„Helikopter-Euros“ im Anflug

2. April 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Throsten Polleit

I. „Ein sehr interessantes Konzept“

Auf der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) am 10. März 2016 antwortete EZB-Präsident Mario Draghi auf eine ganz besondere Frage eines Journalisten. Sie lautete: „Enthält der Instrumentenkasten der EZB auch HelikopterGeld, entweder in Form der direkten Finanzierung öffentlicher Investitionen … oder in Form direkter Geldtransfers an die Konsumenten?“ Die Antwort von Herrn Draghi war durchaus vielsagend:

„Wir haben über Helikopter-Geld nicht wirklich nachgedacht oder gesprochen. Es ist ein sehr interessantes Konzept, das nun von akademischen Volkswirten diskutiert wird … Aber wir haben das Konzept noch nicht wirklich studiert.“

Diese Worte sind bei den aufmerksamen Marktbeobachtern sehr wohl angekommen und verstanden worden: Helikopter-Geld ist durchaus eine mögliche Maßnahme, zu der die EZB greifen könnte. Wir hatten bereits vor zwei Wochen im Degussa Marktreport das Thema „gestreift“. Angesichts seiner Bedeutung – nicht zuletzt auch für Edelmetallanleger aus dem Euroraum – ist jedoch eine etwas eingehendere Behandlung angeraten. Der Einstieg in das Thema ist das Deflationsgespenst.

II. Das Deflationsgespenst

Wenn es etwas im Geldwesen gibt, das bei vielen Menschen Ängste schürt, dann ist es vermutlich das Wort Deflation. Mit ihm verbindet man Preisverfall, Produktionseinbruch, Massenarbeitslosigkeit und Massenelend. Für den unbedarften Beobachter erscheinen daher alle Politikmaßnahmen als gut und richtig, die versprechen, eine Deflation abzuwehren.

Doch was ist Deflation genau? Unter Deflation versteht man einen Rückgang der Preise auf breiter Front. Das ist im Grunde nicht problematisch. Denn eigentlich ist es genau das, was sich die Konsumenten wünschen: Güter zu niedrigen Preisen kaufen zu können. Im heutigen Schuldgeldsystem stehen die Dinge allerdings etwas anders. Das Schuldgeldsystem ist quasi darauf aufgebaut, dass die Güterpreise im Zeitablauf immer weiter ansteigen.

Sinken hier die Preise plötzlich – stellt sich also eine Deflation ein -, gerät das Schuldgeldsystem ins Wanken, es kann sogar kollabieren. Daher setzen die Zentralbanken auch alle Mittel ein, um die Preise vor dem Absinken zu bewahren. Das lässt sich auch bewerkstelligen, wenn es gelingt, die Geldmenge unablässig und in ausreichendem Maße auszuweiten. Doch man sollte nun nicht meinen, dass das auf eine Politik hinausliefe, die den Wohlstand, die Prosperität einer Volkswirtschaft mehren würde.

III. Falsche Lehren

Es ist eine weitverbreitete Auffassung, dass mehr Geld erforderlich sei, damit die Wirtschaft wachsen kann: dass nur so die Güterproduktion zunehmen kann, mehr Menschen einen Arbeitsplatz finden und höhere Einkommen erzielen können. Doch stimmt das? Kann ein Ausweiten der Geldmenge den Wohlstand heben? Nun, wenn das so wäre, dann stellt sich die Frage: Warum sind wir nicht reicher, als wir es sind?

Ließe sich mit einer Ausweitung der Geldmenge Wohlstand schaffen, so könnte man doch ganz leicht die Armut auf der Welt beenden. Man müsste nur mehr Geld produzieren – was heutzutage ja unbegrenzt und quasi kostenlos möglich ist. Doch dass eine Gesellschaft durch Geldmengenvermehrung reicher wird, ist ein Märchen.

Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass das Geld eine und nur eine Funktion hat: Und das ist die Tauschmittelfunktion. Die Recheneinheits- und Wertaufbewahrungsfunktionen sind lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion. Daraus folgt: Ein Ausweiten der Geldmenge bringt für die Volkswirtschaft insgesamt keinen Nutzen. Es senkt lediglich die Kaufkraft des Geldes – und – was problematisch genug ist – erschwert dadurch die Tauschvorgänge.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich ist Geld nützlich. Es hat produktive Wirkungen, und eine moderne arbeitsteilige Volkswirtschaft wäre ohne Geld gar nicht möglich. Die produktive Wirkung bezieht sich jedoch nur auf die gerade vorhandene Geldmenge. Das Vermehren der Geldmenge bringt keinen Nutzen für die Volkswirtschaft insgesamt. Allerdings profitieren einige auf Kosten anderer, wenn die Geldmenge steigt. Das ist auch der Grund, warum es Gruppen in der Gesellschaft gibt, die ein unablässiges Ausweiten der Geldmenge befürworten; die darauf drängen, dass die Geldmenge unablässig ausgeweitet wird. Dieser Sachverhalt wird nachstehend noch näher erklärt.

