Hier werden Sie geholfen – oder auch nicht. Oder: Warum immer mehr „Rettung“ benötigt werden wird.

27. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) In Griechenland läuft es wieder einmal unrund: Nicht nur wurden neue Haushaltslöcher im zweistelligen Milliardenbereich „entdeckt“, auch der Streit um die Umsetzung der Sparauflagen eskaliert. Jetzt wird das Land erst einmal wieder durch einen Generalstreik gelähmt – zynisch gesagt eine Abwechslung zu der Lähmung durch die schwere Rezession. Aber wie sich die Bilder gleichen: Gestern Athen, heute Madrid, morgen Rom?

In Madrid kam es – wie die hiesige Presse freundlich formuliert – zu „Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten“. Sieht man sich ein Video dazu auf Russia Today (RT.com) an, dann spricht das eine etwas andere Sprache: Uniformierte machen mit Knüppeln und Gummigeschossen Jagd auf unbewaffnete Zivilisten, trifft es eher.

Da in Euro-Fragen von offizieller Seite ohnehin geradezu gewohnheitsmäßig gelogen wird, schadet es zumindest nichts, sich hin und wieder bei „Feindsendern“ eine zweite Meinung einzuholen. Im Gegensatz zu den heimischen Propagandaanstalten werden dafür noch nicht einmal Zwangsgebühren fällig.

Aus den jüngsten Entwicklungen ergeben sich ganz zwanglos einige Fragen: Warum druckt die EZB nicht einfach ein paar Milliarden mehr, oder herrscht bereits Papier-, pardon, Baumwollknappheit? Wann eigentlich gehen einmal die Deutschen für ihre Interessen auf die Straße? Und: Wofür wurden eigentlich die ganzen „Rettungsgelder“ ausgegeben?

Sinn klärt auf

Wenn wir die Bilder aus Madrid oder Athen sehen, dann wissen wir zumindest, wofür sie nicht ausgegeben wurden. Es scheint, als ob das Geld in höheren Sphären hängenbleibt, während lediglich die Sparauflagen nach unten durchgereicht werden. Alleine für Griechenland wurden nach Angaben der EU-Kommission bereits mehrere hundert Milliarden Euro an „Hilfe“ geleistet, trotzdem geht es der Bevölkerung immer elender. Eine schöne Hilfe ist das, mit einem lausigen Ergebnis.

Gerade zu Griechenland sind wir von ifo-Präsident Prof. Hans-Werner Sinn Klarsprech gewohnt – so auch in der BBC-Sendung „HARDtalk“ (engl.) vom 19.9.2012. Wohlwollend betrachtet war die Interviewerin mit den Details nicht wirklich vertraut. Tatsächlich aber waren manche Fragen so einseitig und voller Unterstellungen, dass es schien, als sollte Sinn vorgeführt werden. Sinn schlug sich ausgesprochen wacker. Mit einer Engelsgeduld stellte er richtig, widersprach, korrigierte – all dies mit einem freundlichen Lächeln. Das Interview ist reich an Highlights, etwa, als die Journalistin sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als die scharfe Kritik der Kanzlerin an Sinns Thesen zu zitieren, so als ob das ein Beleg für irgendetwas wäre.

Hatte man den Deutschen nicht stets vorgeworfen, zu obrigkeitshörig zu sein? Jetzt kommt einer mit Zivilcourage und muss sich von der BBC durch die Blume vorhalten lassen, nicht obrigkeitshörig genug zu sein? Den gleichen Kunstgriff versuchte die Interviewerin noch einmal, als sie die abweichende Meinung des aktuellen griechischen Premiers Samaras zu einem möglichen Euroaustritt Griechenlands zitierte, nach dem Motto: „Aber Samaras hat gesagt.“ Sinn konterte kühl: „Ich bin nicht sicher, ob er ein Ökonom ist“. Sehenswert.


