachmittag eine Pause eingelegt. Folgerichtig fiel auch der DAX.

Es ist schon erstaunlich, ja fast schon beängstigend, wie einig sich die Experten in den letzten Wochen waren, dass der DAX die 8.000 Punkte schaffen wird, und das in Kürze. Solange er das nicht geschafft hat, finden sie ganz erstaunliche Gründe, dass er es demnächst schaffen wird, ja schaffen muss. Die Magie der runden Zahl scheint inzwischen auch die Pessimisten zu veranlassen, das Lager zu wechseln. Die Börse besitzt im Moment den Scharm einer Motorsportveranstaltung wie 2007. Und natürlich ist sie billig – wie immer – wenn man sich das Verhältnis der Kurse zu den Gewinnen anschaut. Niemand schaut sich unterdessen das Verhältnis der Schulden zu den Gewinnen an. Ergo: Mit wie vielen neuen Schulden quetscht ein Unternehmen neue Gewinne aus der Bilanz? Dieser Frage interessiert mich besonders. Spielt ja eigentlich auch keine Rolle mehr in einer Zeit, in der Schulden auch keine Rolle mehr spielen.

Und dann kam der Nachmittag, an dem die Kurse fielen. Unglaublich!

Eine Nachrichtenagentur schrieb, die Eurokrise würde wieder aufflackern. Der Rest schrieb ab, denn diese anderen Agenturen hatten auch keine Ahnung – so wie der Autor dieser Zeilen. Man schrieb, der spanische Ministerpräsident würde für Unruhe in Europa sorgen, da er ja angeblich mit schwarzen Kassen zu tun hatte und gerade in Berlin empfangen wurde. Aus Spanien wurden rekordige Arbeitslosenzahlen vermeldet. Erst Stunden später fielen deshalb die Kurse. Angeblich. Als ob die Nachricht nicht längst bekannt gewesen wäre. Dann tauchte wieder mal die italienische Bank Monte Paschi auf, in deren Vergangenheit irgendwie der EZB-Chef Mario Draghi auf draghische Weise verwickelt gewesen sein soll. Guten Morgen! Außerdem hat das der Ombudsmann dementiert. Guten Morgen! Aber der Schlussbericht aus der Agentur für die Interessierten musste fertig gestellt werden.

Nachdem die stille Post Abend durch war, hat man sich auf Spanien und Italien berufen, die den DAX nach unten gezerrt haben. Dabei hat der DAX mehr verloren als der italienische oder der spanische Index. Aber wenn die Zeit drängt, muss man irgendetwas schreiben. Natürlich, und da sind sich die Experten sicher, wird der DAX die 8.000 Punkte erreichen. Vielleicht jetzt nur zwei Tage später. Wenn Sie wüssten, wie sich manche Börsenhändler über diese Experten inzwischen lustig machen. Aber das erfährt keine Agentur, ist sie ja weit weg.

Kaum jemand kommt auf die profane Idee, dass es eine Lawine von Verkaufsorders gegeben haben muss. Sie trafen diesmal auf wenig Gegenwehr. Und das ist das Neue im Vergleich zu den letzten Tagen, als jede Delle sofort für Käufe genutzt wurde.

Angeblich, und das ist die ganz lustige Seite des Tages, hat die Commerzbank mit ihren 720 Millionen € Verlust im letzten Quartal die Märkte erschreckt. Das ist natürlich Unsinn, der mit der Bekanntgabe der plötzlich aus dem Hut gemeldeten Zahlen wäre die Aktie mindestens 15 Prozent abgestürzt, wenn sie wirklich so erschreckend gewesen wären. Waren sie aber nicht. Was soll bei der Coba noch erschrecken? Aber was soll man schreiben, wenn man in einer Agentur arbeitend, plötzlich 200 Minuspunkten im DAX gegenüber sitzt.

Und so geht die lustige Schreiberei über den Zustand der Märkte und der Börse in eine neue Runde. Plötzlich sind es politische Unsicherheiten in Spanien und Italien, die den Weg der Eurozone und ihr Glück durch Sparen erschüttern könnten. Was nicht passt, wird passend gemacht. Zu schreiben, der Markt lässt Luft ab, wäre zu langweilig, aber treffender als die vielen Meldungen, die sich angeblich reimen. Und heute ist ein neuer Tag, voller Überraschungen und seltsam zusammen gezimmerter Meldungen. Viel Spaß!


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Ein Kommentar auf "Hilfe! DAX scheitert an 8.000!"

  1. Michael sagt:

    Es ist wahrlich erstaunlich. Ich kann mich noch an Zeiten an der Wiener Börse erinnert, da fielen Aktien um 5, 10% und es war gar nicht unübliche eine G(Geld), rG (rapetiert Geld) Notierung zu finden, gleiches gilt für Ware hatte. Heute ist das nicht mehr zu sehen.

    Die Börsen selbst sind ja eher so schwaches Jahr vor der Gegenwart mit ihren Erwartungen. Das gestern war noch nicht mal ein Huster.

    Frankfurt und ein Rücksetzer um 2 bis 3% ist zwar etwas mächtiger, ob der bewegten Volumina, aber es betrifft ja nicht alle Aktien die in Depots rumlümmeln. Aber der Glaube es ginge ewig nach oben… Auch wenn die Bären sich zurückmelden, so naschen sie im Moment eher am Honigtopf als dass sie sich den Bienenstock vornehmen.

    http://stockcharts.com/freecharts/historical/djia1900.html

    Der interessierte Leser möge sich mal 100 Jahre DOW anschauen. Da sieht man die großen Bewegungen. Stagnation 60er/70er, den Aufschwung, die Hoffnung und den Exzess seit den 80ern. Der Chart ist logarithmisch, wenn mal wirklich etwas passiert dann fiele der im Chart dargestellte Schnitt von meiner Decke bis auf den Schreibtisch.

    Offensichtlich kratzt keinen so wirklich, dass sich seit 12 Jahren der Index in des Höhe kaum bewegt in der Spitze. Wenn sie aber genau schauen – ein Rückfall um 40% bis 50% ist nicht unüblich. Wir sind von 1929 entfernt, das ging gegen 10 bis 15% von 381 auf 41 ca. Meine Vermutung ist eher dass wir uns in einer Phase ähnlich Mitte der 60er bis 70er befinden. Die Anstiegsphasen sind interessanterweise ‚flacher‘ – vermutlich die Trägheit durch die größeren Volumen oder andere Faktoren.

    Die Frage ist eher, schafft der DOW den Ausbruch in die Richtung 30k, wenn ja was heißt das in der Praxis.

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