Herausforderung Realität

17. Dezember 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Erstaunlich viele Anleger wenden sich in den letzten Monaten von der Börse ab. Ein Phänomen, das wir in dieser Dimension so auch bei einer längeren Baisse nicht erlebt haben. Und das, obwohl die Kurse steigen. Oder … vielleicht gerade deswegen? Ich denke in der Tat, dass genau das der Grund ist – zumindest der vordergründig erkennbare. Denn…

Natürlich ist es gerade für rational denkende Menschen schwer nachvollziehbar, dass viele Aktienindizes nahe ihrer bisherigen Allzeithochs notieren oder sie, wie der MDAX, bereits überschritten haben, während die Kombination aus jahrzehntelanger Ignoranz gegenüber absehbaren Gefahren einerseits und völlige Hilflosigkeit von Politik und Notenbanken andererseits dafür sorgt, dass die Weltwirtschaft unaufhaltsam auf einen Abgrund zutorkelt, dessen Tiefe nicht absehbar ist. Rallyes an den Börsen kommen einem da in der Tat wie ein von Verrückten inszeniertes Kasperletheater vor. Aber wer rational denkt, kann und muss auch einen Schritt weiter denken und erkennt dann die seltsame und doch verständliche Logik, die sich dahinter verbirgt:

Richtig ist zwar, dass die Zahl derjenigen unlängst noch in stabilen finanziellen Verhältnissen lebenden Menschen in den USA und Europa, die jetzt immer mehr in Not geraten, zügig steigt. Richtig ist aber auch, dass das Gesamtvermögen auf der Welt dennoch zunimmt. Die Zahl derer, die viel davon besitzen, schwindet zwar, aber die werden – im Moment noch – immer reicher. Und wenn es um die Kursentwicklung insbesondere der Aktienmärkte geht, spielen nur drei Faktoren eine Rolle: Die Menge des vorhandenen, dafür verfügbaren Geldes, die möglichen Anlagealternativen und Emotionen wie Gier, Hoffnung oder eben Angst. Wobei letztere darüber entscheiden, ob mehr Geld unters Kopfkissen oder an die Börse wandert. Die Zahl der Anleger an sich ist hingegen irrelevant.

Momentan sind die Anlagealternativen problematisch. Der vom Volumen her viel größere Rentenmarkt hat entweder sehr niedrige Renditen zu bieten oder, bei höherer Verzinsung, entsprechend höhere Risiken. Und die werden aktuell mehr wahrgenommen als die Risiken am Aktienmarkt, wenngleich diese eigentlich, gerade auf diesem Kursniveau, höher sind. Aber es sind momentan die Gier auf noch mehr Kursgewinne einerseits und die Hoffnung darauf, dass doch noch irgendwie alles wieder ins Lot kommt und die Weltwirtschaft wieder ungehindert wächst andererseits, die dafür sorgen, dass viele Akteure diese Gefahren nicht wahrnehmen. Und wie immer, wenn ein gewisser Punkt an Irrationalität erreicht ist, trägt der Umstand, dass die Kurse dann die Nachrichten beeinflussen und nicht die Nachrichten die Kurse (d.h., dass z.B. eigentlich negative Nachrichten bei steigenden Kursen entweder schöngeredet oder unter den Teppich gekehrt werden) dazu bei, dass diese emotional gesteuerten Akteure weiterhin außerstande und/oder nicht bereit sind, die Risiken zu erkennen.

Und so steigt, was eigentlich fallen müsste. Bis zu dem Augenblick, an dem die Angst wiederkommt. Was nie vom Zeitpunkt her vorhersehbar ist, aber sicher ist: Es wird passieren. Denn auf Dauer haben die Faktoren „Geld“ und „Hoffung“ sich nie gegen eine sukzessive Verschlechterung der Gesamtlage durchsetzen können. Und da sich umso mehr Marktteilnehmer sicher fühlen, je länger ein solcher im Prinzip irrationaler Aufwärtstrend vorhält, wird es viele auf dem falschen Fuß erwischen. Weshalb es immens wichtig ist, sich zwar nicht vor den fahrenden Hausse-Zug zu stellen, aber immer im Hinterkopf zu haben, dass es sich dessen Insassen auf einem Pulverfass gemütlich gemacht haben. Aber das ist nur ein Aspekt, der Anlegern sauer aufstößt – und vielleicht, vor allem für die erfahrenen Investoren, der weniger gravierende.