Im Zuge der Diskussion um die „richtige“ Vorgehensweise zur Abwehr einer Deflation, zur Belebung des Wirtschaftswachstums und zur „Krisenbekämpfung“ ist ein neuer Begriff aufgetaucht: „Helikopter-Geld“. Was damit gemeint ist und welche Konsequenzen die Ausgabe von Helikopter-Geld hat, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

IV. Die Idee des ‚Helikopter-Geldes‘

Der Begriff „Helikopter-Geld“ geht auf den amerikanischen Ökonomen Milton Friedman (1912-2006) zurück. Mit dem Begriff „Helikopter-Geld“ wollte er deutlich machen, dass die Zentralbank – die der Zwangsmonopolist der Geldproduktion ist – die Geldmenge jederzeit und in jeder beliebigen Menge ausweiten kann; und dass es in einem ungedeckten Papiergeldsystem, in der die Geldproduktion von der Zentralbank monopolisiert ist, so etwas wie Geldknappheit nicht geben wird, wenn das politisch nicht gewünscht ist. Anders gesprochen: Eine Zentralbank kann quasi jederzeit für Inflation sorgen, indem sie zum Beispiel neu gedruckte Banknoten aus dem Hubschrauber über der Volkswirtschaft abwirft. Die neuen Scheine würden, so Friedman, begierig von den Menschen aufgesammelt und für Käufe, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöhen, eingesetzt. Die steigende Nachfrage würde die Güterpreise in die Höhe treiben.

Mit Helikopter-Geld ist eine ganz bestimmte Produktion und Verteilung der Geldmenge angesprochen. Bislang ist es so, dass die Geldmenge im Wesentlichen durch die Kreditvergabe der Banken geschaffen wird. Vergibt eine Bank einen Kredit, schafft sie neues Geld – und zwar „aus dem Nichts“.

Wenn aber die Banken nicht mehr in der Lage oder willens sind, die Geldmenge durch Kreditvergabe zu vermehren oder die Nachfrage nach neuen Krediten schwindet, versiegt auch der Zustrom von neuem Geld in die Volkswirtschaft. Dann wird es heikel für das Schuldgeldsystem. Vielen überdehnten Schuldnern droht die Zahlungsunfähigkeit, der Wirtschaft die Rezession. Um das abzuwenden, wird nunmehr von einigen Ökonomen das Helikopter-Geld als gangbare Alternative angesehen, um für die politisch gewünschte Vermehrung der Geldmenge zu sorgen. Man könnte also auf die Idee kommen, dass mit der Ausgabe von Helikopter-Geld genau die Geldmenge bereitgestellt werden könnte, die von den Banken nicht mehr durch Kreditvergabe geschaffen wird – dass also das Helikopter-Geld die „Lücke“ in der Geldversorgung schließt, für die die zurückhaltende Bankkreditvergabe sorgt. Was ist davon zu halten?

V. Das Experiment

Die Ausgabe von Helikopter-Geld kommt einem gewaltigen (Sozial-)Experiment gleich. Die Idee ist wie folgt: Wird Helikopter-Geld ausgegeben, besteht die Hoffnung, dass die nominalen Einkommen ansteigen, ohne dass dafür ein Anwachsen der Schulden erforderlich wäre. Auf diesem Weg lassen sich die Verschuldungslasten der Volkswirtschaften im Zeitablauf absenken. Dabei kommt es natürlich darauf an, ob die Ausgabe von Helikopter-Geld die nominalen Einkommen steigen lässt, weil (1) es inflationär wirkt und die Güterpreise in die Höhe befördert, oder weil (2) es für einen echten Wachstumsschub sorgt, also (nur) die Güterproduktion erhöht.

Schauen wir uns dieses politisch verlockende Kalkül genauer an. Der nachstehende Fall 1 zeigt die typische Entwicklung im ungedeckten Papiergeldsystem: Die Schulden steigen schneller als die Einkommen. Die Folge ist, dass die Verschuldung im Zeitablauf ansteigt. Sie steigt immer weiter an – bis irgendwann das Ende erreicht ist: Entweder sind die Kreditgeber dann nicht mehr bereit, fällige Kredite zu erneuern oder zusätzliche Kredite zu vergeben; und/oder die Kreditnehmer sind nicht mehr in der Lage oder willens, die Altkredite zurückzuzahlen und/oder neue Kredite aufzunehmen. Das Ergebnis: Das ungedeckte Papiergeldsystem bricht (irgendwann) zusammen.

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Nun betrachten wir Fall 2: Hier gelten die gleichen Annahmen wie in Fall 1 bis zum Jahr 10. Danach fällt die Verschuldungszunahme auf null, weil fortan der Geldbedarf der Marktakteure durch neu geschaffenes Helikopter-Geld finanziert wird. Die Folge ist (annahmegemäß), dass die nominalen Einkommen fortan stärker als bisher anwachsen – und zwar weil die Preise stärker steigen als bisher. Das wiederum hat zur Folge, dass beginnend mit Jahr 11 die Verschuldungslast (die sich errechnet aus Schulden dividiert durch Einkommen) sinkt. Mit anderen Worten: Das Helikopter-Geld weckt die Hoffnung, dass es das ungedeckte Papiergeldsystem vor der Überschuldung und damit vor dem Zusammenbruch bewahrt.