Noch mehr „Klarsprech“

Ebenso sehenswert ist ein Interview mit dem Staatsrechtler Prof. Karl Albrecht Schachtschneider vom 9.9.2012, das also noch vor dem Karlsruher Spruch zu den ESM-Eilanträgen am 12.9.2012 aufgezeichnet wurde. Schachtschneider sprach beim Kongress „Crash, Chaos, Chance! – Erfolgreiche Strategien in der Krise II“ der Sven Hermann Consulting in Fulda. Kaum einer kennt die Unrechtsgeschichte der EU-Selbstermächtigung genauer als er. Bereits im Jahr 1992 legte er im Auftrag von Manfred Brunner Verfassungsbeschwerde gegen das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Maastricht ein. Einen Beitrag von Manfred Brunner finden Sie übrigens im großen Sonderteil „Euro – quo vadis?“ im neuen Smart Investor 10/2012, der am kommenden Samstag, 29.9.2012 erscheint.

Schachtschneider aber wirkte bereits vor dem Karlsruher Spruch reichlich desillusioniert, was die Aussichten anlangte, dem Treiben der Euro-„Retter“ auf juristischem Wege Einhalt zu gebieten. Er zeichnete ein äußerst düsteres Bild von dem, was in der EU noch auf uns zukommen wird. Das ist umso bemerkenswerter, als Schachtschneider weder ein Verschwörungstheoretiker noch ein Apokalyptiker ist. Vielmehr steht Schachtschneider auf den Fundamenten der Kantschen Freiheitslehre und der Ideen der europäischen Aufklärung. Die einzige Chance, die er noch sieht, sind die Parlamente, solange diese „noch halbwegs funktionieren“. Ein bedrückendes Zeitzeugnis, das ebenfalls sehr sehenswert ist.

Zu den Märkten

Die Börsen zeigen am heutigen Mittwoch deutliche Minuszeichen. Grund sind Spekulationen darüber, dass Spanien bald komplett unter den Rettungsschirm schlüpfen wolle, nachdem vor kurzem deren Banken mit einer 100-Mrd-Euro-Spritze gerettet wurden. Wie wir in den letzten Weeklys aufgezeigt haben, gehen wir davon aus, dass mit den Zentralbank-Ankündigungen der letzten Wochen – von EZB, Fed aber auch den Zentralbanken von China und Japan – nun eine neue Ära eingeleitet wurde.

Mit frischem Geld will man die Konjunktur stützen, und das dürfte für eine Zeitlang auch gelingen. Insofern dürfte auch die von uns ursprünglich für Gesamteuropa heranziehende Rezession – in den Südländern ist sie ja ohnehin schon Fakt – ausbleiben oder doch milder ausfallen als ursprünglich befürchtet. Mehr dazu aber im Smart Investor 10/2012. Es ist davon auszugehen, dass die anstehende Korrektur noch einige Zeit länger in Anspruch nehmen wird. Die 50- und 200-Tage-Durchschnitte verlaufen jedoch noch deutlich unter dem jetzigen Niveau.

Fazit

Trotz Verschnaufpausen und Rücksetzern wird sich die „unbegrenzte“ Liquidität der Notenbanken letztlich durchsetzen. Eine Rückkehr zu einer seriösen Geldpolitik ist nicht in Sicht.

©Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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Ein Kommentar auf "Hier werden Sie geholfen – oder auch nicht. Oder: Warum immer mehr „Rettung“ benötigt werden wird."

  1. crunchy sagt:

    Man sucht doch immer den Einen, den es ja wirklich nicht gibt, der aber für Alles verantwortlich sein könnte. Den Einen, der sich einfangen liess, weil er sich davon sagenhaftes Wohlleben versprach. Der sich davon versprach, auchmal dazuzugehören, ein ganz Grosser zu sein. Nein, nicht Der mit dem kleinen Vaux-Pas, dessen First Lady sich von ihm gerne mal geldenderweise literarisch, ohne H(?)osenkrieg
    zahlen liess. Sondern ja, Einer, der sich gerne anpasste, um Denen zu dienen, die dafür nichtmal mit Geld, gar Gold, nur mit Fordern und Fördern, ihre Interessen vielfältig vertreten fanden.
    Jemand, der sogar von Oskar, dem Linken fontainiert wurde:

    http://www.heise.de/tp/artikel/30/30616/1.html

    http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Asmussen

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