Hellseherei in schwarzen Löchern

8. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Haben Sie schon etwas von Vitor Constâncio gehört oder gelesen? Nein? Dann sollten Sie das bei nächster Gelegenheit nachholen, denn der Mann ist Vizepräsident der EZB und hat sich als Hellseher betätigt – aus Anlass des Bankenstresstests mit dem folgenden Satz…

„Diese beispiellose und eingehende Prüfung der Positionen der größten Banken wird das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Bankensektor deutlich stärken.“ Doch genau das wird sie nicht, weil sie es einfach nicht kann. Obwohl Sie vom Thema Bankenstresstest zwei Wochen nach dessen Abschluss wahrscheinlich nichts mehr wissen wollen, sollten Sie diesen Beitrag hier weiter lesen. Denn in dem Thema steckt mehr Brisanz, als die bisherige Diskussion darüber offenbart hat.

Beginnen wir mit dem Ergebnis eines Streitgesprächs zwischen Vitor Constâncio und Claudio Borio, einer der führenden Volkswirte der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), am Rande der letzten Tagung des Internationalen Währungsfonds in Washington. Die BIZ ist bekanntlich die Bank der Zentralbanken, also in gewisser Hinsicht der EZB übergeordnet. Doch eine einheitliche Linie verfolgen beide nicht, ganz im Gegenteil. Constâncio und Borio stritten sich darüber, ob Zentralbanken mithilfe der Leitzinsen Finanzblasen vermeiden sollten. Constâncio sagte entschieden ja, Borio ebenso entschieden nein. Wenn zwei mächtige Finanzinstitute derart auseinanderliegen, fragt man sich unwillkürlich, ob es nicht schon bald zu einem Knall in aller Öffentlichkeit und damit zu einem allgemeinen Vertrauensverlust kommen wird.

Ansatzpunkte dafür gibt es ja genug, und die gehen bereits aus dem Stresstest hervor. So müssen viele deutsche Banken schleunigst ihre veralteten Geschäftsmodelle auf Tauglichkeit überprüfen und Erträge erheblich steigern, um überleben zu können. Doch ausgerechnet die aus dem Boden gestampfte Bankenunion erweist sich dabei als großes Hindernis: Sie kostet die deutschen Institute nach Berechnungen der DZ Bank bis zu 10 Milliarden Euro – jährlich!

cover_gDie EZB ist durch ihre neuen Aufgaben zu einem komischen Gebilde mit viel Aktivismus geworden: Sie vereinigt Geldpolitik und Bankenaufsicht, vergibt und entzieht Banklizenzen und fährt mit ihren Anleihenkäufen zunehmend den Regierungen in die Parade, indem sie sich immer mehr der Fiskalpolitik nähert. Derweil warnt und warnt die BIZ davor, dass die EZB mit ihrer Geldpolitik an Grenzen stößt. Das ist kein Widerspruch zu deren Aktivismus; denn die BIZ zielt darauf ab, dass die Geldpolitik in Anbetracht der allseits hohen Schulden immer mehr an Wirkung verliert – was wiederum die EZB nicht davon abhält, mit ihrer expansiven Geldpolitik fortzufahren. Ihr Chef Mario Draghi hat dazu am vergangenen Donnerstag wieder ein dickes Ausrufezeichen gesetzt.

Warum die EZB zu einem komischen Gebilde geworden ist, ergibt sich aus ihrem widersprüchlichen Doppelmandat: einerseits Geldpolitik, andererseits Aufsicht über Banken, deren Erträge von der Geldpolitik abhängen, in letzter Instanz jeweils vom selben Gremium entschieden – Interessenkonflikte sind da so gut wie programmiert. Senkt oder hebt die EZB zum Beispiel die Zinsen, wirkt sich das auf die Ertragsrechnungen der Banken positiv oder negativ aus. Sorgt sie für mehr Kredite oder schränkt sie diese ein, ist der Effekt ähnlich. Schlüpft sie in die Rolle der Aufsicht, muss sie dafür sorgen, dass Banken in all solchen Fällen über genug Kapital verfügen, dass sie nicht allzu hohe Risiken eingehen und dass sie nach Schieflagen gerettet werden.

Beim Stresstest wurde ein Jahr lang unter anderem eine negative Entwicklung der Konjunktur simuliert. Über 6000 Experten prüften mehr als 800 einzelne Portfolios einschließlich der Kreditqualität von 119.000 Bankschuldnern. Als Ergebnis kam mehrfach Scheingenauigkeit heraus, etwa wenn es im abschließenden Bericht der EZB heißt: „Kapitallücke von 25 Mrd € bei 25 teilnehmenden Banken festgestellt“ oder „Korrektur der Bewertung von Bankaktiva um 48 Mrd € erforderlich, wovon 37 Mrd € nicht zur Kapitallücke beitrugen“.

In nächster Zeit werden wir vonseiten der EZB immer häufiger mit solchen Zahlen überschüttet. Ihre Aussagekraft dürfte indes begrenzt sein. Das liegt allein schon daran, dass sie von Problemen jenseits der Zahlen überlagert werden. Man denke nur an die aus dem Doppelmandat der EZB entstehenden Konflikte, an die im Stresstest berücksichtigten, aber nicht realisierten Maßnahmen zur Schließung von Kapitallücken oder an die durchgefallenen maroden Banken aus Italien, die für erhebliche negative Schlagzeilen sorgen werden. Das von Constâncio beschworene Vertrauen der Öffentlichkeit gegenüber Banken wird da wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Manfred Gburek – Homepage




 

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