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Allerdings hat die „Rettung“ einen hohen gesamtwirtschaftlichen Preis: Und das ist die Entwertung der Kaufkraft des Geldes. Man mag nun zwar hoffen, dass die Ausgabe von Helikopter-Geld das Wirtschaftswachstum belebt und nicht die Inflation in die Höhe treibt. Doch das ist, wie bereits gesagt, eine trügerische Hoffnung: Das Ansteigen der Geldmenge macht eine Volkswirtschaft nicht reicher, sondern sie sorgt für höhere Preise.

Die Geldmengenvermehrung erhöht nicht die Ressourcen, mit denen sich neue Investitionen realisieren lassen. Im Gegenteil: Die inflationäre Wirkung, die mit einer Geldmengenvermehrung verbunden ist, entmutigt das Sparen und ermutigt das Konsumieren. Der Aufbau des Kapitalstocks fällt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Volkswirtschaft betreibt Kapitalverzehr – und steht letztlich schlechter da, als wenn die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre. – Es gibt jedoch noch weitere Probleme, die mit dem Helikopter-Geld verbunden sind. Sie sollen im Folgenden kurz angesprochen werden.

VI. Die Probleme

Wenn tatsächlich Helikopter-Geld ausgegeben werden soll, dann stellen sich zwangsläufig Probleme ein. Einige davon sollen im Folgenden kurz betrachtet werden.

► Helikopter-Geld führt zur Überschuldung der EZB

Abbildung 1 zeigt eine vereinfachte Version der aktuellen EZB-Bilanz. Die von der EZB ausgegebene Euro-Basisgeldmenge (d. h. Banknoten und Guthaben der Ge-schäftsbanken bei der EZB) sind auf der Passivseite der Bilanz ausgewiesen (siehe Abb. 1).

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Auf der Aktivseite der EZB-Bilanz stehen Kredite und Wertpapiere (die an dieser Stelle nicht näher interessieren). Nun nehmen wir an, die EZB gibt Helikopter-Euro aus in Form von neuen Banknoten von, sagen wir, 500 Mrd. Euro. Der neue Euro-Betrag wird entsprechend auf der Passiv-Seite der EZB-Bilanz ausgewiesen (siehe Abb. 2).

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Dadurch steigen die Verbindlichkeiten der EZB an, während ihre Aktivposten unverändert bleiben. Folglich schrumpft das Eigenkapital der EZB. Im betrachteten Fall, in dem neue Banknoten in Höhe von 500 Mrd. Euro ausgegeben werden, wird das Eigenkapital der Bank mehr als aufgezehrt. Es „springt“ auf die Aktivseite, die Bank ist überschuldet.

Jedes andere Unternehmen müsste daraufhin Konkurs anmelden. Nicht jedoch eine Zentralbank. Sie ist der Zwangsmonopolist der Geldproduktion, und sie kann jederzeit ihre Verbindlichkeiten durch die Ausgabe ihres eigenen Geldes bezahlen. Sie muss nur sicherstellen, dass das von ihr ausgegebene Geld auch weiterhin von den Geldverwendern akzeptiert wird.

Die EZB könnte weitermachen, solange die Menschen keinen Anstoß daran nehmen, dass die EZB bilanzmäßig überschuldet ist, und sie weiterhin bereit sind, in Euro zu zahlen und zu sparen. Es kommt also darauf an, dass die Geldhalter ihr Vertrauen in das Geld nicht verlieren. Ob das bei einer (zusehends) überschuldeten Zentralbank der Fall sein wird, ist jedoch eine noch ungeklärte Frage… (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "„Helikopter-Euros“ im Anflug"

  1. cubus53 sagt:

    Die Aufregung um das Thema Helikopter-Geld kann ich nicht nachvollziehen. Es ist lediglich eines von vielen Mitteln der Geldvermehrung ohne Gegenleistung.

    Wie wir Geldvermehrung nun nennen wollen, z.B. Aufkäufe von Staatsanleihen, Aufkäufe von Unternehmensanleihen, Senkung der Zinsen oder Anhäufung der Staatschulden spielt keine Rolle, denn der Effekt ist immer derselbe: Geldentwertung.

    Im Sinne der Geldentwertung macht es keinen Unterschied, ob dem man jedem Bürger 1000 Euro schenkt oder das (Schuld-)Geld verwendet, um eine Autobahn zu sanieren. Die Sanierung der Autobahn kommt zwar nur den Autofahrern zugute bzw. denen, die den entsprechenden Autobahnabschnitt nutzen, trotzdem zahlen am Ende immer alle Steuerzahler die Zeche.

    Das Helikopter-Geld hat für mich persönlich sogar einen Vorteil. Während ich von der Sanierung der Autobahn nicht unmittelbar profitieren kann, würde ich die 1000 Euro verwenden, um diese sofort gegen Gold zu tauschen. Diese Aktion würde ich jedem Bürger empfehlen, denn das ist nicht im Sinne der EZB und führt deren Aktion ad absurdum.

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