Highlife im Bundeskabarett

9. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer

Das Bundeskabarett, ein gut eingeführtes Tingel-Tangel-Theater in Berlin, ist erstmals mit seinem Winter-Programm 2015/2016 an die Öffentlichkeit getreten. Nachdem während der mehrmonatigen Probezeit so mancher Gag bereits nach außen gedrungen war, überraschten die Darsteller erneut und haben das handverlesene Premierenpublikum zu wahren Jubelstürmen hingerissen…

Sollten Sie demnächst in Berlin weilen und zwei Stunden plus Pause plus Sicherheitskontrolle Zeit haben, dann versäumen Sie nicht, dem Bundeskabarett einen Besuch abzustatten. Es ist tatsächlich zum Schießen – und darum geht es auch gleich im brandneuen Eröffnungssketch, den ich – Bild und Tonaufnahmen leider verboten – aus dem Gedächtnis wiedergebe:

Ein halbdunkler Raum, dominiert von einem großen, jedoch smart wirkenden Schreibtisch, geschmückt von einer dunkelgrün geschirmte Leselampe. Dahinter, den Kopf grübelnd aufgestützt, die unnachahmliche Cindy Sitzfleisch in der Rolle der Angela Merkel. In gebührendem Abstand auf dem sündhaft teuren Designer-Freischwinger mit Krokolederpolster im Chrom-Titan-Rahmen, in absolut einwandfrei militärischer Haltung, die dem Publikum ebenfalls bestens bekannte Suse Säbel, die in diesem Sketch in die Rolle der Ursula von der Leyen geschlüpft ist. Weit im Hintergrund, im Halbdunkel kaum zu erkennen, steht, nervös von einem Fuß auf den anderen tretend, der Justizminister Maas, dargestell von keinem geringeren als Otto Wallkääs. Noch schlechter zu sehen, weil hinter einer Säule fast verborgen, der Sarkasmusspezialist Sebastin Sudel heute als der grimme Jurist Wolfgang Schäuble in einem naturgetreuen Nachbau des medientauglichen und marktkonformen Rollstuhls seines realen Vorbilds.

Cindy Sitzfleisch hebt das müdigkeitsmatte Haupt, schaut irgendwie ins Nirgendwo und fragt:

„Wie iszt dasz nun, mit diesen Sztrafanzeigen? Kommen die damit durch?“

Suse Säbel macht den sowieso schon langen Hals noch ein bisschen länger, wendet das blondumkränzte Haupt langsam nach links, dann nach rechts, und weil niemand sonst antwortet, meint sie:

„Wir sollten uns nicht irremachen lassen. Der Einsatz in Syrien ist alternativlos, das hast du selbst gesagt, und damit sind wir noch immer durchgekommen. Ich meine“, und da kommt sie ein bisschen Rouge ins Gesicht (Klasse, der Beleuchter!), „ich meine, mit dem „Alternativlos“, nicht unbedingt mit dem Einsatz…“

Sebastian Sudel in seinem treppengängigen, tiefergelegten Gefährt, räuspert sich. Nicht nur einmal. Cindy blickt verstört in seine Richtung.

„Willst du was sagen, oder hast du bloß wieder keine Eukalyptus-Bonbons aus dem Finanzministerium mitgenommen, alter Geizhals!“

Sudel rollt sich ein Stück nach vorne. Hat jetzt auch vom Beleuchter einen Schwarzlicht-Spot aufgesetzt bekommen, so dass das Weiße in seinen Augen in ein beinahe übernatürliches Leuchten übergeht. Nach nochmaligen Räuspern spricht er:

„Es muss in dieser Angelegenheit vieles bedacht werden. Und ich schrpreche hier nicht von den Koschten alleine. Nein, du hättescht den Thomas nicht so abkanzlerinnen dürfen. Der Thomas kennt sisch nämlich aus, mit dem Grundsetz und mit dem Völkerrecht, und ich würde nicht meinen Rolli darauf verwetten, dass er nicht mit hinter dieser Anzeigen-Kampagne steckt. Vermutlich hascht du ihn deswegen auch nicht zu unserer Krisensitzung eingeladen. Aber was tut dann der Heiko hier, der mag ja alle sozialdemokratischen Umfaller- und Rückzieherqualitäten in sich vereinigen, die dieses Land in den letzten 100 Jahren gesehen hat, aber sein Ressort, das leiten doch seine Beamten – und ich muss sagen, gottseidank!“

Otto Wallkääs, der hier den Maas gibt, springt hoppelnd auf den Schreibtisch der Kanzlerin zu.

„Haben Sie gehört, was der gesagt hat? Haben Sie das gehört? Darf der das…???

Ein tadelnder Blick von Cindy Sitzfleisch und der Ordnungsruf: „Nun setzen Sie sich mal wieder hin, Herr Sozialdemokrat. Ja, der darf das – und wenn Ihnen das nicht passt, dann können Sie ja mal überlegen, was Ihnen lieber ist: Minister in der Groko, oder Philister im eigenen Wahlkreis!“

Wallkääs hüpft zurück, wie er vorgerückt ist, nur etwas zügiger.