Deutlich unangenehmer ist die Zunahme des Tempos der Kursbewegungen bzw. deren Unberechenbarkeit. Die wachsende Dominanz computergesteuerter Handelsprogramme und, eingeschränkt in ihrer Wirkung, auch der Daytrader, verursacht Kursausschläge, die einem normalen Anleger allzu oft das monetäre Fell über die Ohren ziehen. Sie tauchen mitten am Tag auf und walzen immer wieder alle rational gesetzten Stoppkurse nieder. Wer da auf Tagesbasis oder auf Wochenbasis agiert, hat es zunehmend schwerer. Das zusätzlich frustrierende dabei ist, dass die Charts dann im Nachhinein völlig harmlos aussehen … und man mitten im Getümmel doch zu spüren bekommt, dass es die Kursausschläge selbst keineswegs sind…

Das sind Veränderungen, die es dem normalen Investor, der nicht permanent auf seine Positionen aufpassen kann, immer schwerer machen. Und auch ich habe mit meinen Börsendiensten alle Hände voll zu tun, Wege zu finden, diesen Herausforderungen Herr zu werden. Während das für den täglich erscheinenden Dienst in den letzten Monaten wieder recht ordentlich gelang, steht der mittelfristig, auf Wochenbasis agierende Dienst dadurch vor einer größeren Neustrukturierung, die nun zur Jahreswende greifen wird. Sicher, es ist nicht schön, dauernd umdenken und auf der Hut sein zu müssen. Aber ist die Börse deshalb wirklich ein Kasperletheater?

Ich denke nicht. Sie wandelt sich. Das hat sie schon immer getan. Und dass das Tempo dieses Wandels zunimmt, ist zwar eine permanente Herausforderung … aber gilt denn das nicht für alles in unserem Leben?

Die mediale Bestrahlung nimmt zu. Das Tempo, mit denen uns Nachrichten um die Ohren gehauen werden, erst recht. Und immer öfter sind Informationen in diesem Wettlauf um Aktualität und Einschaltquoten falsch und nicht verifiziert. Der Konsumzwang nimmt zu. Immer mehr Menschen wollen immer mehr Dinge ohne etwas dafür leisten zu wollen. Das Anspruchsdenken wächst, während das soziale Gefüge zugleich immer mehr aus den Fugen gerät. Wir können mittlerweile spielend leicht mit immer mehr Menschen in immer größeren Entfernungen kommunizieren, auf immer mehr Wissen problemlos zugreifen … und doch nimmt die Zahl vereinsamter Menschen zu und das Allgemeinbildungsniveau sinkt, vor allem in den alten, satten Wohlstandsregionen der Welt. Nicht gut. Aber:

Sollte man sich deswegen auch von der Welt als solcher abwenden? Sich dem Karottenanbau auf den Lofoten widmen, weil einem die Welt nicht passt – weil sie sich verändert? Sicher, viele Veränderungen sind nicht gut, manche sogar gefährlich. Aber ich meine, dass der gesellschaftliche Wandel dennoch beispielsweise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts markanter und tiefgreifender war als der heute, der sich, genau genommen, ja vor allem an der Oberfläche abspielt. Wandel ist Herausforderung – und was mich betrifft, so jammere ich zwar auch bisweilen darüber, dass die Börse früher viel leichter war. Aber es ist eine Herausforderung – und ich nehme sie gerne an. Wie man damit umgeht, ist jedermanns eigene Entscheidung. Aber ich finde, dass man diesen Veränderungen zumindest zugestehen sollte, dass sie auch Vorteile haben können – an der Börse ebenso wie außerhalb der Börsensäle – wenn es gelingt, neben der daraus entstehenden Notwendigkeit, sich auf seine alten Tage immer noch anpassen zu müssen, auch die daraus entstehenden Vorteile zu nutzen.

Ich finde: Wir haben nur diese eine Welt und somit auch nur eine Realität. Und wir haben auch nur diese eine Börse. Sie ist, wie sie ist. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er das akzeptiert oder nicht – aber ich für meinen Teil nehme die Aufgabe an, mich in dieser sich nonstop wandelnden (Börsen-)Realität zurechtzufinden.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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