Die Sitzfleisch, leichten Ärger in der Stimme, rumpelt vom Stuhl hoch, stützt sich mit beiden Armen fest auf den Schreibtisch und meint:

„Alszo, wie lange dauert dasz den heute wieder, bisz wir auf den Punkt kommen? Bin ich denn von lauter Profilneurotikern umgeben? Ich will nur einesz wisszen, nämlich ob ich Angst haben mussz, eines Tages wegen so Vöglerrechtszeug und Grundgesetz verurteilt zu werden. Iszt da nun wasz dran, hat jemand von euch eine Ahnung, oder mussz ich doch wieder bei dieser sauteuren englischen Anwaltszkanzlei anrufen? Wasz iszt, Justizminister? Ahnung, oder doch keine?“

„Wir haben ein Brainstorming veranstaltet, im Ministerium.“

Die Sitzfleisch, die Säbel und der Sudel brechen in Gelächter aus. Wortfetzen:

„Ach ja, ein Brainstorming…“ – „Spinnen erlaubt, oder?“ – „Kommt doch nie was bei raus“

Die Cindy: „Schluss jetzt. Nun lasst ihn doch mal erzählen.“

Otto schleppt einen Beamer an, verbindet den mit seinem abhörsicheren Bundes-Smartphontabletdingsda und wirft ein erstes Bild an die Wand. Da steht zu lesen:

EWK2015-12-08

Alle starren auf die Projektion. Der Rollstuhl bewegt sich quietschend nach vorne. Der Schäuble-Darsteller meint: „Macht mal Platz da, hab meine Brille seit Wochen verlegt. Hat den Vorteil, dass man gar nicht erst so genau hinschauen muss. Hehehe!“

Die Merkel-Darstellerin löst sich von der Projektion und meint:

„Das ist wirklich ein Anfang. Ich hab’sz ja immer gesagt, Schritt für Schritt und Sztep by Sztep! So wird’sz gemacht. Bringen Sie mir das bloßz schnell in Gang, Herr Jusostizminister.“

Maas-Otto-hoppelt davon. Endlich ist der engere Führungskreis unter sich.

„Szooo, der iszt beschäftigt. Und was machen wir nun wirklich, Wolfgang?“

„Erschtens werd ich den Bundesanwalt anrufen und ihm klarmachen, dass er die Klagen auf alle Fälle erscht einmal als unbegründet zurückweisen soll – und zweitens, ich weiß ja, dass ihr keine Ahnung habt, aber ich erklärs einfach mal für Dummies…“

„Na, na, na … noch bist du nicht Bundeszkanzler …, also reißz dich zuszammen!“

„Isch ja schon gut. Zweitens ist die Sache mit dem Völkerrecht so, dass die UN mit allen Mitteln zum Kampf gegen den IS aufruft. Wer das nicht als UN-Mandant interpretieren will, muss die Hosen mit der Kneifzange anziehen. Glatter Durschmarsch, auch in Den Haag. Gar kein Problem. Drittens, die NATO und viertens die EU und fünftensch Frankreich, das hat sogar der Heiko begriffen, da ist auch kein Problem. Bleibt sechstens, dieses vermaledeite Grundgesetz, das schon die Vorbereitung eines Angriffskrieges unter Strafe stellt. Da sehe ich aber auch kein Problem, denn wir alle verwenden den Begriff Krieg nur umgangssprachlich, also ohne jede rechtliche Relevanz. In Wahrheit, und darauf haben wir uns geeinigt, gell Suse, wissen wir, dass es nur ein ein bewaffneter Konflikt ist, sozusagen ein Polizeieinsatz der Bundeswehr im Äußeren. Aber der größte Kracher kommt erst noch!“

„Und der wäre? Spann uns doch nicht so auf die Folter!“

„Ja, Wolferl, wasz meinszt du denn, dassz unsz noch retten könnte!“

„Bitte. Da kommt ihr nie drauf. Aber schon in der Bergpredigt heischt es: Selig sind die Einfältigen!“

„Wasz szoll nun dasz schon wieder?“

Da dröhnt schallendes Gelächter aus dem Rollstuhl. „Ihr schnallt es wirklich immer noch nicht?

Bestraft wird die Vorbereitung eines Angriffskrieges! Die Vorbereitung! Mensch!

Habt ihr beiden Hübschen jemals irgendetwas vorbereitet? Das wäre mir aufgefallen.

Aber eure kopflose Hektik wird euch vor einer Verurteilung bewahren, da wett ich meine verlegte Brille drauf.“

Suse Säbel scheint die feine Ironie erkannt zu haben und meint, sich rechtfertigen zu müssen:

„Nun ja, mit dem „nicht vorbereitet“ magst du ja Recht haben. Es war aber auch überhaupt keine Zeit dafür! Aber die Vorbereitung ist ja nicht alles. Ich werde diesen Angriffskrieg schließlich führen! Und Führen ist mindestens so wichtig, wie Vorbereiten. Was ist denn damit?“

„Träum weiter, Suse! Du wirst auf der ganzen Welt keinen Militärhistoriker finden, der dir bescheinigen würde, du könntest einen Krieg führen. Erstens ist es kein Krieg, sondern ein militärischer Konflikt, und zweitens sollte auch dir inzwischen klar geworden sein, wer dein oberster Kriegsherr ist – und, bitte, das ist auch nicht unsere liebe Cindy!“

Der Vorhang fällt unter frenetisch betretenem Beifall des Hauptstadtpremierenpublikums. Alle atmen auf, denn auch hier hat das Kabarett wieder einmal die erlösende Antwort gegeben, die selbstverständlich auch alle Abgeordneten aufatmen lässt, die genau so hurtig und unvorbereitet Ja gesagt haben.

Alle weiteren Sketche des Winterprogramms sollten Sie sich selbst ansehen. Die Bühne ist doch etwas ganz anderes als eine noch so lobesvolle Kritik. Und ARD und ZDF bringen täglich mehrmals die neuesten Höhepunkte auf ihr heimisches Empfangsgerät. Gute Nacht, Deutschland!

© Egon Wolfgang Kreutzer – Homepage

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Ein Kommentar auf "Highlife im Bundeskabarett"

  1. astroman sagt:

    Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Da steckte erkennbar sehr viel Arbeit und Liebe zum Detail drin… war stimulierend zu lesen (von Spaß kann man da ja per se nicht reden…).

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